Ein Tausendsassa packt an

Ein Tausendsassa packt an

Radio Stadtfilter, Gaswerk, Alte Kaserne: Es gibt wenige Orte in Winterthur, an denen Kilian Schmid nicht aktiv war. Als Konstante im Kulturbetrieb Winterthurs prägt er die Stadt seit unterdessen beinahe 30 Jahren mit.

100’000 Franken und ein Haus. Auf die Hand. Die grosszügige «Wohltäterin»: niemand geringeres als die Stadt Winterthur. Damit beginnt 1996 die Geschichte des Gaswerks. Mittendrin findet sich Kilian Schmid. «Bei den Gemeinderatswahlen im Jahr 1994 wurden keine jungen Vertreter*innen gewählt – unter anderem, weil sie keiner Partei beitreten wollten. Damit fehlte ein wichtiges ‹Sprachrohr› für die Anliegen ihrer Altersklasse», erzählt der unterdessen 50-Jährige. Das wollte ein Grüppchen politisch und kulturell aktiver Junger nicht so belassen – und gründete kurzerhand die Jugendlobby Kaktus. «Ich stiess für die viertelstündige Besetzung des Gemeinderatssaales hinzu, während der wir jedem Mitglied einen Kaktus schenkten», sagt Kilian Schmid. Gemeinsam setzten sie sich für mehr Selbstorganisation und aktive Partizipation der Winterthurer*innen ein: beispielsweise für das Jugendparlament, das Kulturzentrum oder auch die Ombudsstelle für Jugendliche. Vollgas gaben sie vor allem beim Handanlegen, weniger beim bürokratischen Konzipieren: «Was wir damals an ‹Konzept› eingereicht haben …», meint Kilian Schmid und schüttelt den Kopf. «Da waren Welten zwischen den paar beinahe handgeschriebenen Seiten von damals und den ausgefeilten ‹Businessplänen› von heute.» Gleichzeitig ist er aber heute noch beeindruckt vom Vertrauen, das die Stadt Winterthur ihnen gegenüber gezeigt hat: «Wer würde einer Handvoll junger Erwachsener mit verrückten Träumen heutzutage diese Summe Geld und eine Immobilie einfach so überlassen?»

 

Auch wenn sich vieles verändert hat in den letzten 25 Jahren: Kilian Schmid sieht Winterthur noch heute als einen Ort, an dem man kleine und grosse Ideen in die Realität umsetzen kann. «Wer etwas verändern möchte und anpackt, findet immer Menschen, die mitziehen», sagt der gelernte Autolackierer und Pflegefachmann. Und zwar nicht nur in jungen Jahren, sondern ein Leben lang: Sein neuestes Engagement hat Kilian im vergangenen Jahr in Angriff genommen. Als Bewohner des Hauses Krokodil in der Lokstadt, welches mit einer Genossenschaft, Eigentumswohnungen sowie Alters- und Invalidenwohnungen die Vielfalt lebt, hat er das ruhige Corona-Jahr genutzt, um den Saal «EinViertel» herzurichten. Seine Anstellung als langjähriger Verantwortlicher für Haus & Technik in der Alten Kaserne, wo er nebst der Organisation von einigen Veranstaltungen grösstenteils für Unterhalt und Reinigung des Hauses zuständig ist, kam ihm dabei doppelt zugute: einerseits in Bezug auf die grosse Erfahrung, die er im Laufe der Arbeitsjahre gesammelt hat, andererseits angesichts des Privilegs, als städtischer Angestellter nicht von Existenzängsten geplagt zu werden. Nun bringt er noch die letzten Schliffe im Raum an – und dann würde dieser eigentlich sowohl den Bewohner*innen als auch Externen zur Verfügung stehen.

«Mal schauen, wie das mit Corona funktioniert», meint er. 

 

Kilian Schmid ist einer, der gerne Dinge anreisst. Aber gleichzeitig keiner, der verflossenen Projekten lange nachtrauert – im Gegenteil. «Ich habe extrem grosse Freude daran, wie sich das Gaswerk weiterentwickelt», meint er auf die Frage, wie er die Entwicklung seines «Babys» sieht. Schön sei, dass der Betrieb noch immer grösstenteils über ehrenamtliche Arbeit funktioniere – und als Sprungbrett in die Winterthurer Kulturszene. Am wichtigsten sei ihm dabei das Arbeiten in einer Gruppe mit Gleichgesinnten – das weiss er schon seit seiner Mithilfe am Chisi-Openair im Stammertal 1989. Aufgewachsen ist er in Guntalingen, «sozialisiert wurde ich in der Pfadi Stein am Rhein», sagt er und lacht.

