Von der Sperrstunde in die Jazzkeller Belgrads

Von der Sperrstunde in die Jazzkeller Belgrads

Extrafish, Jack Slamer, Paykuna, Sebass: Die Liste der Bands, in denen der Winterthurer Schlagzeuger Adrian Böckli mitwirkt, ist lang. Nun ist er nach einem viermonatigen Aufenthalt in Belgrad back in town – mit vielen Erfahrungen und grosser Lust, die Winterthurer Jazzszene in Schwung zu bringen.

Mitte August in Winterthur. Es sind Musikfestwochen: Am Abend spielen Kupus und Tzupati Orchestra Gypsy-Balkan-(Klezmer-)Sounds im Büelpark. Perfektes Timing, um mit einem Musiker ein Interview zu führen, der sich seit Jahren mit Balkanmusik auseinandersetzt. Adrian Böckli ist gerade frisch zurück aus Belgrad, wo er dank einem Stipendium der Stadt Winterthur vier Monaten lang Artist-in-Residence war. Während sich sein vorübergehender Mitbewohner in Belgrad, Autor und Spoken-Word-Künstler Matto Kämpf, mit einem dialogischen Text zum Thema «Verlorensein in der Fremde» beschäftigte, tat Adrian Böckli das, was der 30-Jährige seit rund 15 Jahren macht: Sich mit aller nur möglichen Musik auseinanderzusetzen. 

 

Als er die Ausschreibung für den Atelieraufenthalt vor knapp einem Jahr entdeckte, zögerte er keine Sekunde. Auch wenn zum Zeitpunkt der Bewerbung alles andere als klar war, wie es nun weitergehen würde mit dieser Welt. «Ich habe mir aber tatsächlich keine reellen Chancen ausgerechnet, dieses Stipendium zu kriegen», erzählt er. Auch in Berlin wäre ein Atelier für Winterthurer Kulturschaffende zur Verfügung gestanden, aber die Stadt reizte ihn nicht wirklich. Umso grösser die Freude, als er im Mai letzten Jahres dann tatsächlich die Zusage bekam.

 

Anfangs April verliess er die Schweiz Richtung Serbien. Belgrad kletterte zu dieser Zeit aus dem Lockdown heraus, das kulturelle Leben erwachte. Bloss die Sperrstunde begann – zumindest in den ersten sechs Wochen – noch nachts um zehn. Mit der Adresse seiner Atelierresidenz und einer Handvoll Kontakten zu Musiker*innen fand sich Adrian dann schliesslich in der serbischen Hauptstadt wieder. Über den Zürcher Hornisten Tarek Beswick, der einige Zeit lang beim Symphonischen Orchester Belgrad gespielt hatte, vernetzte er sich unter anderem mit dem Saxophonisten Ivan Klacar, entdeckte lokale Jamsessions und fand auch schnell einen geeigneten Proberaum. «Ich konnte das Schlagzeug vom Drummer von Električni Orgazam während dieser drei Monate benutzen», erzählt er. «Die 80ies-New-Wave-Band ist ziemlich gross in Serbien, und wenn ich den Menschen erzählt habe, dass ich auf seinem Drumset üben kann, waren sie jeweils ziemlich beeindruckt», meint er und lacht.

 

New Wave spielte er allerdings keinen in Belgrad – dafür viel Jazz. Wohl nicht gerade die Musikrichtung, die einem als allererstes in den Sinn kommt, wenn man mit seinen westeuropäischen Vorurteilen an die serbische Hauptstadt denkt. Nun, falsch gedacht: «Belgrad hat eine ziemlich tolle Jazzszene», sagt der Musiker. (Noch) ziemlich klein – die Schule gibt es erst seit einem knappen Jahrzehnt – dafür aber umso vernetzter. Alle kennen sich und spielen miteinander. «Anders als in der Schweiz ist die Szene überhaupt nicht elitär und einiges lebhafter», erzählt Adrian: Dozent*innen jammen gemeinsam mit Studierenden auf der Bühne.

 

Dass er in Belgrad Jazz spielen würde, hätte auch er definitiv nicht erwartet. «Ein bisschen bin ich schon mit dem Hintergedanken nach Belgrad gekommen, dass ich dann plötzlich genau weiss, was ich will», erzählt er. Aber vieles kam dann doch anders als geplant. Statt in Volksmusik-Sessions fand er sich in Jazz-Kellern wieder – eine «Konfrontation» mit einem Stil, den er seit seinem Jazzstudium an der Hochschule Luzern praktisch nicht mehr gespielt hatte. «Das Schöne am Jazz ist dieses universale Repertoire», meint er. Ohne viel zu sprechen, findet sich immer ein gemeinsames Songrepertoire, auf dem man aufbauen kann.

