Es gab ein Syrien vor dem Krieg. Es gab ein Aleppo vor dem Krieg. Dort, ganz in der Nähe, damals, vor dem Krieg, ist Nour Alabdullah aufgewachsen. Heute lebt sie in Oberwinterthur. Oft sitzt sie auf der hellgrauen Bank neben einer grossen, alten Kastanie an der Talackerstrasse. Diese Kastanie ist ihr Lieblingsbaum: «Als ich frisch hier angekommen bin, kannte ich noch nicht viele Leute und fühlte mich etwas einsam. Da gab mir dieser Baum gute Energie. Ich spreche gerne mit ihm und manchmal umarme ich ihn sogar», sagt Nour, lacht, und fügt mit einem Schmunzeln an: «Ich habe kürzlich erfahren, dass andere Menschen das auch tun. Es heisst sogar, Bäume zu umarmen sei gesund!» Sie erzählt auf Arabisch und die kehligen Laute klingen sanft in ihrer Stimme.
Wenn sie neben der Kastanie sitzt, denkt sie oft darüber nach, was für einen weiten Weg sie bis hierhin zurückgelegt hat. Diese Kastanie war die ganze Zeit hier, während sie dort in der Ferne war. Dort, wo sie als Kind im Innenhof ihres Hauses spielte. Dort, wo sie als Sekundarschülerin davon träumte, Journalistin oder Psychologin zu werden. Dort, wo sie als Tochter abends mit ihrer Familie um ihren Vater bangte, wenn er von seiner Arbeit in der Stadt in ihr Heimatdorf zurückkehrte und Schüsse zu hören waren. Dort, wo sie sich als Schwester um ihre Brüder sorgte, die vor einer Zwangsrekrutierung geschützt waren, weil sie an der Universität eingeschrieben waren – bis die Universitäten aufgrund der Unruhen schliessen mussten. Dort, wo sie als Jugendliche immer mehr Erzählungen hörte über Menschen, die von den Regierungstruppen vor den Augen ihrer Familien getötet wurden. Das alles sind Erinnerungen an ein anderes Leben, an eine Kindheit in Syrien, wo nach den Aufständen der Bevölkerung ein langer, blutiger Bürgerkrieg ausbrach. Aber diese Zeit ist vorbei und Nour ist nicht mehr dort. Sie ist jetzt hier, bei dieser Kastanie. Und das Syrien ihrer Erinnerung gibt es nicht mehr.
Nours Geschichte ist einmalig, aber kein Einzelfall. Rund 14 der 23 Millionen Einwohner*innen Syriens wurden ab 2011 im Bürgerkrieg von ihrem Zuhause vertrieben. Gut die Hälfte von ihnen fand in anderen Regionen Syriens Zuflucht, ein Grossteil floh in die Türkei und die umliegenden arabischen Länder. Etwas mehr als eine Million floh nach Europa. Heute leben rund 28'000 syrische Menschen – geflüchtete und schon vor dem Konflikt eingereiste – in der Schweiz, circa 6'000 von ihnen im Kanton Zürich. So wie Nour.
DAS NEUE ZUHAUSE
Seit sechs Jahren lebt Nour in der Schweiz. Seit gut zwei Jahren wohnt sie in ihrer eigenen Wohnung in Oberwinterthur. «Als ich meine Wohnung zum ersten Mal betrat, schien die Sonne durch das Fenster. Mir war sofort klar, dass ich mich hier wohlfühlen würde», sagt sie. Hier hat sie ihre Privatsphäre, in einem kleinen Zimmer mit einer kleinen Küche und einem Balkon. Nach und nach fand alles seinen Platz; hier die Pflanze auf dem Fenstersims und dort jene auf dem Tisch, ebenso die Illustrationen, die an den Wänden hängen, neben den arabischen Kalligrafien. Die Ruhe ihrer Wohnung, die gemütliche Atmosphäre in Winterthur stehen im Kontrast zu dem, was Nour erlebt hat. Wenn sie darüber spricht, wie ihr Heimatdorf keine drei Wochen nach ihrer Flucht im Jahr 2012 komplett zerstört wurde, steigen ihr Tränen in die Augen. «Wir sind genau rechtzeitig gegangen», sagt sie bitter. Es sind schwierige Erinnerungen. Nach der Flucht in den Libanon teilte sie sich eine rudimentäre Zweizimmer-Wohnung mit sieben Familienmitgliedern. Ihren Schulabschluss konnte sie dort nicht machen. Sie verbrachte ihre Unmengen an freier Zeit in einer Bibliothek in der Kleinstadt Hammana, wo sie ihre Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Krieg und von der Flucht in einem Buch niederschrieb. Wenn sie es jemals veröffentlichen kann, möchte sie dieses Buch den Gefangenen und den Müttern, die ihre Kinder verloren haben, widmen.