 

Auch die Entwicklung von Radio Stadtfilter, bei dessen Gründung er ebenfalls beteiligt war, verfolgt er mit Interesse. 2005 gingen sie das allererste Mal mit einer Kurzkonzession auf Sendung – nach nicht einmal einem Jahr gemeinsamer Aufbauarbeit mit einem rund 30-köpfigen Team. «Wir haben damals neben dem Kraftfeld im heutigen Ventilator Records unser Studio eingerichtet, ein bisschen weiter weg beim Restaurant Goldenberg die Antenne aufgebaut – und los gings», erzählt Kilian, der zu diesem Zeitpunkt für die Koordination der Technikgruppe verantwortlich war und das Studio sowie die Antenne auf dem Goldberg einrichtete. Und ihr Konzept – Musik, die nicht auf allen anderen Stationen lief, sowie innovative Konzepte aus der Zuhörerschaft – stiess bei der Bevölkerung auf reges Interesse. Und doch schien eine Festkonzession unmöglich, da das BAKOM keine solchen mehr verteilte. Ihre Chance ergab sich, als die Konzessionen neu ausgeschrieben wurden – und tatsächlich fand sich der Stadtfilter nach tausenden investierten Arbeitsstunden 2008 als nichtkommerzielles Radio auf einer ständigen Frequenz wieder. Ab 2009 gingen sie im Volkarthaus durchgehend auf Sendung – auch die dortigen Studios hatten sie selber gebaut. Nach dem Nein zur No-Billag-Initiative 2018 war bei Kilian Schmid nach 13 Jahren «ein wenig die Luft raus» – er zog sich aus dem Stadtfilterteam zurück. «Ich hatte damals als Präsident der Radioschule Klipp und Klang, dem Betreuen von Sendungen, den Vorbereitungen zum 1. Mai und meiner Arbeit in der Alten Kaserne einfach zu viel um die Ohren», erzählt er, «die Zeit war einfach zu streng.»

 

Wenn dem Tausendsassa eine Tätigkeit mal nicht liegt, gibt er das unumwunden zu. «2007 habe ich in Luzern den MAS Kulturmanagement begonnen», erzählt er. Abgeschlossen hat er ihn nicht, aber immerhin ist als Resultat des kurzen Exkurses der Businessplan fürs Radio Stadtfilter zustande gekommen. Natürlich war es nicht sein alleiniges Werk, aber den Grundstein mitgelegt hat er doch. Dazugelernt hat er allemal. Und: Man muss nicht immer produzieren, auch als Konsument von Kultur lebt es sich durchaus gut, findet er. «Ich schaue mir sehr gern Sachen von anderen an und lass mich davon überraschen!» Nach fast drei Jahrzehnten im Kulturkuchen ist es auch völlig in Ordnung, wenn Kilian Schmid die ganze Kultursache etwas ruhiger angeht – Stillstand ist deswegen aber noch lange nicht angesagt. Noch immer betreut er die Waldschenke am Brühlberg. «Jetzt ist es gerade ruhig», sagt er nach einem bürokratisch sehr aufwendigen Jahr. Je nach Massnahmen mussten Buchungen abgesagt werden, kurzfristig kamen neue hinzu. Nun hofft er auf ein etwas ruhigeres Jahr 2021.

 

Und welcher Moment aus dem Winterthurer Kulturleben ist ihm besonders geblieben? «Da gibt es einige», meint Kilian Schmid. Besonders beeindruckt hat ihn aber die Haltung vom damaligen Stadtpräsidenten Martin Haas anfangs der Nullerjahre. «Damals ergriff die SVP das Referendum gegen die Betriebskostenbeiträge für den Gaswerk-Verein», erinnert er sich – und vermag sich gar nicht zu denken, was mit der Kulturszene der Stadt passiert wäre, wenn das Referendum angenommen worden wäre. «Wir haben auf diese Nachricht hin gefühlt Tausende von Rettungsaktionen durchgeführt», sagt er. Gar ein eigenes Gaswerk-Bier hätten sie gebraut. Wie viel der Einsatz des FDP-Mannes, der damals Vorsteher des Departements Kulturelles und Dienste war, im Endeffekt an die Erhaltung des Kulturzentrums beigetragen hatte, ist schwer zu sagen. «Ein klares Zeichen für die Diversität und die Wertschätzung alternativer Kultur war es dennoch», meint Kilian Schmid. Und ein wichtiges: Wer könnte sich heute, 25 Jahre später, den Jubilar Gaswerk noch aus Winterthur wegdenken? 

 

Hanna Widmer verbringt ihr Leben irgendwo zwischen Literatur, Musik und Klassenzimmer.

 

Britta Gut ist Fotografin.

 

 

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