Matthias Boss, wie sprechen wir richtig über psychische Gesundheit, ohne in Wertungen und Kategorisierungen zu verfallen oder in «therapy talk» abzurutschen?
Statt von «psychischen Problemen» spreche ich persönlich oft von emotionalen Krisen oder Erfahrungen. Entscheidend ist, was für die betroffene Person stimmig ist, und das ist individuell sehr unterschiedlich. Zur Entstigmatisierung gehört auch, Dinge klar benennen zu dürfen; eine Depression zum Beispiel auch als solche zu bezeichnen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kreativität und psychischen Erkrankungen?
Ich erlebe selbst, dass viele Menschen in der Kulturbranche mit psychischen Herausforderungen konfrontiert sind. Hier stellt sich die Frage, ob das so ist, weil jemand diesen Teil selbst mitbringt, es ein belastendes Arbeitsumfeld ist – oder ist es eine Wechselwirkung? Das muss man sehr differenziert betrachten.
Es gibt Studien, die eine Korrelation zwischen künstlerischer Tätigkeit und psychischen Erkrankungen feststellen konnten – besonders bei affektiven Störungen wie Depression, Bipolarität, Schizophrenie. Beides beruht auf ähnlichen neurologischen Voraussetzungen. Der präfrontale Cortex spielt hier eine wichtige Rolle. Das ist eine Gehirnregion, die dabei hilft, Impulse zu kontrollieren, Reize zu filtern und Gedanken zu ordnen.
Wenn diese Kontrollfunktion gehemmt ist, kann dies das kreatives Denken fördern, aber auch zu Überforderung führen, wenn zu viele Reize ungefiltert auf einen eindringen. Neurobiologisch betrachtet sind Eigenschaften wie hohe Reizoffenheit, emotionale Empfänglichkeit oder divergentes Denken bei vielen Kunstschaffenden stärker ausgeprägt.
Was ist divergentes Denken?
Divergentes Denken beschreibt eine nicht-lineare, assoziative Art zu denken, die es erlaubt, ungewöhnliche Verbindungen herzustellen, und kann somit Quelle kreativer Ideen sein. Solch eine unkonventionelle Denkweise kann aber auch zur Überforderung und Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung führen, wenn man nach vorgegebenen Strukturen funktionieren sollte.
Heisst das, es ist unumgänglich, als Künstler*in zu leiden?
Nein, das ist ein gefährliches Klischee. Eine leichte depressive Episode kann zur Selbstreflexion beitragen und später kreativ verarbeitet werden. Aber wenn eine Depression so tiefgreifend ist, dass man nicht mehr aufstehen kann, keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, dann ist kein kreativer Nährboden mehr da; Betroffene kämpfen mit massiven Blockaden und totaler Selbstabwertung. Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Diejenigen, die in der Krise nichts schaffen können, bleiben unsichtbar, weil ihre Kunst gar nicht erst entsteht. Es gibt viele, die an ihrer Krise scheitern – nicht, weil sie schwach sind, sondern weil die mentalen und finanziellen Ressourcen und ein unterstützendes Umfeld fehlen.
Vor welchen externen, strukturellen Herausforderungen stehen Kunstschaffende?
Als eine der grössten Herausforderung sehe ich die ständige Instabilität. Die Grundpfeiler einer gesunden, ausgeglichenen Psyche sind unter anderem ein stabiles Umfeld, regelmässige positive Rückmeldung und soziale Anerkennung, aber auch Sicherheit in Bezug auf sozioökonomische Aspekte wie Anstellungsverhältnis und Einkommen. Doch genau diese Faktoren sind bei Kunstschaffenden oft nur punktuell oder gar nicht gegeben.
Viele Kunstschaffende bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Selbstverwirklichung und Existenzdruck, leben von Projekt zu Projekt, ohne langfristige Sicherheit. Sie sind auf Sichtbarkeit und (finanzielle) Bestätigung angewiesen, erleben dabei aber starke emotionale Schwankungen: Nach der Ausstellung, dem Konzert, der Premiere kommt oft der Einbruch – der Moment der Erschöpfung, des Alleinseins. Und aus dieser Leere soll dann das nächste kreative Werk entstehen – eine unsichere Phase, in der soziale Kontakte, Feedback, sichere Strukturen, Einkommen wieder bis auf weiteres fehlen.
Wer kreativ arbeitet, muss sich immer wieder neu erfinden, seine Identität ständig hinterfragen – auch das ist enorm zehrend. Wir leben in einer Gesellschaft, die Konsistenz verlangt, aber kreative Prozesse brauchen auch Widersprüche und Inkonsistenz, denn darin liegt das schöpferische Potenzial. Doch ohne ein Mindestmass an sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen wird Instabilität nicht inspirierend, sondern bedrohlich für die Psyche.
Findest du, dass in der Kunst- und Kulturbranche genügend über das Thema psychische Gesundheit gesprochen wird?
Ich bin überzeugt, dass sich psychische Erkrankungen und Krisen durch alle Berufsgruppen und sozioökonomischen Schichten ziehen und denke, dass die Kulturbranche vielleicht sogar eher als andere Bereiche ein Umfeld bietet, offen mit dem Thema umzugehen. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Darüber, wie belastend die Arbeitsbedingungen in der Branche sein können, wird definitiv nicht genug gesprochen; darüber, dass sich viele aus Selbstzweifel total unter ihrem Wert verkaufen oder es einfach als «normal» hinnehmen, dass Kunst halt eben aus Not entsteht und ja eh kaum jemand davon leben kann. Immer wieder hört man: «Die Künstler*innen, die machen das ja auch für sich selbst, die machen das ja gerne» – verbunden mit der Meinung, man müsse die Künstler*innen deshalb nicht bezahlen. Heisst das, es soll keinen fairen Lohn dafür geben, wenn man seinen Job gerne macht? Das ergibt doch keinen Sinn! Kultur schafft so einen grossen Mehrwert in unserer Gesellschaft, dass muss doch fair entlöhnt werden. Wenn Banker*innen oder Lehrer*innen ihren Job gerne machen, sagt doch auch niemand, dann macht es doch gratis! Ich würde mir sehr wünschen, dass hier mehr hingeschaut wird und dass Kunstschaffende auf einer stabileren Grundlage ihre Kreativität entfalten und mit Freude wirken können statt unter Existenzängsten.
MATTHIAS BOSS ist Luzerner Psychotherapeut und Kulturschaffender. Mit seiner Veranstaltungsreihe «Gestört erzählt» setzt er sich dafür ein, dass mehr und offener über psychische Leiden gesprochen wird.
SABINA DIETHELM ist Fotografierende und Schreibende aus Winterthur.