Nach sieben Jahren im Libanon wurde Nour und ihre Familie von der UNO für ein humanitäres Visum auserwählt. Sie durften nach Europa reisen. Warum gerade sie diese Möglichkeit erhielten, weiss Nour bis heute nicht. Für sie ist das alles ein grosser Zufall; dass sie mal so weit weg war und heute hier gelandet ist, in ihrer kleinen Wohnung, bei ihrem Lieblingsbaum, in dieser Stadt.
«Winterthur ist wie eine gute Freundin für mich», sagt Nour. Gerne schlendere sie durch die Altstadt und stöbere in Brockenhäusern. Das gab es nicht in Syrien, solche Läden, gefüllt mit alten Bildern und Gläsern. Auch am Lindberg ist sie gerne. Dort arbeitet sie jeweils samstags an der Arabischen Schule als Arabischlehrerin für Kinder.
In der Stadt fallen ihr immer wieder die vielen unkonventionellen Leute auf: «Sie tragen kurlige, weite Kleidung, lustige Haarschnitte und viele Accessoires. Einige sind barfuss unterwegs. Ich glaube, Winterthur ist bekannt für diese Menschen», sagt Nour. «Von ihnen habe ich gelernt, freier und weniger perfektionistisch zu sein.» Ihre Kleidung müsse jetzt auch nicht mehr immer tadellos sitzen und sie kombiniere ihre Sachen viel lockerer. In die Masse von Menschen mit eigenen Stilen fügt sich Nour mit ihrem Kopftuch nahtlos ein.
Spontane Begegnungen zwischen Fremden gebe es hier hingegen selten, meint sie. Das mache es speziell für die älteren zugewanderten Frauen und Mütter schwer, Kontakte zu knüpfen. Oft seien sie einsam: «Die Mütter kommen kaum aus dem Haus. In unserer Heimat treffen die Hausfrauen beim Einkaufen die Nachbarinnen und können ein Schwätzchen halten. Das geschieht hier nicht», führt Nour aus. Für junge Menschen sei es einfacher. Sie selbst hat hier nicht nur mit anderen Syrer*innen Freundschaften geschlossen, sondern auch mit Schweizer*innen. Es gefällt ihr, in einer Mischung aus beiden Kulturen zu leben.
DIE BEFREIUNG SYRIENS
Es ist der 8. Dezember 2024, fünf Uhr morgens und Nour hat noch kein Auge zugetan. Sie sitzt auf ihrem Sofa. Ihr Gesicht wird von ihrem Handybildschirm in blaues Licht getaucht. Sie weiss, dass in diesen Minuten etwas Grosses geschehen würde. Wie gebannt verfolgt sie die syrischen Nachrichten. Auf einem bunten Newsbanner im unteren Teil des Bildes laufen die aktuellen Informationen zu den Geschehnissen über den Bildschirm. Plötzlich steht da: «Damaskus ist gefallen.» Nour legt ihr Handy weg. Sie kann es kaum fassen, eine Wucht von Gefühlen überströmt sie. Dann greift sie wieder nach ihrem Handy und schreibt ihren Eltern, obwohl sie weiss, dass sie noch schlafen: «Syrien ist befreit! Das Regime ist gefallen!»
