Von Geissen, Solidarität und Unfällen

Für viele gilt eine Sommersaison auf der Alp zu verbringen als traumhafte Auszeit vom Stadtleben. Die Realität sieht jedoch nicht immer angenehm aus. Kathrin Reimann hat mit einem langjährigen Älpler aus Winterthur über die Arbeit und die Bedingungen gesprochen. Zudem berichtet sie von ihren eigenen Erlebnissen, die sie als Ziegenhirtin für die Bergsolawi Surselva gemacht hat – einem Projekt, das 2021 von Winterthurer*innen mitgegründet wurde.

Es ist ein regnerischer, nebliger Vormittag auf der Alp. Der Tag hat um halb sechs begonnen. Nach einigen Arbeiten im Stall ziehe ich mit 60 Geissen los. Auf dem Weg zu einem für die Geissen vorgesehenen Gebiet, versuche ich die Leitgeiss davon abzuhalten, ihren eigenen Plan umzusetzen und Kräuter in höchster Höhe zu essen. Es wird ein langer und unerbittlicher Machtkampf. Die Leitgeiss schafft es, mich in einem schwer zugänglichen Gebiet mitten in Lawinenverbauungen abzuhängen. Hier ist es gefährlich für Mensch und Tier; die Geissen interessiert das nicht. Die Herde ist abgehauen. Vermutlich weidet sie bereits zufrieden auf der höchsten Kuppe. Zurückgelassen hat sie mich mit fünf winzigen Gitzis, die ohne ihre Mütter keinen Schritt tun wollen und vor Menschen panische Angst haben. Im rutschigen und steilen Gebiet fehlt mir die zündende Idee, was ich nun tun könnte. Die Geisslein kann ich nicht alle tragen, und zurücktreiben lassen sie sich auch nicht.

Diese Erfahrung machte ich 2023 bei meinem zweiten Einsatz als Geissenhirtin in der Surselva im Kanton Graubünden.Schon als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, einen Sommer auf der Alp zu verbringen. Die Nähe zur Natur, den Bergen und den Tieren hatte mich gelockt. Und die Entfernung zu den Menschen, der Stadt und dem Lärm ebenso. Das Leben auf der Alp stellte ich mir blumig und Heidi-mässig vor: über grüne Bergwiesen hüpfen, mit Ziegen spielen. Doch je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso öfter trübten Erlebnisse und Erzählungen von Anderen meine Begeisterung. Ein Bekannter berichtete mir, dass er sein Abendessen jeweils in einem anderen Raum als die Älpler*innen einnehmen musste – weil der Bauer seine Aura nicht ertragen konnte. Andere berichteten von Streitigkeiten, schlechter Stimmung oder Übergriffen. Der Film «Alptraum», 2016 von Manuel Lobmaier gedreht, bekräftigt diesen Eindruck: Der Film begleitet zwei Jugendfreunde, die auf der Alp eine schöne Zeit verbringen und ihre Freundschaft aufleben lassen wollen. Doch die unbarmherzige Natur, Rivalitäten um eine Hirtin, Krankheiten und der Tod von Tieren verwandeln den Traum in einen Albtraum. Ein eindrückliches Stück.

Die erste solidarische Alplandwirtschaft
Mein Traum vom Alpsommer hatte ich längstens auf Eis gelegt. Doch dann erzählte mir 2021 die Winterthurerin Ilaria Gandossi, dass in der Surselva eine Bergsolawi unter der Beteiligung einiger Winterthurer*innen gegründet wurde. Ich wurde hellhörig. Die Bergsolawi ist die erste solidarische Alplandwirtschaft der Schweiz. Die Mitglieder der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) wirken aktiv mit an der Entscheidung und Planung, was mit welchen Methoden, zu welchem Lohn und unter welchen Bedingungen produziert werden soll. Durch die eigene Mitarbeit und die persönlichen Erfahrungen auf der Alp soll zudem die Wertschätzung für die bäuerliche Arbeit und die Lebensmittel gefördert werden. Die Einsätze der Solawis als Geisshirt*innen auf der Alp Glivers dauern meist acht Tage, können aber auch mehrere Wochen lang sein. Diese Gelegenheit ist perfekt, dachte ich mir. So konnte ich in einen Alpsommer reinschnuppern, ohne mich für einen ganzen Sommer verpflichten zu müssen.

