Wohnphilosophie des Zusammenlebens

Der erste Teil des neuen Hagmann-Areals in Seen ist realisiert: 50 Wohnungen stehen und sind vermietet. Die Bauherren wollten gezielt die Gemeinschaft fördern. Doch wie gelingt das?

Dienstagnachmittag in Seen. Nicht einmal eine Gehminute vom Bahnhof entfernt befindet sich das Hagmann-Areal. Hier, wo früher zwei Wohnhäuser standen, entsteht nun ein neues Wohnquartier. Eine alte, unter Schutz stehende Blutbuche heisst die Besucherinnen und Besucher willkommen und spendet an heissen, sonnigen Tagen angenehmen Schatten. 

Es ist sehr ruhig, die erste Bauetappe des Areals ist bereits abgeschlossen. Entstanden ist ein u-förmiges Haus, bei dem eine Seite drei-, die zweite Seite vier- und die dritte Seite sechsstöckig ist. Zur schwarzen Fassade des Hauses bilden die hellen Holzwände des Innenhofs einen starken Gegensatz. Ein durchgehender, schmaler Balkon bietet dort auf jedem Stockwerk die Gelegenheit, sich zu begegnen. Vereinzelt sitzen Bewohnerinnen und Bewohner auf diesem schmalen Holzsteg und lesen Zeitung, trinken Kaffee, arrangieren ihre Blumentöpfe neu oder schneiden Pflanzen. 50 Mietwohnungen umfasst das Hagmann-Areal und bietet dabei 1.5- bis zur 5.5.-Zimmer-Wohnung. Zusätzlich gib es zehn zumietbare Zimmer wie beispielsweise Hobbyräume. Auch eine Gemeinschaftspraxis von Hausärzten sorgt für die Belebung des Areals.

In der zweiten Bauetappe ist eine Überbauung mit drei Gebäuden geplant, die für 70 Wohnungen Platz bieten und in einer Linie stehen werden. Diese zweite Etappe des Siegerprojektes wurde an die Heimstätten-Genossenschaft Winterthur verkauft und wird frühestens 2019 realisiert.

Das Hagmann-Areal ist ein Familienprojekt. Drei Generationen sind darin involviert – entsprechend soll die Siedlung auch Platz für Menschen in allen Phasen des Lebens bieten. Christian Hagmann und seinen beiden Geschwistern gehört das 16’000 Quadratmeter grosse Gelände – beziehungsweise es wird ihnen Ende Jahr von ihrem Vater, Fritz Hagmann, vererbt. Als Vertreter der alteingesessenen Seemer Gewerbefamilie hat Christian Hagmann als Bauherr die Planung und den Bau die ganze Zeit über begleitet. Er führt mich an diesem Dienstagnachmittag durch das Areal, während ich ihm Fragen zur Idee und Wohnphilosophie stelle

Sharon Kesper: Herr Hagmann, wann ist die Idee für dieses Wohnareal entstanden?

Christian Hagmann: Die Projektplanung hat schon 2009 angefangen. Damals hat mein Vater mir und meinen beiden Geschwistern gesagt, dass wir auf dem Areal etwas Neues, ein Wohnquartier, realisieren können. Also begannen wir ein Konzept zur sinnvollen Nutzung des Familienbesitzes zu entwickeln. Schliesslich haben wir uns entschieden, einen Architekturwettbewerb zu lancieren. Gewonnen hat diesen die Architektengemeinschaft weberbrunner architekten ag/soppelsa architekten mit dem Projekt, das nun auch umgesetzt wurde.

 

SK: Hatten Sie für den Wettbewerb bereits eine klare Vorstellung, wie sich das Areal entwickeln soll, oder waren Sie offen für alle möglichen Ideen?

CH: Unsere Grundidee war es, schlichte Häuser zu bauen. Wir wollten einen reduzierten, einfachen Ausbaustandard und keine unnötige Technik. Ausserdem wollten wir alle möglichen Mieterinnen und Mieter ansprechen: Familien, alleinstehende Personen oder WG-Bewohnerinnen und -Bewohner. Die Mieterschaft soll sich hier langfristig wohlfühlen können.

 

Von den 50 Wohnungen sind nur wenige noch nicht vermietet. Einige Balkone sind noch leer, auf anderen stehen bereits Pflanzen oder Möbel. Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner haben Feierabend und kommen von der Arbeit nach Hause. Der Innenhof wird immer belebter. Eine Frau lässt auf ihrem Balkon einen Storen herunter. Sie muss ihn selbst kurbeln. Ich mache Christian Hagmann auf meine Beobachtung aufmerksam.

 

SK: In vielen Neubauten sind die Storen automatisiert. Ist das ein Beispiel des einfachen Ausbaustandards, den sie vorher angesprochen haben? Und wo wird dieser sonst noch umgesetzt?

CH: Ja, die Storen sind ein gutes Beispiel für diesen einfachen Standard. Wir wollten nicht überall moderne Technik einsetzen, früher gab es das schliesslich auch nicht. Bei dem Teil des Hauses, der nur dreistöckig ist, verzichteten wir bewusst auf einen Lift, weil es erst ab vier Stockwerken Pflicht ist, einen solchen einzubauen. In den Wohnungen gibt es keine Waschmaschinen und Tumbler, wie das heute bei vielen Neubauwohnungen der Fall ist. Auch die Küche ist einfach eingerichtet, es hat keinen zusätzlichen Steamer und keine elektronische Anzeige beim Backofen. Ausserdem haben wir erst ab viereinhalb Zimmer zwei Nasszellen eingebaut.