Später an diesem Tag versammelten sich Dutzende Syrer*innen in Zürich und feierten: «Zu Beginn des arabischen Frühlings sangen wir ‹Das Volk will den Sturz des Regimes›. Jetzt sangen wir ‹Das Volk hat das Regime gestürzt› – dieses Gefühl war unbeschreiblich», erinnert sich Nour. Sie bezeichnet den Tag als schönsten Tag des Lebens für alle Syrer*innen.
Der Fall von Damaskus setzte der über fünfzigjährigen repressiven Herrschaft der Assad-Familie in Syrien ein Ende. Tausende politische Gefangene kamen aus den Foltergefängnissen des Regimes frei und konnten zu ihren Familien zurückkehren. «Als die Menschen aus den Foltergefängnissen befreit wurden, fühlte ich mich, als wäre auch ich befreit worden», sagt Nour. Es fühle sich nun anders an, in der Schweiz zu sein. «Vorher fühlte ich mich gefangen, denn ich habe mich nie aktiv dafür entschieden, hierhin zu kommen. Jetzt habe ich wieder eine Heimat, in die ich zurückkehren könnte. Von jetzt an bin ich freiwillig hier.»
Ein düsteres Kapitel in der Geschichte Syriens ist vorbei und was das nächste Kapitel bringen mag, ist offen. Die im März zusammengestellte Übergangsregierung verspricht ein «Syrien für alle» und den Schutz von Minderheiten und der Zivilbevölkerung. Ob sie diese Versprechen einhalten wird, wird die Zukunft zeigen. Die islamistische Vergangenheit des Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa oder das Massaker an der alewitischen Minderheit Anfang März, bei dem über 1’400 Personen ums Leben kamen, lassen Minderheiten daran zweifeln, dass sie im neuen Syrien ihren Platz erhalten werden. Auch westliche Beobachter*innen sehen den Entwicklungen skeptisch zu.
Nours Angehörige in Syrien erzählen ihr derweilen von verbesserten Lebensbedingungen, erschwinglicheren Lebensmitteln und der Rückkehr des gesellschaftlichen Lebens – trotz der zerstörten Infrastruktur und den internationalen Sanktionen gegen Syrien. Es werde nun in die Verbesserung der Lage der Bevölkerung investiert und nicht mehr in Paläste wie zu Assads Zeit. Dies stimmt Nour optimistisch: «Die Übergangsregierung wird von vielen Seiten kritisiert. Aber sie regiert über ein Land, das in Trümmern liegt und in dem sich alle gegenseitig misstrauen. Das ist extrem schwierig und der Wiederaufbau braucht seine Zeit.» Für sie ist eine Zeit der Hoffnung und der Zuversicht angebrochen. Sie ist zuversichtlich, dass die Kampfflugzeuge und das Sterben nun in der Vergangenheit liegen. Sie hofft, dass die Häuser wieder Strom haben werden und die Bäckereien genügend Brot für alle backen können. Sie wünscht sich, dass der 8. Dezember 2024 der Anfang eines anderen, friedlichen Syriens gewesen sein wird. Denkt sie an den Tag von Assads Sturz zurück, steigt in ihr jedes Mal erneut Freude empor: «Ich müsste feiern. Ich müsste jeden Tag feiern.»
DIE OFFENE ZUKUNFT
Natürlich hat die Euphorie, die der Sturz des Assad-Regimes ausgelöst hat, die Spuren des Kriegs nicht weggewischt – weder in Syrien noch in der Diaspora. Nach wie vor kämpft Nour mit ihren Traumata. Ihr Onkel, der in einem Foltergefängnis vermutet wurde, ist wie viele andere nicht wieder aufgetaucht. Die Menschen in Syrien leben unter prekären Bedingungen. Die Gewalt ist noch nicht vorbei: Allein im April 2025 sind laut dem Syrian Observatory for Human Rights 352 Zivilist*innen getötet worden, unter anderem durch Waffengewalt, Blindgänger und aussergerichtliche Hinrichtungen. Rund 90 Prozent der Einwohner*innen Syriens leben in Armut, die Nahrungsmittelpreise sind heute dreizehn Mal höher als noch vor drei Jahren. Das Gesundheitssystem ist zerstört und die Bevölkerung traumatisiert. Es gilt, unzählige Menschenrechtsverletzungen und den Tod von rund 500'000 Personen aufzuarbeiten.
