Ein queerer Raum für eine ganze Stadt – reicht das?

Obwohl Winterthur die sechstgrösste Stadt der Schweiz ist, gibt es nur einen öffentlichen Raum, der ausdrücklich für queere Menschen ist. Dennoch haben sich Menschen gefunden und organisieren diesen August den ersten Christopher Street Day in Winterthur. Somit setzt die queere Community ein Zeichen für queere Sichtbarkeit.

Dexter ist 18 Jahre alt. Trägt gerne Make-Up und Nagellack. Ist offen, erzählt viel von sich und lernt gerne andere Menschen kennen. Dexter sucht neue Freund*innenschaften sowie Sicherheit und engagiert sich bei den Jungsozialist*innen (Juso) in Winterthur. Dexter ist auch nonbinär und benutzt die Pronomen dey/deren. Das kann irritierend sein. In einer Gesellschaft, die nach wie vor binär in Mann oder Frau unterteilt, in «er» oder «sie», verunsichert die Wahl dieser Pronomen. Es verweist auf ein Ausserhalb und Dazwischen. Deswegen erlebt dey Hass. Von den üblichen beleidigenden Sprüchen wie «Schwuchtel» bis zu Aussagen wie «Ich hoffe, du kommst in die Hölle und dort vergast dich Hitler», die auf menschenverachtende Vernichtungspraktiken der NS-Zeit anspielen. «Auch bei mir zu Hause fühle ich mich nicht sicher», so Dexter. Nur in queeren Räumen fühlt sich Dexter sicher. Queere Räume sind physische Orte, die spezifisch für queere Menschen sind und – im Gegensatz zu queerfreundlichen Orten – vorwiegend von queeren Menschen besucht werden. Es ist die einzigen Orte, an denen dey andere Menschen kennenlernen kann, ohne Hass zu begegnen.

Queere Räume in Winterthur
Laut einer repräsentativen Befragung des Marktforschungsunternehmen Ipsos aus dem Jahr 2023 geben 13 Prozent der Schweizer Bevölkerung an, Teil der LGBT+-Community zu sein. Das entspricht mindestens 16'000 Menschen in Winterthur. LGBT+, oder auch LGBTQIA+, wird als Akronym verwendet und steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, intergeschlechtlich und asexuell, wobei das Pluszeichen auf die Vielfalt von weiteren Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen verweist. Der Begriff «queer» wird heutzutage als Selbstbezeichnung verwendet und bedeutet, dass sich jemand  nicht der heterosexuellen, cisgeschlechtlichen, binären Welt zugehörig fühlt. Wo gehen queere Menschen hin, wenn sie einen Safe Space brauchen, einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen?
Dexter geht oft in die Räumlichkeiten an der Badgasse 8. In dem alten Gebäude in der Altstadt befindet sich der Verein «wilsch – queer Winterthur». Der Verein organisiert seit 1998 regelmässige Treffen für queere Menschen in Winterthur. Jeden Donnerstag und Freitag findet der offene «Queer Treff» statt, den alle Interessierten besuchen können.
Für Jugendliche im Alter von 13 bis 19 Jahren bietet ausserdem das Jugendhaus (Juhu) einen queeren Jugendtreff in den wilsch-Räumlichkeiten an. Der «Queerterthur» Treff findet jeweils Dienstagabend statt und wird von Jugendarbeiter*innen betreut. Wird jemand zu alt für das Angebot, begleiten Jugendarbeiter*innen die Person in andere Angebote. Ziel ist es, «niemanden abrupt auszuschliessen, sondern einen sanften Übergang zu ermöglichen», sagt Philip Leu, Jugendarbeiter vom Juhu. Ursprünglich fand der Treff im Jugendhaus in der Steinberggasse statt. Wegen der exponierten Lage des Juhu und Vorfällen von Queerfeindlichkeit kamen jedoch nur wenige Jugendliche zum Treff. Seitdem «Queerterthur» in die Räumlichkeiten von «wilsch» verschoben wurde und wöchentlich durchgeführt wird, besuchen deutlich mehr Jugendliche den Treff. Auffallend sei, dass zur Zeit viele nonbinäre und trans Jugendliche das Angebot besuchen, sagt Philip Leu.
Die Räumlichkeiten von «wilsch» sind zurzeit der einzige öffentliche queere Raum in Winterthur. In Zürich, Genf, Basel, Lausanne und Bern gibt es jeweils mehrere Angebote – von Schwulenbars über queere Partys bis zu Cafés. In St. Gallen und Luzern hingegen gibt es, wie in Winterthur, ebenfalls nur einen Verein, der queere Treffen organisiert.
Die Erklärung von Dexter ist, dass viele queere Menschen nach Zürich gehen. Auch Jugendarbeiter Philip Leu bemerkt: «Viele queere Menschen aus Winterthur weichen nach Zürich aus, weil dort bereits eine grössere Szene existiert.» Der Nachteil: Wenn der Grossteil der queeren Community sich in Zürich aufhält, entsteht in Winterthur kein zusätzliches Angebot.