 

Seit seinem Studium interessiert sich Adrian auch für Volksmusik. Oder besser: mit Volksmusiken, im Plural. Nebst Balkanbands wie Sebass und The Nozez oder Dub-Reggaebands wie Extrafish, spielt er auch bei Helen Maier and the Folks; eine Mischung aus Irish Folk und Schweizer Volksmusik. Mit Paykuna, dem Jazz-Septett des bolivianischen Pianisten Demian Coca – einem Überbleibsel aus Jazzschulzeiten – spielt er afrobolivianische Volksmusik. Für sein Masterabschlussprojekt hat er sich mit der Musik des maghrebinischen Musikers Karim Ziad auseinandergesetzt.

 

Die Übersicht über seine zahlreichen Bands und Projekte zu behalten, ist für Aussenstehende schwierig. Doch in seiner Bandbiografie finden sich auch einige Konstanten, die seit Jahren bestehen: Sebass, Jack Slamer, Extrafish. Mit dem Gitarristen und Sänger Valentin Baumgartner, der Mitte Juli in den Bergen tödlich verunglückte, verband ihn eine langjährige, intensive Freundschaft. Gemeinsam mit Andi Bissig und Jonas Künzli spielten sie mit Extrafish unzählige Konzerte. Aber auch abseits der Bühne trafen sich die beiden häufig im Proberaum für Duo-Sessions. Kurz vor Adrians Abreise nahmen sie mit «Gaston», einem Balkan-Trio mit dem Klarinettisten Tome Iliev, ein Studioalbum auf. Außerdem spielten beide auf der neuen Platte des Tome Iliev Sextetts. Ende Juli wären sie zu dritt auf eine gemeinsame Mazedonien-Tour gegangen. «Valentin hinterlässt eine grosse Lücke in meinem Leben – sowohl als Musiker als auch als Freund», sagt er.

 

Mit Cyrill Vollenweider, dem Gitarristen von Jack Slamer, spielt Adrian, seit er ungefähr dreizehn ist. Damals hatte er schon ein paar Jahre Schlagzeugerfahrung hinter sich: Seine beiden älteren Brüder sind aktive Musiker, seit er denken könne, erzählt er. Und er habe als Kind bei ihren Konzerten ständig nur auf das Schlagzeug geschaut und auf nichts anderes – so zumindest erzählte es die Grossmutter. Im Gaswerk spielte er Mitte der Nullerjahre dann auch mit Bands die ersten Gigs – und von da war der Weg über die Jazzschule Luzern hin auf die Bühnen dieses Landes nicht mehr weit. Während sich andere Schlagzeuger*innen in ihren Bands oder Projekten über kurz oder lang oftmals auch mit elektronischen Klängen und Drumpads auseinandersetzen, ist Adrian durch seinen geringen Bezug zu synthetischen Sounds praktisch durchgehend beim akustischen Schlagzeug geblieben.

 

Und wie geht es weiter – zurück in der Schweiz, mit dem Erfahrungsrucksack aus Belgrad auf dem Rücken? «Toll wäre es schon, wenn die Winterthurer Jazzszene etwas wiederbelebt, respektive aktiviert würde», sagt er. In der ESSE Musicbar und dem Schloss Mörsburg trifft sich regelmässig ein «Jazzgrüppli», initiiert vom Pianisten Christian Rösli, und unterdessen organisiert vom Bassisten Andi Zitz. «Aber ein etwas regelmässigeres Gefäss wäre keine schlechte Idee», findet Adrian. «Im Loops finden zwar schon recht regelmässig Jamsessions statt, aber stiltechnisch bewegen sich diese tendenziell nicht in Richtung Jazz – was aber völlig ok ist», meint er. Ansonsten widmet er sich wieder vermehrt der Gitarre und dem Klavier: «Üben hat für mich noch immer etwas sehr meditatives.» Selbstverständlich ist da auch der Wunsch, musikalisch mit anderen Musiker*innen mithalten zu können. Aber zusätzlich dazu geniesst er das Gefühl des Übens an sich. Mit Jack Slamer ist für den November eine Spanientour geplant. Und in Belgrad hat er mit dem argentinischen Gitarristen Luciano Ponzano einiges an jazzigem Rohmaterial aufgenommen, das noch irgendwie zu verwerten wäre. Platz für Musik ist immer irgendwo. 

 

 

 

Hanna Widmer wurde beim Verfassen dieses Porträts von grosser Balkan-Reiselust gepackt – und von ein wenig Reue, das «Guča», DAS Brassbandfestival in der kleinen Stadt im Süden Serbiens, dieses Jahr mal wieder verpasst zu haben.

 

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