Ohren auf für Nico Feer

Ohren auf für Nico Feer

Zurzeit beschreibt er sich als Musiker und Theaterproduzent. Nico Feer ist sich gewohnt, seine Berufsbezeichnung öfters anzupassen.

«Falafel oder Hamam?» Nico Feer schaut auf und überlegt. «Falafel», sagt er und präzisiert, «ich war erst einmal in einem Hamam, aber dort war es mir viel zu heiss.» Er schmunzelt ganz leicht. Natürlich wusste er, worauf diese Frage abzielte.

Wenn am Obertor im Jahr 2022 das jetzige Polizeiareal frei wird, will der Stadtrat möglicherweise ein Hamam und ein Nobelhotel «hinklotzen». Nico Feer und seine IG Obertor haben andere Pläne für das Areal, mitten in der Winterthurer Altstadt: «Ich würde mir Projekte wünschen, die sich mit der Zeit entwickeln, flexibel sind und direkt der Bevölkerung zugutekommen. Nicht etwa einem starren Luxushotel inklusive Hamam mit Wellness-Pärchen-Groove.» Die Initiativgruppe ist noch in der Evaluationsphase.

Nicht nur politisch mischt der Winterthurer die Stadt auf. Zurzeit spielt er in vier Bands, begleitet als Musiker, Schauspieler und Produzent Theaterproduktionen, arbeitet bei movo, einem Schweizerischen Gebärdensprachtheater, organisiert Kulturanlässe und verfolgt seine eigenen Projekte. «Ich brauche die Abwechslung, mir wird schnell langweilig.» Er ist ein Organisationstalent. «Das müssen freiberufliche Kunstschaffende sein, man kann sich nicht leisten, schlecht organisiert zu sein.» Im September begann er zudem eine Weiterbildung im Bereich Komposition für Film, Theater und neue Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. In einer der ersten Vorlesungen ging es um Dramaturgie. Das Thema entfachte ein kleines Feuer in ihm. Bisher vertonte er Theaterstücke und Filme intuitiv. «Mit der gelernten dramaturgischen Analyse kommt nun eine neue Ebene hinzu, die ich bei der Komposition anwenden werde.» Dafür ist die Dynamik das A und O – wie im echten Leben. «Da ist zum Glück auch nicht immer alles gleich laut.»

Seit 2014 arbeitet Nico Feer etwa 20 Prozent bei movo. Es ist sein einziges fixes Einkommen. Die Theatergruppe ermöglicht es, die Welten der Gehörlosen und der Hörenden zusammenzuführen. «Gehörlose haben eine enorme Ausdruckskraft.» Die Zusammenarbeit sei eine Bereicherung für beide Seiten, aber auch herausfordernd. Die Dolmetscher*innenkosten für Gehörlose werden von der IV und den Sozialversicherungen nur für berufliche Belangen unterstützt. Wollen Gehörlose Theater machen oder schauen, wird es teuer. So kosteten die dolmetschenden Personen für das letzte Theaterstück rund 85’000 Franken. Weil Movo das nicht jedes Jahr finanzieren können, verfolgen sie auch andere Projekte: So gab es im Oktober zum ersten Mal das «Ohrzu», ein Filmfestival für Gehörlose und Hörende. Im Vorfeld organisierte der Verein verschiedene Workshops, in denen die Teilnehmenden das Handwerk lernten, um anschliessend eigen produzierte Kurzfilme einzureichen. Es sei interessant gewesen, wie die Filmemacher*innen mit der Musik umgegangen seien. «Einige unterlegten einfach ein durchgehendes Musikstück, andere produzierten einen Stummfilm.»

Was movo für die kommenden Jahre plant, ist noch ungewiss; und hängt auch davon ab, wie erfolgreich Nico Feers nächstes politisches Engagement ausgeht. Er ist im Gespräch mit den Kulturstellen mehrerer Kantone, um einen Fonds für die Unterstützung von Gehörlosentheater zu gründen. «Die Schweiz hinkt beim Thema Inklusion stark hinterher.»

Wie bringt der Winterthurer alles unter einen Hut? Er mag intensive Projektphasen und hat die Ausdauer, hinzuhocken und zu arbeiten. «Klar ist Routine hilfreich, aber die Kreativität fliegt einem als Künstler nicht einfach zu.» Er wisse inzwischen einfach, was er könne und was nicht. Die Musik fliesst nur so heraus, aber mit eigenen Liedtexten hadert er. «Wenn ich für eine Theaterfigur, die zwangsläufig einen Charakter und Kontext hat, die Musik mache, ist es kein Problem, auch die Texte zu schreiben.» In der Musikschule war Nico Feer nie. Gitarre, Kontrabass und Banjo hat er sich selbst beigebracht.

Schon früh wusste der 38-Jährige, dass er in der und für die Kultur arbeiten möchte. Trotzdem hat er zuerst ein Studium in Betriebsökonomie gemacht. Während eines zuvor absolvierten Theater-Praktikums merkte er, dass den Kulturschaffenden oft betriebswirtschaftliches Wissen fehlt. «Ich wollte schlau sein und den umgekehrten Weg machen.» Im Nachhinein hätte es wohl auch anders geklappt.

 

Das Theaterstück «Versetzung» von Thomas Melle, mit Musik von Nico Feer, läuft noch bis Mitte November in der Lokremise, St. Gallen.

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