Der eiserne Riese

Der eiserne Riese

Im Schatten der Bäume vor der Berufsbildungsschule Winterthur verweilt eine aus geometrischen Formen gefertigte Gestalt. Geschaffen wurde das dreibeinige Wesen aus zusammengeschweissten und verschraubten Eisenstücken von Bernhard Luginbühl. Er gab ihm den Namen «Grosser Zyklop».

Den Ursprung hat die Figur des Zyklopen in Homers Odysseus. Er ist aber auch in der Filmbranche vertreten wie in «Kampf der Titanen» oder als Kunstmotiv, beispielsweise bei «Le Cyclop» von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle. Jeweils unterschiedlich interpretiert, haben die Zyklopen nebst dem einen Auge weitere Gemeinsamkeiten: eine imposante Statur und aussergewöhnliche Kraft. Mit einer Höhe von über sechs Metern und der Konstruktion aus schweren Eisenteilen handelt es sich bei Luginbühls Werk tatsächlich um einen wuchtigen Riesen. Oberhalb des Zentrums der Figur blickt den Betrachtenden ein grosses Loch wie ein Auge entgegen.

Von der Tellstrasse aus betrachtet, versteckt sich der Zyklop zunächst hinter den Bäumen. Erst beim Betreten des Vorplatzes wird die Dimension des Geschöpfs erkenntlich. Hinter ihm ragt ein noch gigantischeres Gebäude in die Höhe: das Berufsbildungsschulhaus. Es wurde 1974 fertiggestellt und wird seither vom Zyklopen besetzt – oder bewacht? Farblich harmonieren das Gebäude mit der Aluminiumhülle und der eiserne Riese, aber das war nicht immer so. Die Aussenfassade bestand ursprünglich aus Cortenstahl, der über drei Jahre hinweg rosten sollte, damit das Gebäude eine bräunliche Patina erhalten würde. Das Material rostete jedoch immer weiter und schon bald fielen braune Tropfen auf Sims und Boden. Das neue Gebäude machte sich einen Namen als «Rosthaufen», bis das Schlamassel 1994 durch eine Aluminium-Sanierung behoben wurde.

Was Bernhard Luginbühl wohl vom modernen «Rosthaufen» gehalten hätte, der jahrzehntelang die Umgebung seines Zyklopen vollrostete? Der Künstler war unter anderem für seine Verbrennungsaktionen bekannt, mit denen er gegen die Zerstörung alter Häuser und der Natur protestierte. Nebst seinen Holzinstallationen gilt der gebürtige Berner als einer der wichtigsten Vertreter der abstrakten Eisenplastik. Trotz der gegenstandslosen Formensprache schuf er lebendig wirkende Werke, wie auch den in Winterthurer hausenden Zyklopen. Und obwohl der Zyklop einen gewaltvollen Ruf hat, habe ich beinahe das Gefühl, dass er hier als Freund der Schüler*innen seine Stellung hält.

Chelsea Angel Neuweiler studiert Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Zürich.
Jonas Reolon ist Fotograf und Kameramann aus Winterthur.
In der Artothek werden Kunstwerke im öffentlichen Raum vorgestellt.

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