«Kulturstadt trotz knapper Kassen»

Im Sommer endet die Ära von Mike Künzle als Stadtpräsident von Winterthur. Zum Ende seiner Amtszeit erklärt der «Stapi», was ihn besonders belastet hat, warum er in der Kultur aufgegangen ist und wie er ihre nanzielle Zukunft sieht. Im Sommer will er sich dann vermehrt seinem Saxophon widmen und vielleicht sogar ein spezisches, neues Instrument spielen lernen.

Sie waren insgesamt 21 Jahre in der Stadtregierung tätig, davon rund 14 Jahre als Stadtpräsident. Wenn wir bereits ein bisschen Bilanz ziehen dürfen: Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Mike: Als Stadtpräsident lag mein Schwerpunkt stark im Kulturbereich. Da habe ich mich sehr wohlgefühlt. Trotz zunehmend enger finanzieller Spielräume ist uns da viel gelungen. So haben wir mit der Umsetzung des städtischen Museumskonzepts die Museumslandschaft geschärft und gestärkt. Eine enorme Arbeit, die unzählige Gespräche und viel Überzeugungsarbeit gebraucht hat. Daneben war mir die Stärkung der Wirtschaft und damit verbunden eine Erhöhung der Zahl der Arbeitsplätze immer ein grosses Anliegen. 2017 haben wir das House of Winterthur gegründet und 2018 zeigten wir mit der Schaffung der Fachstelle Smart City und Nachhaltigkeit im Amt für Stadtentwicklung Weitsicht bezüglich der zukunftsorientierten Entwicklung Winterthurs. Und last but not least hat Winterthur unter meinem Präsidium als eine der ersten Städte in der Schweiz eine Diversity Strategie formuliert. Auch darauf bin ich stolz.


Zuerst waren sie aber Polizeichef.

Mike: Das stimmt. Ich war zunächst sieben Jahre Vorsteher des Departements Sicherheit und Umwelt, also unter anderem für Polizei und öffentliche Sicherheit zuständig. In dieser Zeit konnten wir sehr viel umsetzen. Wir haben die Velopolizei gegründet, die Jugendpolizei ausgebaut und gemeinsam mit dem Sozialdienst den offenen Drogenumschlagplatz hinter dem Manor aufgelöst. Zudem konnten wir das Polizeigebäude – das spätere POM – vorbereiten. Insgesamt war diese Zeit im Sicherheitsdepartement sehr produktiv und die Stimmung war sehr gut. Parallel dazu war ich Umweltvorsteher. In dieser Funktion arbeiteten wir eng mit Organisationen wie dem Club of Rome und Myblueplanet zusammen, gemeinsam mit den Stadtwerken im Energie- und Klimabereich. Auch dort konnten wir zahlreiche Projekte realisieren.


Was würden Sie rückblickend anders machen?

Mike: Ein Punkt war der Volksentscheid zum Zeughausareal. Geplant war eine Überbauung mit eher höherpreisigen Wohnungen, die dieses Bevölkerungssegment gestärkt hätten. Das Volk hat sich dagegen ausgesprochen. Ich bin Demokrat – wenn das Volk Nein sagt, ist das zu akzeptieren. Überrascht hat uns der Entscheid trotzdem. Mittlerweile hat sich aber das Zeughausareal gut entwickelt. Einfach anders als geplant. Belastend waren zudem die beiden Administrativuntersuchungen bei dem Projekt Wärmering Frauenfeld und der Stadtpolizei. Solche Untersuchungen waren notwendig, aber sie sind extrem aufwendig – nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Sie belasten Beziehungen, Kollegialität und Vertrauen. Diese Phasen empfand ich als sehr schwierig.


Sie sind auch Kulturminister. Unter Ihrer Ägide wurden grosse Vorhaben umgesetzt: das Museumskonzept, die Verselbstständigung und Sanierung des Theaters Winterthur, das neue Kulturleitbild sowie die neue Kulturförderungsverordnung. Alles richtige Entscheidungen?