Im August 2021 packte ich erstmals meinen Rucksack für den Einsatz und wanderte gut drei Stunden vom Bahnhof Sumvitg aus zur 1919 Meter hoch gelegenen Alp. An meinem ersten «Arbeitstag» als Hirtin schneite es, der Nebel war so dick, dass ich keinen Meter weit sah. Ich kannte das Gelände nicht und hatte die Herde nach fünf Minuten aus den Augen verloren. Doch neben solch frustrierenden Situationen gab es auch wunderschöne Momente. Die Tage in der Natur, das Glücksgefühl, wenn die komplette Herde abends wieder im Stall ist, und den herzlichen Austausch mit dem Bauernpaar Nadja und David Deplazes, denen die Alp gehört. Meine Erkenntnis: Irgendwie geht es immer auf der Alp – auch mit nassen Schuhen, einer angeknacksten Rippe, einem tauben Zeh oder Magenproblemen.
Nadja erzählte mir, dass sie schon seit jeher fasziniert sei von den Bergen und sich am liebsten hier aufhalte. Ebenso sei sie fasziniert von Geissen: «Sie wollen immer die besten Kräuter fressen und haben stets den Drang, zu Berg zu gehen, so wie ich.» Weil ihre Haltung um einiges aufwendiger sei als diejenige von Mutterkühen, verschwinden die Tiere immer mehr von der Alp. Im Kanton Graubünden sind weit über 120 Sennalpen in Betrieb. Davon sind nur rund 10 Geissalpen, auf denen gemolken und Ziegenalpkäse hergestellt wird.
Nadja ist es wichtig, dass die Gitzis nach der Geburt nicht gleich von den Müttern getrennt und nicht mit Getreide gefüttert werden, um mehr Milch zu erhalten. Auf der Alp Glivers werden die Gitzis ausschliesslich über Nacht von ihren Müttern getrennt. Nadja betont, dass das Modell der Solawi gut funktioniere: «Die Solawi-Mitglieder kommen hinauf und wissen, weshalb sie hier als Hirt*innen arbeiten, mich in der Alp-Arbeit oder in der Küche unterstützen und die Alpeinsätze planen und koordinieren.» Und sie wiederum wisse so, wer ihre Alpprodukte wie den Käse oder das Gitzifleisch konsumiere.

