Womit die Kultur rechnen kann

Beide wollen Stadtpräsident von Winterthur werden: Kaspar Bopp (SP) und Stefan Fritschi (FDP). Sophie Wagner hat sie getroen, um über Kulturpolitik zu sprechen.

Was versteht ihr unter dem Begriff Kultur?

KB: Kultur ist etwas zutiefst Lustvolles. Sie schafft Begegnung, Freude und Energie. Ein gutes Beispiel dafür sind die Winterthurer Musikfestwochen: Man kommt nach der Arbeit vorbei, trifft Menschen, denen man sonst nie begegnen würde und entdeckt gleichzeitig neue Musik.

SF: Ich orientiere mich an den klassischen Sparten: Musik, Gestaltung, bildende Kunst, Literatur, Theater. Der Begriff ist breit, aber man muss ihn auch eingrenzen. Für mich gehört zur Kultur immer auch ein Qualitätsanspruch. Nicht jede menschliche Äusserung ist automatisch Kultur.


Und wer bestimmt diese Qualität?

SF: Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Es gibt keine objektive Messmethode, weder in der Musik noch in der bildenden Kunst. Was ist «gute» Musik? Was ist ein «hochwertiges» Kunstwerk? Am Ende muss man sich auf Fachpersonen verlassen. Qualität demokratisch festzulegen, funktioniert in der Kultur nur bedingt.

KB: Ich finde den Qualitätsbegriff heikel. Kultur braucht Raum, um sich zu entwickeln. Es ist wie im Sport: Es gibt den Profibereich, aber auch den Breitensport, wo Neues entstehen darf. In der breiten Kultur mit strengen Massstäben auszusortieren, halte ich für problematisch.

SF: Trotzdem gibt es Grenzen. Ein Geranium-Kästchen ist für mich keine Kultur, sondern Dekoration. Ich erinnere mich an einen Wettbewerb für Kunst am Bau bei der Kirche Rosenberg. Zur Diskussion stand ein Brunnen mit Geranium-Kästchen gegenüber dem Bogen von Susanne Schoch, der heute noch dort steht. Da wurde mir klar, wie gross der Unterschied zwischen Kunst, Kultur und Dekoration sein kann.

KB: Gleichzeitig kann selbst ein scheinbar banales Objekt, je nach Kontext, einen Perspektivenwechsel auslösen. Dann kann es kulturelle Bedeutung erhalten.


Welche Rolle spielt Kultur in eurer Freizeit?

KB: Die Musikfestwochen begleiten mich seit meiner Jugend und sind bis heute ein wichtiger Bezugspunkt. Ich besuche regelmässig das Casinotheater, lese viel Literatur und schätze auch die Winterthurer Museen, selbst wenn ich nicht ständig dort bin. 

SF: Mich zieht es eher in die bildende Kunst. Ich gehe häufig ins Fotomuseum und in die Fotostiftung, die in meinem Quartier liegen. Gerade beim Fotomuseum finde ich die Ausstellungen anspruchsvoll, weshalb Vermittlungsangebote wie Führungen besonders wichtig sind. Auch klassische Musik liegt mir am Herzen, nicht zuletzt, weil ich selbst Cello spiele.


Was macht Winterthur zu einer Kulturstadt?

KB: Für mich sind es die Menschen: die Kulturschaffenden, die in der Szene mitwirken, und jene, die Kulturangebote konsumieren. Es sind aber auch Dinge, die man nicht sofort mit Kultur verbindet, wie die Schützenwiese mit der dritten Halbzeit. Überall geht es um das Zusammenspiel von Menschen und Kunst. Genau das prägt Winterthur.

SF: Für mich ist die Winterthurer Kultur wie ein Garten: ein Ort mit vielen Pflanzen mit unterschiedlichen Grössen und Lebenszyklen. Einige Institutionen, die es in meiner Jugend gab, gibt es heute nicht mehr. Andere sind neu entstanden. Das gehört zu einem lebendigen Kultur-Ökosystem. Aufgabe der Stadt ist es, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen stimmen, dass es Boden, Raum und Wasser gibt.


Dies ist immer auch eine Frage des Geldes. Soll Kultur gerade in finanziell angespannten Zeiten besonders geschützt werden oder ist sie verhandelbar?

KB: Kultur ist kein Luxusgut, das man in schlechten Zeiten einfach streichen kann. Natürlich hat die Stadt viele andere wichtige Aufgaben, zum Beispiel im Bildungsbereich. Aber Kulturförderung beginnt bei der Finanzpolitik: Mit einer langfristigen Finanzpolitik entsteht auch Raum für Kultur.

SF: Kultur steigert die Lebensqualität und die Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts. Ich habe das selbst erlebt, als ich in den USA an einem Ort mit wenig Kultur gearbeitet habe. Wenn Kolleginnen und Kollegen nach Winterthur kamen, waren sie beeindruckt, wie reich unser Angebot ist. Trotzdem müssen wir ehrlich sein: Die Finanzen sind begrenzt. Auch bei der Kultur darf man Fragen stellen, ob ein bestimmter Betrag für eine Institution gerechtfertigt ist.


Welche Beträge sind gerechtfertigt?