Mike: Ja, davon bin ich überzeugt. Gerade beim Theater gab es damals eine intensive Diskussion. Wenn man rund 40 Millionen Franken investiert, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob man lediglich saniert oder ob man auch andere Varianten prüfen sollte. Es ging nie darum, das Theater abzureissen. Trotzdem wurde diese Überprüfung von vielen so verstanden. Die Petition mit rund 6000 Unterschriften war für mich aussergewöhnlich – so etwas habe ich davor und danach nicht erlebt. Das Thema hat die Bevölkerung stark bewegt. Wir haben dann diese Variante nicht mehr weiterverfolgt. Für viele war das eine grosse Erleichterung. Heute bin ich mit dem Ergebnis der Sanierung sehr zufrieden. Es war richtig, diesen Weg zu gehen. Ich finde aber auch: Eine Regierung muss vorausschauen dürfen. Es darf kein generelles Denkverbot geben, Ideen zumindest zu prüfen. In diesem Fall kann ich mit Überzeugung sagen, dass wir richtig entschieden haben.


Im Schweizer Städtevergleich gibt Winterthur relativ wenig für Kultur aus, betont aber gleichzeitig immer wieder das Label «Kulturstadt». Sie selbst haben die Kultur immer wieder als «Salz der Gesellschaft» bezeichnet. Ist das nicht ein Widerspruch?

Mike: Nein, das ist kein Widerspruch. Wenn man Winterthur mit anderen Städten vergleicht, sieht man: Wir sind in keinem Bereich Spitzenreiter bei den Ausgaben. Das liegt schlicht daran, dass wir die finanziellen Mittel nicht haben. Die Kosten in Bereichen wie Bildung, Gesundheit und Soziales steigen exorbitant und sind gesetzlich vorgegeben. Wenn die Steuereinnahmen nicht im gleichen Ausmass wachsen, stellt sich die Frage, wer das bezahlt. Sport und Kultur sind die beiden Bereiche ohne übergeordnete, gesetzliche Grundlage – dort wird zuerst gespart. Gerade deshalb war es mir wichtig, die Kulturförderungsverordnung einzuführen, um zumindest eine gewisse Verbindlichkeit zu schaffen. Das ist uns gelungen. Dennoch zeigen die Finanzpläne der Stadt, dass auch in Zukunft schwierige Zeiten bevorstehen. Das gefällt mir nicht, aber es ist Realität.


Lange Zeit wurde ein Missverhältnis zwischen den unbefristeten Subventionsverträgen für die grossen Häuser und den befristeten für die kleineren bemängelt. Letztes Jahr wurde allerdings das Budget für die befristeten um ca. 800'000 Franken erhöht. Reicht das?

Mike: Wir haben mit allen Institutionen intensive Gespräche geführt. Die meisten sind gut aufgestellt. An die Kultur wird heute aber vermehrt ein Professionalisierungsanspruch gestellt, der ohne zusätzliche Mittel nicht umsetzbar ist. Beim Museum Schaffen etwa wurde die langjährige Förderung zunächst abgelehnt, was einen starken Entwicklungsprozess ausgelöst hat. Diesen Prozess unterstützt die Stadt nun mit einem jährlichen Beitrag. Ziel ist es, nach Abschluss des Prozesses dem Museum Schaffen wieder eine langjährige Förderung zukommen zu lassen.


Trotzdem gibt es immer wieder Kritik an der starken Förderung der vier grossen Institutionen im Vergleich zu den restlichen Kulturbetrieben der Stadt. Ist diese gerechtfertigt?

Mike: Diese Diskussion kenne ich seit vielen Jahren. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, die grossen Institutionen zu unterstützen. Wenn man von der Kulturstadt Winterthur spricht, dann sind es diese grossen Institutionen, die stärker nach aussen sichtbar sind. Das Image der Kulturstadt entsteht nicht nur, indem man einzelnen kleinen Projekten Geld gibt, sondern durch starke, verlässliche Institutionen, die auch eine stark vernetzende Funktion innerhalb der Stadt haben. Diese grossen Häuser sind Leuchttürme oder Zugpferde – auch wenn der Begriff nicht überall beliebt ist. Sie tragen das Image der Stadt nach aussen. Gleichzeitig war es uns wichtig, kleinere Akteure einzubinden, eine vielfältige Kultur zu haben. Genau dafür sind die befristeten Subventionsverträge da. Wir haben sogar neue Institutionen aufgenommen, etwa das Theater Ariane. Das ist ein Kleinod. Die Nähe zwischen Publikum und Schauspieler*innen hat eine besondere Qualität. Auch solche Angebote sollen möglich sein.


