«Manchmal ist es gut, nicht den Erwartungen zu entsprechen»

«Manchmal ist es gut, nicht den Erwartungen zu entsprechen»

Michael Etzensperger ist ein Kritiker. Dies zeigt sich auch in seiner Kunst. Nun erhält er seine erste institutionelle Einzelausstellung.

Karge Wände, Betonboden und eine Glasfront. Fünf Tische mit Computern und viel Platz. Nur ein Sofa bringt etwas Gemütlichkeit in den sonst grossen, kühl wirkenden Raum. Es ist ein Ort zum Arbeiten. In einem ehemaligen Bürogebäude beim Bahnhof Wipkingen in Zürich hat sich Michael Etzensperger gemeinsam mit fünf weiteren Kunstschaffenden ein Atelier eingerichtet. Mit zwei Handgriffen funktioniert er eine Klemme zum Hacken für eine weitere Jacke um, kocht dann Tee und erklärt, dass er gerade ein neues Video schneidet. Bunte Fische sind darin zu sehen.

Der 36-jährige Winterthurer fiel in den letzten drei Jahren mit Kunst aus aktuellen Medienberichten auf. Er arbeitete mit Bildern von der Zerstörung durch den IS in Syrien und Irak, von Soldaten auf Pick-ups und von Schleuderwaffen. Die Fotografien entnahm er den Medien, veränderte sie mit verschiedenen Drucktechniken, fügte sie zu einem Video zusammen oder stellte sie in einen neuen Kontext. «Mich interessiert, wie Bilder wahrgenommen werden», erklärt der Künstler, der 2012 sein Studium der Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste abschloss.

Doch Michael Etzensperger ist nicht nur kritisch in seinen Arbeiten, sondern auch mit sich selbst. «Meine Werke wurden zwangsläufig zu einem Kommentar des Weltgeschehens.» Jedoch gestalte sich die Arbeit manchmal schwierig, wenn man weit weg von den Konfliktgebieten ist. «Ich kann das Geschehene nur aus der Sicht des Medienkonsumenten betrachten und muss mich auf journalistische Quellen stützen.» Aus diesem Grund gestaltet er sein neuestes Projekt anders, nicht mehr so politisch. Während er spricht, scheint er seine Aussagen zu überdenken, fährt sich mit den Händen über die dunkelblonden, an den Schläfen leicht ergrauenden Haare und präzisiert dann das Gesagte. Er sei ein politischer Mensch, seine Kunst möchte er jedoch nicht so bezeichnen.

Kunst sei für ihn ein Mittel, sich der Welt anzunähern, ein Detail herauszupicken und sich damit zu befassen. Als gelernter Siebdrucker hat er ein zweites Standbein, die meiste Zeit nimmt er sich aber für die Kunst. «Ich mache das auf professionellem Niveau. Während andere im Büro arbeiten, bin ich hier im Atelier.» Als Künstler werde er oft gefragt, wie er über die Runden komme. Das ärgert ihn, denn seinen Beruf möchte er nicht rechtfertigen.

Seit sechs Jahren lebt und arbeitet er in Zürich. Nach Winterthur kommt er noch immer gerne, nimmt zu seiner Heimatstadt jedoch eine kritische Haltung ein. «Dadurch, dass Winterthur so klein ist, kennen sich in der Kulturszene alle und sind voneinander abhängig. Es gibt kaum Kritik, damit es alle schön haben.» Er würde sich wünschen, dass sich die Winterthurer Szene mehr öffnet. Sagt es, lacht und fügt selbstkritisch an: «Ich bin zwar weggezogen, die meisten meiner Ausstellungen sind aber trotzdem noch in Winterthur.»

So wurde er auch für seine erste institutionelle Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur angefragt. Ein Erfolg für den jungen Künstler und ein wichtiger Schritt. «In der Kunsthalle Winterthur stellen Künstler*innen aus, die man international kennt. Das ist eine mega coole Chance und ich freue mich riesig!», schwärmt er und gibt mit einem Grinsen zu: «Der Druck wächst und die Nervosität steigt.» Ein Jahr hatte er Zeit für die Vorbereitung. Ein Jahr, in dem er sich permanent mit dieser Ausstellung beschäftigt hat. «Ich bin nicht so der Typ, der abschaltet», meint er. Selbst das Yoga-Studio gleich neben seinem Atelier habe er trotz guten Vorsätzen schon länger nicht mehr besucht.

Wie wird nun aber diese Ausstellung? «Leichter», sagt er. Es ist das erste Mal, dass er sich ein Gesamtkonzept überlegen muss, und er wagt viel Neues. «Manchmal ist es gut, nicht den Erwartungen zu entsprechen.» Das Material entstand diesmal vor seiner Haustür und reflektiert Bilder im öffentlichen Raum. Darunter sind Videoaufnahmen von Fischen in einem Aquarium – farbig und lebendig.

 

Michael Etzensperger 1. März bis 28. April
(Eröffnung: Samstag 9. März)

Kunsthalle Winterthur Marktgasse 25

www.kunsthallewinterthur.ch

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