SF: Nun, nicht alles ist eine Geldfrage, manchmal reicht ein Raum oder eine Bewilligung. Aber natürlich müssen wir entscheiden, wieviel Geld wohin fliesst. Winterthur hat Leuchttürme wie das Musikkollegium, das Kunstmuseum oder das Technorama. Sie bilden das Grundgerüst der Kulturlandschaft und müssen gut finanziert werden.

KB: Gleichzeitig dürfen wir die prekären Arbeitsbedingungen vieler Kulturschaffender nicht ignorieren. Etablierte Institutionen brauchen Stabilität, aber Neues braucht ebenfalls Förderung. Kulturpolitik beginnt bei der Finanzpolitik: Wer nur kurzfristig denkt, verhindert Entwicklung.


Was ist mit der freien Kulturszene Winterthurs?

SF: Dort sehe ich klaren Handlungsbedarf. Ein grosser Teil der Mittel fliesst an etablierte Institutionen – zu Recht. Aber gerade in der freien Szene entsteht viel Neues, oft ohne Sichtbarkeit und Ressourcen. Auch die Laienkultur wird kaum gefördert, dabei trägt sie entscheidend zur Vielfalt der Stadt bei.

KB: Ich sehe das genauso. Die freie Szene ist ein zentraler Innovationsmotor. Schon mit wenig Geld kann viel entstehen, wenn es Räume, Auftrittsmöglichkeiten und erste Förderungen gibt. Die Stadt muss diese Bedingungen schaffen.


Wo gibt es sonst noch Handlungsbedarf?

SF: Gerade beim Musikkollegium, der grössten Kulturinstitution der Stadt mit den meisten Mitarbeitenden, tragen wir eine besondere Verantwortung. Dort lassen sich nicht einfach einzelne Stellen streichen, ohne die künstlerische Substanz zu gefährden. Ein Orchester funktioniert wie eine mechanische Uhr – nimmt man einen Teil weg, ist es kein Sinfonieorchester mehr.

KB: Ein Beispiel, das mir Sorgen macht, sind die Internationalen Kurzfilmtage. Sie sind jedes Jahr ein Highlight, aber stehen nun durch den Absprung der Zürcher Kantonalbank als Hauptsponsorin finanziell unter Druck. Da müssen wir hinschauen, damit dieses Format erhalten bleibt.



Was waren die grössten Erfolge im Bereich Kultur, die Ihre Partei in den letzten Jahren erzielt hat?

SF: Ich sehe mich in der Exekutive nicht als Parteivertreter. Natürlich komme ich aus der FDP, aber im Stadtrat geht es darum, das Beste für die ganze Stadt zu entscheiden. In meiner Rolle als Stadtrat habe ich mich speziell für die Förderung der lokalen Kunstszene, insbesondere für Nachwuchskünstler*innen eingesetzt. Als Mitglied der städtischen Kunstkommission war es mir immer ein Anliegen, Werkankäufe von jungen Künstler*innen aus Winterthur zu tätigen, die in der städtischen Kunstsammlung noch nicht vertreten sind. Auch der städtische Förderpreis ist wichtig für die Anerkennung von jugendlichen Talenten. Ein wichtiger Meilenstein waren auch die neuen Subventionsverträge.

KB: Die SP setzt sich im Parlament konsequent für Kulturfinanzierung ein. Auch bei den Subventionsverträgen hat sie entscheidend zur Lösung beigetragen, auch wenn der Prozess länger dauerte.


Was ist aus Ihrer Sicht die grösste kulturpolitische Herausforderung für Winterthur in den nächsten vier Jahren?

KB: Die finanziellen Rahmenbedingungen. Kultur ist eine freiwillige Leistung und genau deshalb besonders gefährdet. Für mich ist sie aber kein Luxusgut.

SF: Wir haben im Kulturbereich kaum gesetzliche Verpflichtungen. Umso wichtiger ist es, Kultur bewusst zu schützen und ihren Wert anzuerkennen.


Wie gross ist der reale Handlungsspielraum des Stadtratspräsidiums, die Kultur Winterthurs zu beeinflussen?

SF: Grösser, als viele denken. Viele Projektbeiträge laufen über das Präsidialdepartement. Das ist richtig so – Kulturförderung muss nicht überall durch den Stadtrat oder das Parlament. Der Stadtpräsident ist quasi Botschafter und das Gesicht für die Kultur in Winterthur.

KB: In dieser Rolle lässt sich tatsächlich viel bewegen. Als Stadtpräsident möchte ich in den Budgetprozessen für das Kulturbudget kämpfen und zentrale Infrastrukturprojekte vorantreiben. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Sichtbarkeit. Kultur muss gesehen werden und als Stadtpräsident kann ich das mit meiner Präsenz und meinen Auftritten unterstützen.


Kaspar Bopp (1979)
ist Stadtrat in Winterthur und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SP). Er leitet das Finanzdepartement und ist verantwortlich für Budget, Investitionen, Steuerwesen sowie Teile der städtischen Immobilien und Informatik. Für das Stadtpräsidium 2026 tritt er im zweiten Anlauf an.

Stefan Fritschi (1972)
ist Stadtrat in Winterthur und Mitglied der Liberalen (FDP). Er steht dem Departement Technische Betriebe vor, das Stadtbusse, Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung sowie Grünanlagen und Friedhöfe verantwortet.

Sophie Wagner
ist Produktionsleiterin beim Coucou und schreibt gerne darüber, was zwischen Wahlplakaten und Kulturräumen passiert.

 

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