Für projektbezogene, freie Kultur stehen rund 600’000 Franken zur Verfügung. Genügt das?

Mike: Dieser Betrag entspricht dem, was in den letzten Jahren üblich war. Das eigentliche Problem ist nicht die Höhe, sondern dass wir gezwungen waren, diesen Betrag zu senken – aufgrund fehlender finanzieller Mittel. So müssen wir die vielen Gesuche strenger beurteilen. Einige tolle Formate können wir nicht mehr unterstützen. Ich würde nicht sagen, dass 600’000 Franken grundsätzlich zu wenig sind, schade aber, dass wir nicht um Reduktionen herumkommen.


Kritiker*innen bemängeln, dass mit Instrumenten wie dem House of Winterthur Kultur zunehmend mit Wirtschafts- und Standortinteressen verknüpft wird. Manche sprechen von einer Kommerzialisierung der Kultur. Was entgegnen Sie?

Mike: Ich teile diese Einschätzung nicht. Eine Standortförderungsorganisation hat den Auftrag, den Standort sichtbar zu machen und zu bewerben. Dass sie dabei auch die Kulturstadt Winterthur hervorhebt, ist sinnvoll und richtig. Das bringt der Stadt letztlich etwas zurück. Wenn Menschen nach Winterthur kommen, um Museen zu besuchen oder kulturelle Angebote wahrzunehmen, profitiert die Stadt davon. Das ist keine Kommerzialisierung, sondern ein Beitrag zur Wertschöpfung. Beim House of Winterthur ging es nie nur um Wirtschaft. Die vier Träger waren Bildung, Kultur, Tourismus und Wirtschaft. Kultur war also immer integraler Bestandteil. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass wir in diesem Bereich vielleicht sogar noch mehr hätten machen können.


Kultur hat aber auch einen Eigenwert für das Gemeinwohl und ist nicht nur eine Ressource für Wachstum.

Mike: Das bestreite ich nicht. Aber ich stelle die Gegenfrage: Sind all die Kunstrasenplätze, die wir realisiert haben, weil wir aufgrund des Wachstums immer mehr Kinder haben, die Fussball spielen wollen, etwas, das man nicht hätte machen sollen? Natürlich nicht. Wir investieren sowohl in Kultur als auch in Sport. Beim Sport sanieren wir grosse Infrastrukturen, etwa die Schützenwiese. Diese Investitionen dienen primär der eigenen Bevölkerung. Kultur hingegen wirkt über die Stadtgrenzen hinaus und zieht Menschen nach Winterthur. Ich sehe darin keinen Widerspruch und keine problematische Kommerzialisierung, sondern eine legitime Aufgabe der Standortförderung, die Stärken der Stadt sichtbar zu machen. Aber ich muss zugeben: das tun auch der FCW, Pfadi, HCR etc.


Ein grosser Teil der «Kulturstadt» basiert auf dem ehrenamtlichen Engagement von Menschen, die oft unter prekären Bedingungen arbeiten. Was läuft da falsch?

Mike: Ehrenamtlichkeit ist ein zentraler Pfeiler unserer Gesellschaft: in Kirchen, in Sportvereinen, in Quartiervereinen – und eben auch in der Kultur. Wir könnten das alles gar nicht bezahlen. Wenn wir Ehrenamtlichkeit in der Kultur entlöhnen würden, müssten wir das konsequenterweise auch in all diesen anderen Bereichen tun. Das wäre finanziell nicht machbar. Gleichzeitig haben wir anerkannt, dass in der Kultur eine gewisse Professionalisierung notwendig ist. Deshalb haben wir darauf geachtet, soziale Absicherungen zu verbessern und bei Förderungen Tarife zu berücksichtigen, die auch Sozialleistungen abdecken. Das war uns wichtig und das haben wir umgesetzt.


