Auf ein «Bläterliwasser»

mit Bene Andrist und Jürgen Baumann

Hallo Bene und Jürgen. Seit März 2024 betreibt ihr den Kunstraum NEU! an der Neustadtgasse 27. Dies gemeinsam mit Jorge Oswald, der am Gespräch leider nicht teilnehmen kann. Was hat euch zur Eröffnung bewegt?

JB: Wir haben zweieinhalb Jahre lang Offsite-Ausstellungen organisiert, also Ausstellungen ausserhalb klassischer Kunsträume. Zum Beispiel im Eulachtunnel, auf der Burgruine Alt-Wülflingen oder im ehemaligen Kebab-Treff beim Bahnhof Grüze. Das war lässig, aber auch stressig, logistisch aufwendig und wetterabhängig. Während dieser Zeit haben wir nach einem festen Ausstellungsraum gesucht. Durch einen glücklichen Zufall hat sich das dann ergeben.
BA: Der Aufwand für eine Tagesausstellung war viel grösser als für eine vierwöchige Ausstellung, wie wir sie jetzt haben.

Seht ihr Winti als Kunststadt?

JB: Die Stadt ist stark von Museen und historischen Sammlungen geprägt. Wir sind meines Wissens der einzige Offspace hier. In Zürich gibt es etwa 50 und es werden mehr. Ich beobachte eine Abwanderung von jungen Kunstschaffenden nach Zürich und Basel, weil hier wenig passiert.
AB: In Winti gibt es kaum Formate für Einzelausstellungen junger Künstler*innen. Unser Space allein macht noch keinen Unterschied, aber vielleicht eröffnet bald ein weiterer. Generell mangelt es in der Stadt aber an bezahlbarem Raum für Wohnen und Kunst.

Worin unterscheidet ihr euch als Offspace von Museen oder Galerien?

JB: Wir verfolgen keine Sammlungsaktivitäten und erhalten keine Subventionen. Als nicht-kommerzielle Galerie zielen wir auch nicht auf Verkäufe ab. Während Museen auf etablierte Kunst setzen, schaffen wir einen niedrigschwelligen Einstieg für Kunstschaffende.
BA: Und bei uns sind die Wege von der Anfrage der Künstler*innen bis zu Ausstellung kürzer.

Wie verliefen für euch die bisherigen Kurationen?

JB: Wir haben nur positive Erfahrungen gemacht. Es macht Spass, beim Aufbau mit dabei zu sein und über die Präsentation zu diskutieren. So begibt man sich in das Mindset der Künstler*innen. Bei NEU! können wir zudem Dinge umsetzen, die wir uns für unsere eigenen Ausstellungen als Kunstschaffende wünschen, wie fotografieren, dokumentieren, Texte schreiben und Flyer gestalten.

Eure Ausstellungsfläche ist recht beschränkt, sie umfasst einen relativ kleinen Raum von 24 Quadratmeter. Welchen Einfluss hat das auf die Kunst und die Ausstellung?

BA: Der Raum setzt Grenzen, aber gerade das ist spannend. Wir müssen mit ihm arbeiten, um das Beste aus ihm herauszuholen. Dadurch rückt die Kunst selbst mehr in den Fokus.
JB: Der Raum hat eine tiefe, leicht schräge Lamellendecke, einen Laminatboden und sichtbare Kabelkanäle. Mit drei Fenstern haben wir wenig freie Wandfläche. So kommen Besucher*innen der Kunst sehr nahe, manchmal sind sie sogar mittendrin. Das sind andere Gegebenheiten als in klassischen Ausstellungen.

Was bringt ihr für Zugänge zur Kunst mit? (Jorge Oswald hat seine Antwort schriftlich nachgereicht.)

JB und BA: Wir haben beide Kunst studiert, wir arbeiten beide künstlerisch, stellen aus und sind beide Skulpteure.
JO: Ich arbeite als Filmemacher und Musiker. In der Vergangenheit habe ich diverse Ausstellungen kuratiert.

Euer neustes Projekt ist ein Filmfestival für unabhängige Filmproduktionen von mindestens 40 Minuten. Vom 6. bis 27. November zeigt ihr jeweils einen Film pro Woche. Weshalb rückt ihr Langfilme in den Mittelpunkt?

JO: Unabhängige Filmschaffende sind meist auf Kurzfilme beschränkt, da längere Produktionen erheblich mehr Aufwand und Kosten erfordern und oft nur von grösseren Studios finanziert werden können. Wir möchten daher diejenigen fördern, die sich dennoch an einen Langfilm wagen, und ihnen eine Plattform bieten.
BA: Die Kurzfilmtage im November dienen uns als witziger Aufhänger. Wir haben nicht deren Reichweite oder Kapazität und es ist fast absurd, mit unseren begrenzten Mitteln längere Filme zu fördern. Gleichzeitig hoffen wir, dass so Filminteressierte auf uns aufmerksam werden. In Winterthur klappt das dank des dörflichen Charakters, in Zürich würde es untergehen.

Wollt ihr mit eurem Offspace über die lokale Szene hinaus Kunstschaffende ansprechen?

JB: Wir sprechen ein internationales Publikum an. Neben den Besucher*innen vor Ort passiert in der Kunstwelt seit der Covid-Pandemie viel online über Blogs und Instagram. Du kannst dich mit deinen Ausstellungsdokumentationen auf diesen kuratierten Plattformen bewerben. Gerade für Offsite-Ausstellungen an schwer zugänglichen Orten eröffnen sich so neue Möglichkeiten.Wir würden gerne auch mehr internationale Kunstschaffende einladen, sind aber finanziell limitiert.
BA: Diese Blogs sind teilweise richtig gross und bieten gute Vernetzungsmöglichkeiten, da ihnen auch Künstler*innen folgen. Virtuell erscheint dann eine Ausstellung von NEU! direkt neben der Fundação de Serralves in Porto. Die Leute glauben dann, Winti sei voll die Kunststadt. Für nächstes Jahr sind zwei internationale Ausstellungen geplant, womöglich als Doppelausstellung mit lokalen Künstler*innen.


NEU! ist ein von den Künstlern Bene Andrist, Jürgen Baumann und Jorge Oswald betriebener und kuratierter Ausstellungsraum an der Neustadtgasse 27 in Winterthur. Alle zwei Monate findet dort eine Einzelausstellung statt – ab dem 10. Oktober mit Miriam Rutherfoord und Joke Schmidt und im Dezember mit June Fischer. Die Ausstellung ist jeweils donnerstags und freitags von 17:30 bis 19:30 Uhr geöffnet.

AMINA MVIDIE hat zwischen Studium und Jobwechsel endlich wieder Zeit gefunden, für ihr Lieblingskulturmagazin zu schreiben.