Die Zukunft bleibt nicht nur für die Menschen in Syrien, sondern auch für jene mit offenem Asylantrag in der Schweiz ungewiss. Syrien war letztes Jahr das fünfthäufigste Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz. Dem allergrössten Teil der syrischen Geflüchteten wurde Schutz gewährt, bis die Asylverfahren nach Assads Sturz sistiert wurden. Es könne aktuell nicht fundiert überprüft werden, ob Asylgründe vorliegen und ob der Vollzug einer Wegweisung zumutbar sei, kommunizierte das Staatssekretariat für Migration (SEM) im Dezember auf X. Auf Nachfrage teilte das SEM mit, dass per 31. März dieses Jahres 569 syrische Personen auf einen Entscheid warteten. Diese harren nun in Ungewissheit und Perspektivenlosigkeit aus, ihre Integration wird stark verzögert. Diverse Organisationen wie Amnesty International oder die Schweizer Flüchtlingshilfe kritisieren diesen Entscheid.
Für andere hingegen, die schon länger hier sind und Asyl erhalten haben, hat sich seit Dezember vieles verändert. Während der Krieg in Syrien wütete, lebte Nours Familie und viele andere, als gebe es kein Morgen. «Alle haben ihr Geld immer direkt ausgegeben, niemand sparte oder machte Pläne», meint Nour. Seit Assads Sturz gebe es jedoch eine Zukunftsperspektive: Sie möchten das Haus in Syrien wieder aufbauen oder ein neues kaufen, falls die Zerstörung für einen Wiederaufbau zu gross ist. Vielleicht wird Nour dann irgendwann in dieses Haus in Syrien ziehen. Oder sie bleibt in der Schweiz und wird bei Besuchen dort wohnen. Diese Entscheidung hat noch Zeit. Was für sie jedoch drängt, ist ein Besuch ihres Heimatlandes: «Ich habe Syrien vor 12 Jahren verlassen – jetzt muss ich einfach wieder dahin und sehen, wie es aussieht.» Mit ihrer aktuellen Aufenthaltsbewilligung kann Nour jedoch nicht nach Syrien reisen, ohne diese zu verlieren. Für die Änderung ihrer Aufenthaltsbewilligung bräuchte sie eine Arbeit. Es könnte auch eine Lehrstelle sein, aber dafür bräuchte sie Arbeitserfahrung aus einem Praktikum. Und für ein Praktikum bräuchte sie Arbeitserfahrung aus einer Schnupperlehre. Ein langer Weg, an dessen Ende, wie Nour hofft, eine Anstellung als Kleinkinderzieherin steht. Am Träumen hindert sie das nicht: «Stell dir vor, ich könnte in meinen Ferien nach Syrien reisen! Ich würde meine Verwandten besuchen und mein Heimatland entdecken!» Die Bilder von Syrien, die sie auf Social Media sieht, haben sich seit Dezember verändert. Es kursieren weniger Bilder vom Krieg und vom Leid. An ihre Stelle sind die grünen Hügellandschaften Idlibs, die Strände Latakias und das friedliche Markttreiben in den Gassen von Damaskus getreten. Ein anderes Syrien tritt zutage. Ein Syrien, das Nour entdecken möchte. Bis sie das kann, betrachtet sie weiterhin die Bilder davon im blauen Licht ihres Handybildschirms, hier und jetzt, in Oberwinterthur, auf der Bank, neben ihrem Lieblingsbaum.
Aline Geissmann ist Redakteurin beim Coucou und hat eine ausgeprägte Faszination für die arabische Sprache und Kultur.