Während Ihrer Amtszeit ist die Bevölkerung Winterthurs um rund 20 Prozent gewachsen. Ist dieses Wachstum nachhaltig?

Mike: Das Wachstum aufzunehmen, ist ein politischer Auftrag. Der Kanton Zürich hat im Richtplan festgelegt, dass das Bevölkerungswachstum in den Städten aufgefangen werden soll – insbesondere in Zürich, Winterthur und Uster. Als Stadtregierung können wir nicht einfach sagen, wir wollen kein Wachstum. Unsere Haltung war stets: Wir wollen das stattfindende Wachstum qualitativ begleiten. Es geht darum, gut funktionierendeQuartiere zu entwickeln und Ghettobildung zu vermeiden. Ich denke, das ist insgesamt gut gelungen. Wir treiben das Wachstum nicht aktiv voran, aber wir begleiten es. Gleichzeitig spüren wir den Druck: volle Züge, volle Strassen, ausverkaufte Kulturveranstaltungen. Das zeigt, dass es Belastungen gibt, die wir ernst nehmen müssen.


Wie sieht es mit bezahlbarem Wohnraum aus?

Mike: Das ist eine der grössten Herausforderungen. Der konkrete Auftrag in Winterthur lautet, jährlich im Schnitt 120 gemeinnützige Wohnungen zu realisieren. Wenn uns das gelingt, sind wir wirklich gut unterwegs. Denn das wäre jedes Jahr eine Überbauung à la Vogelsang. Wir arbeiten eng mit den Wohnbaugenossenschaften zusammen. Das Ziel ist anspruchsvoll, aber es ist ein klarer Volksauftrag, den wir so gut wie möglich umsetzen müssen.


Kultur braucht auch Raum – beispielsweise mit Zwischennutzungen. Wird darauf ausreichend geachtet?

Mike: Zwischennutzungen sind bei uns ein Dauerthema. Eine ideale Phase hatten wir auf dem Sulzer-Areal, als noch viele Hallen leer standen. Dort konnte bspw. die Künstlergruppe Ausstellungen realisieren. Mit fortschreitender Entwicklung wurden diese Räume weniger. Dennoch gibt es weiterhin Möglichkeiten, etwa in der Halle 710, wo wir Ausstellungen für Künstler*innen ermöglichen. Raum bleibt aber eine zentrale Herausforderung. Hinzu kommen Angebote wie die Auslandateliers in Zusammenarbeit mit anderen Städten – etwa in Berlin oder Kairo. Das sind wertvolle Möglichkeiten, sich zurückzuziehen, neue Eindrücke zu sammeln und sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Mit dem Kulturraum Speicher bieten wir ab Februar zudem Arbeitsräume, Lager sowie einen Co-Workingspace für Kulturschaffende an. Wir denken die Zwischennutzung für die Kultur immer mit.


Zum Schluss noch ein persönlicher Ausblick: Sie haben früher in einer Coverband Saxophon gespielt. Wird das nun wieder aktuell?

Mike: Ja, ich will wieder mehr Saxophon spielen. Ich habe mein Saxophon kürzlich revidieren lassen, weil ein Instrument Schaden nimmt, wenn es lange ungespielt bleibt. Jetzt hoffe ich, wieder regelmässig spielen zu können. Ein kleiner Traum wäre es zudem, Schwyzerörgeli zu lernen – das wäre eine schöne Ergänzung zum Saxophon. Ob und wie das klappt, wird sich zeigen. Ich spreche viel mit meiner Frau, wie unsere Zukunft aussehen wird, aber spruchreif ist noch nichts. Am 30. Juni ist mein letzter Arbeitstag. Bis dahin bin ich Stadtpräsident.


Und politisch? Ist ein Comeback denkbar?

Mike: Im Moment sage ich klar: nein. Aber man weiss nie, was das Leben bringt.


Mike Künzle
war von 2012 bis 2026 Stadtpräsident von Winterthur.

Stefan Breitenmoser
ist Redakteur beim Coucou.

Roman Surber
ist Fotograf aus Winterthur.

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