Mit dem Strom, aber anders

Mit dem Strom, aber anders

Vom quirligen Pop des Duos Ikan Hyu bis zum Schlager mit der Fernsehband: Die Winterthurer Musikerin Anisa Djojoatmodjo macht vieles – auf ihre eigene Art.

Sie wollte in die Stadt. Und zwar in eine kleinere und ruhigere als Zürich. Mittlerweile wohnt die 27-jährige Anisa seit zwei Jahren in Winterthur. Die Musikerin kennt hier viele Leute, manche davon haben zusammen mit ihr an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) studiert. Abgeschlossen hat sie das Studium diesen Sommer – ihr Schwerpunkt lag auf der elektrischen Gitarre, daneben vertiefte sie ihre Gesangsfertigkeiten.

Es läuft gut für Anisa: Radio SRF 3 kürte ihr Patchwork-Pop-Duo Ikan Hyu im November zum «Best Talent». Weiter spielt sie in der Band der Tribute-Abende des Theater Rigiblick, ist Teil des Live-Ensembles von «SRF bi de Lüt», hatte unlängst ihre Premiere mit der Winterthurer Rock-Combo Greatasstits und begleitet seit Kurzem den Singer-Songwriter Domi Schreiber alias MyKungFu an der Gitarre. Unterschiedlicher könnten die Projekte nicht sein. Das bedingt eine grosse Offenheit, Neugierde und Flexibilität gegenüber verschiedensten Arten von Zusammenarbeiten, diversen Musikstilen und auch gegenüber dem Songwriting anderer: «Ich finde es schwierig zu sagen, ‹dieser Song gefällt mir nicht›. Und wenn mir etwas nicht zusagt, muss ich meinen Part so umschreiben, dass er mir am Schluss gefällt.»

Ganz besonders schätzt Anisa Projekte, in denen sie ihre eigenen Ideen direkt umsetzen kann. Ikan Hyu ist solch eine Band. Vor zwei Jahren zusammen mit ihrer Mitstudentin Hannah Bissegger als ZHdK-Abschlussprojekt gegründet, veröffentlichte das Duo im Oktober die erste EP. «Zebra» heisst sie. Darauf zu hören sei «Elastic Plastic Power Pop», meint Anisa und schmunzelt. Kurzum das, was entsteht, wenn zwei Musikerinnen mit unterschiedlichen Genrepräferenzen zusammen Songs kreieren. Anisa hört privat viel Soul, Hip-Hop und ein wenig Rock – wegen der Gitarre. Hannah kommt aus der Pop- und Rock-Ecke. Wie ein buntes Puzzle muten die Songs an. Sie sind nichts für Stilpurist*innen und Hüter*innen des traditionellen Popsongschemas. Und genau darum geht es den beiden – um das Überwinden von Grenzen und Konventionen: «Wir möchten in diesem Projekt unsere eigenen Ideen verwirklichen und uns keine Gedanken darüber machen, ob etwas irgendwo hineinpasst oder nicht. Denn vielleicht ist es ja gerade ein Vorteil, anders zu sein. Dazu soll man auch stehen.»

Einige Songs sind bei einem Schweizer Musiker in Berlin entstanden, der immer wieder mit Innovativem überrascht: Tobias Jundt, alias Bonaparte. Anisa und Hannah kannten ihn bereits, da sie einen Sommer lang in seiner Begleitband mitspielten. Fertiggestellt wurde die EP in der Schweiz bei ihrem aktuellen Live-Tontechniker Thomas Oehler. Bald stehen gemeinsame Gigs an. Sie führen Ikan Hyu auf die Bühne, hinaus aus dem Studio, dorthin, wo es lebt: «Im Studio hast du Bildschirme vor dir. Wenn du auf der Bühne stehst, siehst du Leute vor dir.» Letzteres sagt der Musikerin deutlich mehr zu.

Das Duo spielt nicht nur Gigs in der Schweiz, sondern wird bald auch in Indonesien auftreten – der Heimat von Anisas Vaters. Fünf Jahre lang wohnte die Familie Djojoatmodjo in Bandung. Die Asienkrise Ende der 1990er-Jahre zwang sie, in die Schweiz zurückzukehren. Mitgenommen hat sie aus ihrem zweiten Heimatland die Passion fürs Gitarrenspiel: «Fast in jedem Haushalt steht eine Gitarre. Mein Vater hat mir darauf jeweils Gutenachtlieder vorgespielt. Und er hat mir auch die ersten Riffs beigebracht.» Zwanzig Jahre später ist aus der Faszination ein Beruf geworden. Und aus dem ersten Gitarrenriff wurde quasi ein Riffhai, denn Ikan Hyu bedeutet auf Indonesisch «Haifisch».

Anisa liebt das Leben als Musikerin, das ist spürbar – trotz der negativen Seiten: «Einerseits ist es cool keinen fixen Tagesablauf zu haben, andererseits ist das anstrengend. Du musst dir immer wieder in den Arsch treten, um dran zu bleiben», sagt Anisa und gibt zu bedenken: «Du bist nie fertig mit deiner Arbeit, sondern konstant dran und wenn du nicht physisch am Arbeiten bist, dann läufts psychisch – im Kopf – weiter. Da musst du schon aufpassen, dass es dir nicht zu viel wird.» Wenn das passiert, dann geht sie jeweils «in den Wald seckeln». Danach ist sie wieder bereit für alles, was noch kommt.

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