Im dritten Stockwerk angekommen, stehe ich auch schon vor Barbara Grafs Ölgemälde. Im Werk tauchen das Gelb der Fliesen und das Blau des Geländers wieder auf. Zwei Frauen hocken auf einem karierten Boden. Ihre Körper sind nackt und verrenkt. Sie kehren uns ihre Rücken zu, ihre Gesichter zeigen sie uns nicht. Die Körper sind von Falten und Dellen gezeichnet – erfrischende Strukturen für mein Auge, das sich aus den Medien Bilder von glatter Haut gewohnt ist.
Das Gemälde hängt hinter einer Glasscheibe. Obwohl sie per se nicht Teil des Werks ist, hat sie mich zum Nachdenken gebracht. Das Stück Glas deutet darauf hin, dass hier etwas Kostbares hängt: Nicht berühren, das ist teuer. Gleichzeitig kreiert es für mich eine Distanz zu den nackten Körpern: Nicht berühren, das steht dir nicht zu.
Das Gemälde wirkt aufgrund der Nacktheit persönlich und intim, trotzdem herrscht durch die abweisende Körperhaltung und die Farbwahl eine gewisse Kälte. Ich frage mich, ob ein von Schüler*innen durchströmtes Treppenhaus die geeignete Platzierung ist. Oder wollte Barbara Graf hier bewusst die Nacktheit aus dem Privaten in die Öffentlichkeit tragen?
Die in Winterthur aufgewachsene Künstlerin startete ihren Werdegang mit der Malerei und widmete sich Ende der 1980er-Jahre vor allem der Kartonplastik und der Textilskulptur. Das Thema des menschlichen Körpers zieht sich durch ihr gesamtes Œuvre. Während ihre Malerei vor allem das Äussere des Körpers thematisiert, fokussiert sie sich mit ihren dreidimensionalen Werken auf das Innere. So arbeitet sie seit 1989 unter anderem an anatomischen Gewändern: Aus Stoff und Karton schafft sie Körperteile, die sie zu Anzügen vereint und aufgespannt als Rauminstallation oder getragen als lebendige Skulptur präsentiert. Ihr Interesse für das Innere des Körpers ist auch in diesem Werk zu erkennen: Neben den Frauen liegen eine gelbe Blume und ein Organ, möglicherweise ein Herz, zentriert auf einer Fliese. Was die beiden Objekte wohl bedeuten? Das Werk ohne Titel lässt viel Spielraum für die eigene Interpretation. Es wirft Fragen auf, ohne Antworten zu liefern. Aber brauchen wir denn immer eine Antwort?
Chelsea Angel Neuweiler studiert Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität Zürich.
Jonas Reolon ist Fotograf und Kameramann aus Winterthur.
In der Artothek dreht sich alles um öffentlich zugängliche Kunst am Bau.