Orte queer machen
Effi ist eine dieser queeren Personen, die oft nach Zürich fahren. Effi Mer Delamaskis ist die Kunstfigur von Effi, eine klare Abgrenzung zur Privatperson gibt es jedoch nicht. Bei Drag verwandelt sich eine Person meist in eine Dragqueen oder einen Dragking und hinterfragt so Geschlechterrollen. Diese Kunst muss nichts mit einer Transidentität zu tun haben, bei Effi als nonbinäre trans Person ist dies aber der Fall. Mit Drag konnte Effi die eigene Identität mit Kleidern und Schminke erforschen. Dadurch hat Effi andere Menschen aus der Drag-Szene kennengelernt und sich eine Wahlfamilie aufgebaut – also Menschen gefunden, die die Rollen von Familienmitgliedern übernehmen, aber nicht blutsverwandt sind. «Die Dragfamilie ist für mich ein wichtiger Queer Space, wenn auch auf der Metaebene.» Ein Queer Space muss nicht öffentlich zugänglich sein, auch Wohnzimmer, Küchen und Badezimmer können zu Safe Spaces für queere Menschen werden. «Jeder Ort kann queer sein, wenn viele queere Menschen da sind», erklärt Effi und versucht, mit der eigenen Anwesenheit Orte queer zu machen. Auf diese Weise könnten auch in Winterthur neue Sachen entstehen, sagt Effi. «Die Menschen in Winterthur haben andere Bedürfnisse als diejenigen, die sich in Zürich aufhalten. Das Leben ist langsamer und ruhiger – im positiven Sinne.»
Bis vor kurzem gab es in Winterthur weitere Angebote. In der Alten Kaserne betrieb die Milchjugend von 2019 bis 2022 einmal pro Monat eine Milchbar. Die Milchjugend ist die grösste Jugendorganisation der Schweiz für queere Jugendliche. Auf Anfrage teilt Sara Boy mit, dass die Milchbars von ehrenamtlichen Aktivist*innen durchgeführt werden. Wenn diese aufhören, braucht es Nachfolger*innen und solche fehlten in Winterthur. In anderen Städten wie Zürich, Chur, Bern, Baden und Luzern gibt es weiterhin Milchbars, in denen sich queere Jugendliche treffen können.
Zudem gab es von 2022 bis 2024 die queere Partyreihe «samtig». «Samtig» organisierte Partys «von und für Queers» im Kraftfeld und achtete dabei besonders auf einen respektvollen Umgang. Das bedeutete, beim Einlass die Grundsätze der vertretenen Werte zu erklären, aber auch viel unbezahlte Arbeit. Dieser hohe Aufwand war für das Organisationsteam nicht mehr tragbar und deshalb kam «samtig» im Herbst 2024 zu einem Ende.

Warum es queere Räume braucht
Dexter hat versucht, deren Gender zu verstecken, für deren Sicherheit: «Aber dadurch ist es mir immer schlechter gegangen, weil ich nicht ich sein konnte.» Da dey im Alltag dennoch Beleidigungen und Hass ausgesetzt war, entschloss dey sich dazu, sich nicht länger zu verstecken: «Es gibt mir Stärke, dass ich ich selbst sein kann.» Das Make-Up und die lackierten Fingernägel lassen dey sich gut fühlen und geben Kraft, auch wenn dey sich dadurch Hass aussetzt. «Bis jetzt habe ich noch keine physische Gewalt erlebt, aber ich gehe davon aus, dass mir das eines Tages noch passiert. Das macht mir Angst.» In den Räumen von «wilsch» kann dey einfach sich selbst sein, ohne Angst zu haben.
Ein queerer Raum biete die Möglichkeit, «sich an einem sicheren Ort auszuprobieren, gerade in einer heteronormativen Welt», sagt Effi. Heteronormative Welt bedeutet, dass Heterosexualität die Normalität ist und es dementsprechend zwei Geschlechter gibt, die bei der Geburt zugewiesen werden. Auch Philip Leu sagt über «Queerterthur», «dass viele Jugendliche sich hier zum ersten Mal wirklich gesehen und akzeptiert fühlen.» Das stärke auch das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit der Jugendlichen.

