Ein Vorname tritt ab

Ein Vorname tritt ab

Vor 14 Jahren sprengte Gangnam Style das Internet, hatte Instagram erst 12 Mitarbeiter und «Yolo» wurde zum Jugendwort des Jahres erklärt. Und in Winterthur? Wurde 2012 ein neuer Vorname Stadtpräsident: «Dä» Mike.

Mike Künzle, dem das Du stets näher lag als das Sie, trat die Nachfolge von Ernst Wohlwend an. Und wurde von Amtes wegen auch Vorsteher der selbstdeklarierten «Kulturstadt». Vor 14 Jahren, ein paar Monate nach Mike Künzles Antritt, erschien auch das Coucou zum ersten Mal. Seither haben wir uns gegenseitig begleitet, «dä» Mike und das Coucou. Unser Austausch war vielseitig. Befragend, als wir mit ihm zu Anfangszeiten für ein mehrteiliges Interview einen Tag lang von Kulturort zu Kulturort fuhren; kritisierend, wenn es um Sparprogramme in der Kultur ging; dankend, als die Stadt das Wirken des Coucous mit dem Kulturpreis ehrte; laut und hässig bei der Absage an die Coucou-Bemühungen um einen Subventionsvertrag; parodierend und augenzwinkernd mit dem «Mike Künzle Double» als langjährige Kolumne.
Mike Künzle wurde trotz bisweilen sachlicher Differenzen in der Kulturszene geschätzt. Diese Aussage ist nicht selbstverständlich, wurde doch die Ablösung des sich in der Kultur zuhause fühlenden Ernst Wohlwends hin zu Mike Künzle, den man damals oberflächlich betrachtet eher im Festzelt des Turnvereins statt im Theatersaal verortete, in der Kultur eher kritisch beäugt. Auf linken Kulturvisionär folgt bürgerlicher Sparpolitiker, so lautete damals der Tenor. Und durchaus: Mike Künzle war mehr Bewahrer denn Erbauer. Dies hat auch mit dem stadtpolitischen Spardogma zu tun, das insbesondere seine ersten Amtsjahre begleitete – damals, als das Sparpaket «Balance» auch die Kultur auf einschneidende Weise betraf und «Griechenland der Schweiz» zum geflügelten Wort für Winterthurs klamme Finanzlage wurde. Was folgte war eine Kulturpolitik irgendwo zwischen Leitbild und Sparstift.
Das neue Kulturleitbild gleich zu Beginn von Künzles Amtszeit darf ebenso zu seinen Erfolgen gezählt werden, wie das Museumskonzept oder schlussendlich die Renovation des Theater Winterthurs. Künzle war dialogbereit, suchte Lösungen. Aber es gab auch Stolpersteine: 2023 schaffte es die neue Kulturförderverordnung erst im zweiten Anlauf durch das Parlament. Und auch die Diskussionen um die Höhe der befristeten Subventionsverträge 2024 – es war am Ende deutlich weniger als erhofft – lösten viele Unsicherheiten aus. In diesem Kontext ist auch zu verstehen, dass Mike Künzles Hohelied auf die Freiwilligenarbeit in der Kultur (man könne es sich nicht leisten, alles zu professionalisieren) nicht überall gleich gut ankam: gerade bei kleineren, bereits auf viel Freiwilligen-Arbeit bauenden Kulturprojekten. 
Ja, 14 Jahre sind eine lange Zeit. Und an kulturpolitischen Herausforderungen (dazu kam noch die Pandemie) mangelte es in diesen Jahren nicht. Will man nun zu dieser Zeitspanne ein Fazit ziehen und Mike Künzles Leistung im Kulturbereich bewerten, so landet man unweigerlich bei einer grossen Frage: Hat seine Politik der verwaltenden Kleinschritte grössere Würfe verhindert? Oder hat seine eingemittete und somit Kompromiss-fördernde Positionierung  dazu beigetragen, dass sich die Kulturszene trotz klammer Kassen auf einigermassen stabilem Grund bewegen konnte? Vielleicht beides. Vielleicht war Mike Künzle genau der richtige Kulturvorsteher zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und vielleicht ist es nun auch Zeit für frischen Wind.
Nein, Liebe auf den ersten Blick gab es zwischen Mike Künzle und der Winterthurer Kultur nicht. Aber es war wohl das, was man eine mit der Zeit wachsende Beziehung nennen kann. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt des Stapis Art: «dä» Mike war nahbar und glaubwürdig. Auch dies verschaffte ihm den wohl bekanntesten Vornamen der Stadt. 
In diesem Sinne: Lieber Mike, alles Gute! 


SANDRA BIBERSTEIN UND SILVAN GISLER
sind Teil des Coucous seit der ersten Stunde.

ANJA WICKI
arbeitet als Bildredaktorin beim Coucou.

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