Das Weltkulturerbe Alpsaison
Seit 2023 steht die Alpsaison in der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Die Aufnahme in die Liste würdigt die Tradition, die seit dem Mittelalter bekannt ist und eine Vielfalt an Fertigkeiten, Bräuchen und Ritualen umfasst, wie das Treiben des Viehs auf die Höhenweiden oder die Käseherstellung. 2024 waren laut dem Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband (SAV) rund 17'000 Älpler*innen auf einer Alp. Gemeinsam produzierten sie 5'500 Tonnen Käse und sömmerten 318'000 Tiere. Als eine der grossen Herausforderungen der Alpwirtschaft beschreibt der SAV den Mangel an geeignetem Alppersonal. In einem Forschungsprojekt der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zusammenarbeit mit dem SAV wurde eruiert, weshalb. Eine der Erkenntnisse: Neben einem akzeptablen Lohn ist eine positive und professionelle Personalführung wichtig, um motiviertes Alppersonal während mehrerer Jahre halten zu können.
Einer, der die Alpsaison gut kennt, ist Dani Eggmann. Der Winterthurer frönt dem Älplerleben seit elf Jahren. Mit seiner damaligen Freundin Carole suchte er 2014 seine erste Alp. Im Euthal bei Einsiedeln im Kanton Schwyz wurden sie fündig. Nach zwei Jahren wurde ihnen die Alp jedoch zu klein. Auf der nächsten Alp im Wallis arbeiteten die beiden im Viererteam; Carole als Zusennin und Dani als Hirte. «Es war eine wunderschöne Umgebung, ewige Weiten auf 2'500 Metern, Sicht auf den Aletschgletscher, aber die Tage waren hart und begannen oft um 3 Uhr morgens.» Carole wurde schwanger und sie setzten einen Sommer aus. Ein Jahr später zog es Dani zurück auf die Alp, mit einem Kollegen verbrachte er den Sommer auf einer Alp in Grindelwald. «Dort haben wir zwei Tonnen Käse produziert.» Doch er habe die Alp als dreckig und die Bezahlung als schlecht empfunden. Später wurde dem Privatbesitzer die Alp abgenommen. Die schlechte Erfahrung schreckte ihn nicht ab, im Gegenteil: Im Sommer darauf – vor sechs Jahren – sömmerten Dani und Carole mit ihrer damals einjährigen Tochter erstmals auf der Alp Erdis, hoch über Quarten und dem Walensee im Kanton St. Gallen – und Dani ist seither jede Saison wiedergekommen. Dieser Ort scheint wie aus dem Bilderbuch: Vor der Hütte suhlen sich freilebende Schweinchen, eingebettet liegt sie in einer malerischen Bergkulisse, die Kühe fressen von saftigen Wiesen, zahlreiche Seelein säumen das Murgtal. «Hier passt vieles, es ist nicht weit von Winterthur entfernt, und die Zusammenarbeit mit dem Alpmeister Felix ist super, ich habe ein Seilbähnli, um Waren zu transportieren, die Kühe leben in Muttertierhaltung und ich kann vieles selbst entscheiden.» Er bestimmt beispielsweise eigenständig, ob er kranke Tiere mit Antibiotika behandelt oder mit Homöopathie, wo er seine Zäune zieht und die Kühe weiden lässt. Zudem sei die Alp kinderfreundlich, seine vier- und siebenjährigen Töchter Pippa und Lotti sind auf der Alp aufgewachsen. «Es ist ihr zweites Zuhause.» Dani geht mit seinen Töchtern auch Alp-Traditionen nach: spielt mit ihnen Schweizerörgeli, singt Lieder oder sie schmücken gemeinsam die Kühe für den Alpabzug.

Wenig Komfort und Unfallrisiko
«Am Anfang habe ich viel ins Gebäude investiert», sagt Dani in der Stube, wo ein Feuer im Ofen lodert und die Räume wärmt. Die Hütte ist einfach, bietet aber Komfort wie Solarstrom, eine Küche mit Herd und Ofen oder eine Dusche mit warmem Wasser – was nach einem verregneten Tag Gold wert ist. Die Tage beginnen früh, er sieht nach den 131 Kühen, setzt Brunnen, damit die Tiere an ihren jeweiligen Standorten Wasser trinken können, pflegt die Weide, schneidet Erlen oder zäunt. «Während einer Saison ziehe ich etwa 30 Kilometer Zäune auf – teils in extrem steilem Gelände.» Dieses Gelände führt immer wieder zu Unfällen. «Ein Steinschlag hat einer Kuh einen Fuss abgetrennt.» Ein Tier sei in den Bach gefallen und habe sich dabei das Bein gebrochen. «Ein Kuh hatte eine tiefe Schnittwunde und musste mit dem Helikopter geholt werden, was sich wegen des Nebels massiv verzögerte.» Doch das Tier konnte gerettet werden und habe später bei einer Viehschau einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Dani kann zahlreiche Geschichten erzählen über Kühe, die in Gefahr geraten sind. Auf der Alp trägt er viel Verantwortung, muss die Herde immer im Blick behalten: «Besonders kritisch ist es, wenn es schneit, dann steigen die Kühe in die Höhe, weil sie nach einem besseren Tritt suchen.» Bei kleineren Krankheiten oder Verletzungen übernimmt er die Behandlung selber. Die Kühe sind für den Älpler ein wenig wie Kinder. Er schätzt an den Tieren, dass sie individuelle Charaktere haben und mit dem Alter weiser werden.

