Auf eine dystopische Milch

mit Sophia Bösch

Sophie Bösch, du hast für deinen ersten Langspielfilm den gleichnamigen Roman «Milchzähne» verfilmt. Warum?

SB: Als ich den Roman gelesen habe, hatte ich sofort starke Bilder vor Augen. Fasziniert hat mich aber auch die besondere Konstellation der drei Frauenfiguren im Zentrum der Erzählung. Es geht um eine junge Frau, Skalde, die mit ihrer entfremdeten Mutter am Rande einer isolierten Dorfgemeinschaft lebt. Eines Tages findet Skalde ein fremdes Kind im Wald und entscheidet sich dazu, dieses aufzunehmen. Gegen den Willen der Dorfgemeinschaft, zu der sie eigentlich gerne gehören würde. Dieser Konflikt hat mich interessiert.

Deine Protagonistinnen entwickeln in dieser feindlichen Umgebung verschiedene Überlebensstrategien – welche?

SB: Sie leben in einer verrohten patriarchalen Gesellschaft. Um darin zurechtzukommen, gibt es diejenigen, die sich den Machtstrukturen anpassen, indem sie diese selbst reproduzieren. Dann solche, die sich nicht beugen und dadurch aus der Gemeinschaft ausgestossen werden. Und dann gibt es jene, die sich anpassen möchten und dann merken, dass sie sich dabei selbst verlieren. Eine Dystopie ist ja im Grunde immer eine Betrachtung unserer heutigen Gesellschaft. Der Film hat aber auch einen utopischen Charakter, weil er nach möglichen Auswegen fragt.

Du hast dabei die verschiedenen Phrasierungen der Mutter-Tochter-Beziehungen filmisch ins Zentrum gerückt. Wieso?

SB: Ich finde die Komplexität von Mutter-Tochter-Beziehungen sehr spannend. Auch mein nächster Film – ein Dokumentarfilm – wird das zum Thema haben. Bei Skalde interessierte mich die Frage nach ihrer Zugehörigkeit. Sie ist die Tochter einer Frau, die nicht zur Gemeinschaft gehört. Skalde verleugnet ihre Herkunft, was zum Bruch zwischen Mutter und Tochter führt. Erst der Drang, das fremde Kind vor der Gemeinschaft zu beschützen, konfrontiert Skalde mit der Frage, zu wem sie eigentlich gehören will.

In diesem Coucou geht es unter anderem auch um die Vereinbarkeit von Kind und Kunst. Du bist selbst Mutter – beschäftigt dich das Thema?

SB: Klar. Seit ich Kinder habe, bin ich noch wütender über die nicht vorhandene Gleichstellung. Ich habe das Glück, einen Partner zu haben, der sich sehr um eine gleichberechtigte Elternschaft bemüht. (überlegt) Ist es nicht absurd, dass ich da von Glück spreche? Ich merke jedenfalls immer wieder, wie die Tatsache, dass ich Kinder habe, als Einschränkung gesehen wird. Das gilt natürlich nicht nur für die Filmbranche, sondern gesamtgesellschaftlich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Mutterschaft und Kunst vereinbar sind. Dafür müssen sich nicht die Mütter verändern, sondern die Politik.

Du bist in Winterthur aufgewachsen und lebst heute in Berlin. Wann und warum bist du weggezogen?

SB: Nach der Rudolf-Steiner-Schule habe ich Im Lee die Matura gemacht. Da ich auch schwedische Wurzeln habe, hat es mich gleich danach nach Schweden gezogen und ich habe in Stockholm mein erstes Filmstudium absolviert. Von dort bin ich nach Berlin, um an der Filmhochschule in Potsdam Regie zu studieren. In Berlin bin ich dann hängengeblieben – bis heute. Auch der Liebe wegen, so, wie es ja meistens ist.

Wie bist du auf den Roman von Helene Bukowski gestossen?

SB: Das Buch wurde von Weydemann Bros. an mich herangetragen, der Produktionsfirma, die 2019 «Systemsprenger» herausbrachte. Die Produzent*innen hatten meinen Abschlusskurzfilm «Rå» gesehen, den ich in Schweden gedreht hatte. Er handelt von einem jungen Mädchen, das zum ersten Mal mit ihrem Vater auf die Elchjagd geht. Viele Aspekte aus dem Kurzfilm finden sich in der dystopischen Geschichte von «Milchzähne» wieder.

Wie anspruchsvoll war es, aus einem Debütroman einen Debütspielfilm zu machen?

SB: Helene Bukowski hat mir bei der Adaption alle Freiheiten gelassen. Natürlich muss man einen Roman extrem kondensieren, wenn man daraus einen Film macht. Vor allem einen, der sehr episch erzählt und grosse Zeitbögen abdeckt. Wir hatten nicht viel Geld zur Verfügung, so konnten wir nicht mit computergenerierten Bildern (CGI) arbeiten, wie es normalerweise bei Filmen, die in der Zukunft spielen, gemacht wird. Wir haben uns dann entschieden, die dystopischen Landschaften in den unberührten Umgebungen Ostdeutschlands darzustellen. Die Natur fungiert hier nicht nur als Bühne, sondern auch als Protagonistin.

Wie meinst du das?

SB: Im Film gibt es einen zentralen Konflikt: Die erwachsene Skalde findet ein fremdes Kind im Wald. Mich fasziniert, wie wir Menschen den Wald seit jeher als Heimat des Mystischen oder auch der Bedrohung gesehen haben. Unsere Volkserzählungen sind voller Wesen, die im Wald leben, gute wie böse. Im Film geht es darum, wie wir mit unserer Angst vor dem Unbekannten umgehen und welche Narrative daraus entstehen. Diesen Aspekt wollte ich auch visuell und atmosphärisch spürbar machen.

Würdest du deinen Film als ScienceFiction bezeichnen?

SB: Nein. Die Handlung spielt zwar in einer Zeit, in der es unsere technologisierte Gesellschaft so nicht mehr gibt. Für mich ging es aber nicht darum, ein Zukunftsszenario zu zeichnen, dem eine bestimmte Katastrophe vorangegangen ist. Vielmehr interessierte mich die Frage danach, wie wir Menschen auf einen isolierten Zustand reagieren und wie schnell wir unter diesen Umständen in archaische Mechanismen zurückfallen. Wie wir Grenzen ziehen zwischen Kultur und Natur, zwischen «uns» und «den anderen». «Milchzähne» ist für mich ein Märchen, das gar nicht so fern von unserer Realität angesiedelt ist.


SOPHIA BÖSCH
ist 1987 in Winterthur geboren und stammt väterlicherseits aus einer Familie von Jägern ab, ohne selbst jemals gejagt zu haben.

SARAH STUTTE
ist freie Filmjournalistin, schreibt fürs Coucou in der «Schau mal»-Rubrik und freut sich immer über gutgemachte Schweizer Genre-Filme.

«MILCHZÄHNE»
Der Film läuft ab dem 12. Juni in den Schweizer Kinos. In Winterthur findet die Premiere am 12. Juni in einer Spezialvorstellung in Anwesenheit von Sophia Bösch um 19.30 Uhr im Kino Nische statt. Danach wird er mehrmals im Kino Cameo gezeigt.