Auf einen Espresso

mit Béla Rothenbühler

Béla, mit deinem Mundart-Schelm*innenroman «Polifon Pervers» warst du letztes Jahr für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im Rahmen der Literatur- und Spoken-Word-Reihe «lauschig» liest du daraus am 11. August in der Stadtbibliothek Winterthur. Wovon handelt der Roman?

BR: Es geht um eine Gruppe Endzwanziger*innen, allen voran um die Freundinnen Schanti und Sabin. Die beiden Studentinnen besuchen zufällig eine Performance und gründen danach einen Kulturverein samt Theatergruppe. Sie machen das jedoch nicht der Kultur wegen, sondern mit der Absicht, reich zu werden. Um dies umzusetzen, finden sie sowohl legale als auch illegale Wege, kurzgesagt: Fundraising und Geldwäsche. Das funktioniert eine Weile, bis alles aus dem Ruder läuft.

Wie kam es zu der Idee, einen «Schelm*innenroman» zu schreiben? Und hast du dich für die schalkhaften Figuren von deinem Umfeld inspirieren lassen?

BR: Ich nannte «Polifon Pervers» immer einen «Hochstapler*innenroman», auch weil sich der Roman beim Konstruktionsprinzip an Thomas Manns «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» bedient, dessen Werk ich schätze. Bei den Figuren ist es sicherlich so, dass sie gewisse Typ*innen repräsentieren, die ich auch im realen Leben kenne. Ich muss jedoch gestehen, dass ein grosser Teil meiner Figuren, also Schanti, Sabin, Chregu und Iiv, Karikaturen von mir selbst oder von sehr konkreten Aspekten sind, die ich an mir lächerlich finde.

«Polifon Pervers» kritisiert die aktuellen Verhältnisse im Schweizer Kulturbetrieb. Was läuft deiner Meinung nach schief?

BR: Im Kultursektor wird extrem gespart. Stiftungen sprechen immer weniger Geld. Der Markt wird jedoch grösser, es kommt erfreulicherweise immer mehr Nachwuchs in die Branche. Doch die Geldsumme bleibt gleich. Damit entsteht ein Ungleichgewicht, das dazu führt, dass Kulturschaffende weniger ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen können und sich stattdessen mit Geldbeschaffung auseinandersetzen müssen. Dann beginnt man zu «ellbögeln», was der Kultur an sich nicht zugutekommt.

Du bist selber vielseitig im Kulturbereich tätig; als Dramaturg, Musiker und Autor. Hast du eine Vorstellung davon, was gegen dieses Ungleichgewicht helfen könnte?

BR: Ich möchte nicht, dass es weniger Kultur gibt in diesem Land. Ich geniesse das Angebot sehr, und dass es auch in mittelgrossen Städten wie Luzern oder Winterthur viel zu sehen gibt, ist schön. Ich sehe das Problem bei den Sparmassnahmen sowohl auf lokaler Ebene als auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. In der Kulturförderung würde ich es zudem begrüssen, wenn die Förderstellen mehr Langzeitförderung wagen würden und sich Kulturschaffende nicht von Projekt zu Projekt hangeln müssten.

Gewisse Figuren in «Polifon Pervers» erleben ein Happy End, andere (noch) nicht. Wie sähe «dein» Happy End für den Kulturbetrieb aus?

BR: In der Realität gibt es ja keine Happy Ends, Geschichten gehen immer weiter. Ich glaube aber, dass wir darüber sprechen müssen, welchen Stellenwert Kultur für uns haben soll. Ein Teil unserer Gesellschaft wird mit einer grossen Selbstverständlichkeit subventioniert, zum Beispiel die Landwirtschaft. Bei Kultur hingegen herrscht ein grosser Rechtfertigungsdruck. Wir sollten mehr darüber reden, wie wertvoll es ist, ein buntes Kulturprogramm zu haben. Ein Mundart-Roman ist ein gutes Beispiel dafür: Er ist sehr nischig, aber es ist unglaublich wertvoll, von einer Figur zu lesen, die dieselbe Sprache spricht wie man selbst.

Es ist erstaunlich, dass es in der Schweiz nur wenig Mundart-Literatur gibt. Warum hast du dich dazu entschieden, «Polifon Pervers» phonetisch in Luzerner Mundart zu schreiben?

BR: Es ist seltsam, dass wir unsere Alltagssprache, die wir ganz selbstverständlich sprechen, so selten als Literatursprache verstehen und nutzen. In der Musik scheint dies naheliegender zu sein und wird häufiger gemacht. Weshalb also nicht auf Mundart Literatur schreiben? Gleichzeitig lernt man viel in Bezug auf unsere alltägliche Kommunikation: Wir verwenden zum Beispiel häufig Fremdwörter. Diese werden beim Lesen oft zu Stolpersteinen. Das Mundart-Schreiben konfrontiert uns mit der Materialität unserer Sprache – und das finde ich etwas Schönes.

Wie sah dein Schreibprozess aus?

BR: Bei meinem ersten Roman «Provenzhauptschtadt» habe ich ziemlich naiv angefangen zu schreiben. Der Korrektor meines Manuskripts fragte, ob ich ihm mein Regelwerk schicken könne. Dann wurde mir bewusst: Ich habe ja gar kein Regelwerk! Daraufhin musste ich ein System entwickeln, was zwar ein anstrengender, aber auch ein sehr spannender Prozess war. Sowieso sollten sich alle mal fragen, die beispielsweise Whatsapp-Nachrichten auf Mundart schreiben, wie ihr «Regelwerk» aussieht. Da kann man viel daraus ziehen!

Schanti, Sabin und Co. tauchen bereits als Nebenfiguren in deinem Erstling «Provenzhauptschtadt» auf. Wird es zu einem Comeback kommen?

BR: Das nächste Buch wird auf Hochdeutsch erscheinen und in einem anderen Universum spielen – aber vielleicht beim Übernächsten! Es gibt in «Polifon Pervers» einige Figuren, die noch nicht fertig erzählt sind: Zum Beispiel die Figur der Manon, der Lokalzeitungsdetektivin. Ich mag das Amateurdetektivinnenhafte an ihr; und die Welt des Kulturjournalismus bietet nicht weniger spannende Abgründe als die Theaterwelt.


JONAS RIPPSTEIN studiert zurzeit Kulturpublizistik und ist freischaffender Autor, verschlingt liebend gern Mundart-Romane und macht gerade selbst seine ersten literarischen Gehversuche im dialektalen Schreiben.