 

Beim Spaziergang durchs Areal fällt mir auf, dass es hier nicht nur Wohnraum gibt, sondern auch Gewerbe – unter anderem eine Schreinerei und ein Nähatelier. Auf einem kleinen Spielplatz spielen Kinder, die soeben aus der Schule gekommen sind. Dort befindet sich auch ein Pizzaofen, den alle nutzen können. Es hat auffallend viele Grünflächen. Christian Hagmann erklärt, dass sie möglichst in die Höhe bauen wollten, um eben diese grünen Flächen beibehalten zu können. Er bemerkt, dass für Wohnareale andere Bestimmungen gelten als für Wohnhäuser und es so möglich war, bis zu sechs Stockwerke zu bauen. Somit bietet sich denjenigen, die zuoberst wohnen oder sich auf dem kleinen Sitzplatz auf dem Flachdach entspannen, ein atemberaubender Rundumblick auf das alte Dorf von Seen mit der Kirche sowie auf das Stadtzentrum und die bewaldeten Hügel in der Ferne.

 

Christian Hagmann hat mir auf der Führung aber nicht nur die Aussicht, sondern auch eine Sauna oder die Hobbyräume gezeigt. Was ich nicht gesehen habe, ist eine Tiefgarage. Ich spreche ihn deshalb auf das Thema Nachhaltigkeit an.

 

SK: Auf eurer Webseite habt ihr ja das Thema Nachhaltigkeit hervorgehoben. Wie macht sich das konkret bemerkbar?

CH: Zum einen wollen wir die Wohnungen möglichst gut auslasten. Deshalb gilt bei uns die Regel: Wohnungsgrösse minus 1 1/2 gleich Mindestanzahl Bewohnerinnen oder Bewohner. Die Überbauung orientiert sich ausserdem an den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft und das Gebäude ist nach den Richtlinien des SIA-Effizienzpfades Energie gebaut. Zudem sorgen Solaranlagen auf dem Dach für Warmwasser und Allgemeinstrom.

 

SK: Und aus welchem Grund habt ihr auf Mietparkplätze verzichtet?

CH: Die Wohnungen richten sich bewusst an Menschen, die kein Auto haben. Das Areal ist fast autofrei, schliesslich ist es durch Bahn und Bus bestens erschlossen. Fünf Mietparkplätze sind allerdings vorhanden, für jene Mieterinnen und Mieter, die aus verschiedenen Gründen auf ein Auto angewiesen sind. Auch das Dauerparkieren im Quartier ist nicht erlaubt.

 

Christian Hagmann und seine Frau leben selbst in einer der Wohnungen. Auf dem Rundgang grüsst er immer wieder Mieterinnen und Mieter. Allgemein scheint man sich hier zu kennen. Anonymität, wie sie in anderen Überbauungen anzutreffen ist, stelle ich fest, gibt es hier kaum.

 

SK: War ein geselliges Zusammenleben ein Ziel des Projekts?

CH: Ja, die Gemeinschaft zu fördern war ein grosses Ziel von uns. Wir finden es wichtig, dass sich die meisten Bewohnenden kennen, einander grüssen und sich auch mal treffen. Trotzdem möchten wir niemanden dazu zwingen. Es soll auch Platz haben für Menschen, die diese Gemeinschaft nicht unbedingt suchen. Wir sind schliesslich keine Genossenschaft, und es gibt auch keine obligatorischen Anlässe.

 

SK: Muss man bei der Planung einer Überbauung eigentlich auf etwas Bestimmtes achten, um das Zusammenleben zu fördern?

Ja, definitiv! Einer der Mieter hat uns kürzlich erzählt, dass er in seinem alten Quartier niemanden kannte, nicht einmal die Nachbarn auf derselben Etage. Das hört man von vielen neueren Überbauungen, teilweise ist das wohl auch so intendiert. Will man das Zusammenleben fördern, muss man dies in die Planung integrieren. Ein zentrales Element dafür ist bei uns der Innenhof. Hier trifft man sich. Und dadurch, dass das Haus u-förmig ist, sehen alle aus ihrer Wohnung zum Hof. Genauer gesagt, vom Küchenfenster aus. Das ist entscheidend, und viele gehen auch mal spontan hinunter, wenn sie jemanden sehen. Grundsätzlich kann man sagen: Wir haben die Überbauung so geplant, dass man sich im Alltag begegnet. Das Interesse für die Gemeinschaft muss aber von der Mieterin oder dem Mieter selbst kommen, die Architektur kann dies nur unterstützen.

 

SK: Und welche anderen Elemente fördern das Zusammenleben?

CH: Wir haben einen Gemeinschaftsraum, der für alle jederzeitig zugänglich ist. Hier kann man sich treffen, gemeinsam einen Kaffee trinken und plaudern. Auch Events können hier durchgeführt werden. Ausserdem betreiben wir ab und zu eine Hausbar in einem ehemaligen Baustellenwagen. Und wir stellen Nutzflächen zur Verfügung, auf denen die Mieterinnen und Mieter Salat und Gemüse anpflanzen können. Ausserdem haben wir den Gewerbeteil bewusst bestehen lassen. So entsteht automatisch Leben.

 

Ich verabschiede mich und verlasse das Areal. Dabei fällt mir ein Zettel an einer Haustüre auf: Ein paar Mieterinnen und Mieter organisieren zusammen auf dem Kiesplatz im Innenhof ein Boule-Turnier. An solchen Details erkennt man, dass das Ziel der Bauherren geglückt ist, die Gemeinschaft zu fördern. Bleibt zu hoffen, dass das geplante zweite Projekt diese Diversität des Zusammenlebens ebenfalls so beispielhaft umsetzen kann.

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