Hate Crimes betreffen die ganze Community
Die Angst von queeren Menschen kommt unter anderem daher, dass sich die gemeldeten Hate Crimes seit 2020 verfünffacht haben, wie im Jahresbericht 2025 der LGBTIQ Helpline steht. Die LGBTIQ Helpline ist eine Peer-to-Peer-Beratung für Anliegen zu LGBTIQ+-Themen sowie auch die einzige Meldestelle für queerfeindliche Gewalt in der Schweiz. Allein 2024 wurden 309 Hate Crimes gemeldet. Hate Crimes sind körperliche Angriffe, Sachbeschädigungen oder Drohungen mit queerfeindlicher Motivation. Diese Hate Crimes haben oft nicht nur psychische Folgen für die Opfer, sondern auch Auswirkungen auf die gesamte queere Community, wie eine Studie aus Grossbritannien 2019 nachweisen konnte. Allein schon zu wissen, dass jemand ein Hate Crime erlebt hat, verändert die eigene Bedrohungswahrnehmung. Bei 309 gemeldeten Fällen bedeutet das, dass fast täglich eine queere Person in der Schweiz Opfer von einem Hate Crime wurde. Die LGBTIQ Helpline geht ausserdem davon aus, dass die Dunkelziffer um einiges höher ist.

Der erste CSD
Um für die Rechte von queeren Menschen zu kämpfen, haben einige Mitglieder der Juso zusammen mit Mitgliedern von queeren Organisationen den Verein CSD Winti gegründet. Dexter hat sich dem Verein angeschlossen und wirkt nun im Vorstand mit. Der Verein organisiert dieses Jahr zum ersten Mal einen Christopher Street Day in Winterthur, allgemein bekannt als CSD. Auch in Lichtensteig im Toggenburg und in Glarus gingen dieses Jahr queere Menschen zum ersten Mal auf die Strasse, um für ihre Rechte zu demonstrieren.
Der CSD ist der Gedenktag an die Aufstände gegen die Polizeigewalt in der Christopher Street im New Yorker Stadtviertel Greenwich Village. Am 28. Juni 1969 wehrten sich die Gäste der Bar Stonewall Inn gegen eine Polizeirazzia, von denen zu dieser Zeit viele stattfanden und sich insbesondere gegen Dragqueens, trans Personen und People of Color richteten. Bei diesen Razzien erfasste die Polizei die Identität aller anwesenden Gäste und veröffentlichte anschliessend ihre Namen. Zudem verhafteten sie auch Anwesende aufgrund von «Erregung öffentlichen Ärgernisses». Dazu gehörten unter anderem Händchenhalten, Küssen, das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts oder die blosse Anwesenheit in der Bar. Am Abend des 28. Juni gab es eine Schlägerei mit der Polizei, in den folgenden Nächten formierte sich weiterer Widerstand gegen die Polizeigewalt an queeren Menschen. Die Aufstände gelten als Wendepunkt im Kampf für die Gleichberechtigung von queeren Personen: Im Nachgang formte sich die Gay Liberation Front, die weltweit Rechte für Schwulen und Lesben forderte. In den 1970er-Jahren fanden in Europa die ersten CSDs und Demonstrationen für homosexuelle Rechte statt. Der erste CSD in der Schweiz fand 1978 in Zürich statt, seit 1994 wird jährlich ein Festival organisiert, das 2009 in Zürich Pride umbenannt wurde.

Ein CSD für mehr Gleichberechtigung
«Wir sind noch lange nicht dort, wo wir gerne wären», sagt Roger Widtmann. Er ist im Vorstand vom Verein CSD Winti und Co-Präsident von «wilsch – queer Winterthur», wo er seit 15 Jahren Mitglied ist, und setzt sich für die Gleichberechtigung von queeren Menschen ein.
Am 23. August lädt der Verein CSD Winti queere Menschen und alle Allys – Verbündete, die die Rechte von queeren Menschen unterstützen – ein, mit ihnen in Winterthur durch die Strassen zu ziehen. Um 15 Uhr startet die Demonstration auf dem Neumarkt mit Reden. Die Parole für die Demo ist «geborgen statt verborgen – queere Freiheit überall». Es gehe darum, die verschiedenen Aspekte des queeren Lebens zu benennen und darum zu kämpfen, «dass wir in der Schule, am Arbeitsplatz und allgemein im öffentlichen Raum frei sein können und ‹sein› können», sagt Roger Widtmann. Besonders in Zeiten, in denen «wir merken, dass die Queerfeindlichkeit wieder zunimmt, ist ein CSD wichtig.» Roger Widtmann hofft, dass die Demonstration auch «belebend wirkt und daraus neue Veranstaltungen entstehen und sich die queere Community in Winterthur vernetzen kann.» Für Dexter bedeutet der CSD vor allem eines: «Hoffnung für eine tolerantere Zukunft und Widerstand gegen den Rechtsruck.»


DER ERSTE CSD IN WINTERTHUR
findet am Samstag, 23. August statt. Mehr Infos findest du unter csd-winti.ch.

KIINO SCHOCH
studiert Journalismus an der ZHAW.

SAMUEL BOSSHARDT
hat in Hannover Dokumentarfotografie studiert und lebt in Basel.

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