Unterstützung von Freund*innen
Trotz dieser Herausforderungen sei das Leben auf der Alp unkomplizierter als in der Stadt, erzählt Dani. «Aber so schön wie es ist, so traurig und hart kann es auch sein.» Der Tagesablauf sei klar und wiederhole sich: «Das Leben dreht sich um Tiere, Essen, Trinken und Wärme – wenn das einigermassen stimmt, geht es mir gut.» Ausserdem schätzt er es, der Hektik der Stadt zu entkommen und Zeit in der Natur zu verbringen. Oft erhält er Besuch, manchmal auch unerwartet: «Einmal kam ein Bauer bei strömendem Regen mit seinen vier Kindern zu mir auf die Alp.» Allesamt seien bis auf die Unterhosen durchnässt gewesen. «Sie mussten sich ausziehen und ich habe ein Feuer gemacht und Popcorn gemacht.» Auf die Alp gehen will der 44-Jährige noch so lange, wie es möglich sei. «Es ist einer meiner Berufe», sagt Dani. In Winterthur arbeitet er während der Wintermonate als Zimmermann für Zeier Holzbau. «Die Firma ist flexibel und so kann ich jeden Sommer auf die Alp gehen.» Die letzten drei Jahre hätten ihn seine Arbeitskolleg*innen jeweils auf der Alp besucht und unterstützt. Sowieso könne er auf die Hilfe vieler Leute zählen, die ihn auf der Alp besuchen kommen würden. «Im Gegenzug greifen sie mir bei meiner Arbeit unter die Schultern.» Unterstützung erhält er auch von Philipp, einem ehemaligen Bauern, der sich gewissenhaft um das Jungvieh kümmert.

Bissige Gitzis
Wie Dani verspüre auch ich den Drang, immer wieder in die Berge auf eine Alpsaison zu gehen, wenn auch mein Einsatz kürzer ist. An manchen Tagen auf der Alp frage ich mich schon, weshalb ich mir das antue und nicht einfach wandern gehe. Etwa, wenn man noch vor dem Frühstück im Stall von einer Geiss angepisst wird, wenn sich die Herde noch vor zehn Uhr in zwei Gruppen splittet und abhaut oder wenn man den Geissen nachsprinten muss, ausrutscht und auf die Rippen fällt. Mit diesem ambivalenten Gefühl bin ich nicht alleine. Ein weiterer Winterthurer, den ich bei der Übergabe des Alpeinsatz in der Surselva traf, ist Hannes Neuhaus. Er war diesen Sommer zum ersten Mal auf der Alp Glivers in der Surselva als Geisshirte im Einsatz und wurde von mir abgelöst. Er berichtete mir, dass es zwar eine gemütliche Woche war, aber: «Die Geissen machten mich ab und zu so hässig, dass ich sie anschrie.» Die Faszination für die Alp geht bei ihm einher mit der Faszination für die Berge. «Die unglaublichen Sonnenaufgänge sind das Schönste – normalerweise habe ich Mühe, früh aufzustehen, hier überhaupt nicht.» Weniger gefallen hat ihm, dass ihn eines der Gitzis so fest gebissen hat, dass er blutete. Doch seine Freude am Alpleben trübte es nicht – ihm hat es so gut gefallen, dass er gar nicht wieder abreisen will und seinen Aufenthalt noch etwas verlängert und in der Umgebung fischen geht.
Auf der Alp und mitten in der Natur zu sein, ist wohltuend. Die Wolken, die Geräusche, die Tiere und die Tatsache, dass jeder Apfel und jedes Stück Käse auf der Alp tausend Mal besser schmecken als in der Stadt, machen jegliche Anstrengungen, Unbequemlichkeiten und herausfordernde Situationen wett. Und besonders die Momente, die zunächst aussichtslos scheinen, wie damals, als ich nicht wusste, wie ich die fünf Gitzis aus dem Gebiet mitten in Lawinenverbauungen herausführen sollte. Mir kam dann nämlich doch noch eine schlaue Idee: Nachdem ich auf Youtube das Geräusch einer Muttergeiss gefunden hatte und abspielte, hatte ich die Aufmerksamkeit und das Vertrauen der Gitzis – und siehe da, sie folgten mir zurück in den Stall.


KATHRIN REIMANN
ist freie Journalistin und war 2021, 2023 sowie 2025 als Geissenhirtin auf der Alp Glivers. In der Bergsolawi Surselva engagiert sie sich zudem ehrenamtlich in der Betriebsgruppe Alp Glivers.

 

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