Die Grashalme richten sich auf
Von Jürg Halter
Dort steht der Krug, auf den du eine junge Schwalbe
im Anflug auf das Haus,
vor dem wir tagelang saßen, maltest.
Der Krug spiegelt sich im Wasser.
Der ungetrübte See, in dem wir – zwei Engel –
noch heute morgen badeten.
Unscheinbar laufen die weißen Wolken
ins große Blau über;
in der Weite deiner Augen
Verliere ich mich.
Die Körper, die da im Gras liegen:
Sind es noch unsere,
oder haben wir sie schon ganz verlassen?
Vielleicht wissen die Wolken eine Antwort.
Die sind schon weitergezogen.
Und der Himmel? Was weiß der Himmel?
Der hält sich blau bedeckt.
Und die Grashalme?
Die richten sich zagend auf.
Jürg Halter (geb. 1980) gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation. Am Donnerstag, 16. Juni liest er als Auftakt der Reihe «lauschig» Gedichte aus seinem Gedichtband «Wir fürchten das Ende der Musik», der 2014 erschienen ist. Vorgetragen werden die Gedichte auf einem Lyrik-Spaziergang mit Kopfhörern auf dem Friedhof Rosenberg. Die erste Vorstellung findet um 18.30 Uhr statt, die zweite um 20 Uhr. Im Herbst veröffentlicht Jürg Halter sein erstes Theaterstück. Zudem erscheint ein neuer Gedichtband «Das 48-Stunden-Gedicht», den er gemeinsam mit Shuntaro Tanikawa geschrieben hat. Neben Gedichten von Jürg Halter sind am 16. Juni auf dem Friedhof Rosenberg auch Gedichte des Berner Schriftstellers Kurt Marti zu hören, die von Guy Krneta & Louisen als poetisches Jazzkonzert interpretiert werden.
Paradies
von Catalin Dorian Florescu
Seit zweitausend Jahren wird es uns versprochen: das Paradies. Wir wollen nicht streiten, ob das Himmelreich dasselbe wie das Paradies ist. Für die Christen ist es eher nicht, die Muslime hingegen statten es mit Ruhebetten, Kissen und Teppichen aus, mit frischen Wasserquellen, mit silbrigem und goldenem Essgeschirr und es fliesst Milch, Wein und Honig.
Besonders simple Geister morden und sprengen sich in die Luft, auch weil sie im Jenseits sinnliche Freuden erwarten ... und natürlich ein paar Jungfrauen. Wäre das Paradies so, so käme es einer Mischung aus Psychiatrie und Aufbewahrungszentrum für Dummköpfe ziemlich nah. Man mag davon halten, was man will, aber im Grunde meinen wir immer irgendeinen reinen glückseligen Zustand.
Wir fordern das Paradies ein, wir wollen wieder nach Hause. Es war uns Heimat, bis wir daraus vertrieben wurden. Die Geschichte unserer Sehnsucht beginnt mit eben dieser Vertreibung. Die ersten Flüchtlinge waren Adam und Eva, Opfer eines Gottes der Vertreibung, der Strafe. Wer stellt ihn vors Gericht? Welche Koalition der Willigen spürt ihn auf und bekämpft ihn für die getane Ungerechtigkeit?
Seit zweitausend Jahren, seitdem uns ein berühmter Prophet das Himmelreich versprochen hat, warten wir auf Einlass. So sehr wir aber jammern, es tut sich nichts dort oben. Wir haben keine Adresse für unser Navi-Gerät. Es gibt keine App für Gott. Noch nicht. Und sein Sohn bleibt verschollen, denn es geht ihm gut, im Himmelreich. Er hat uns vergessen. Besser so. Bleiben wir lieber unter uns, wir Flüchtlinge. Es gibt auch hier eine Heimat zu bestellen. Lassen wir den Himmel in Ruhe, er soll auch ohne uns auskommen.
Jesus – wie Mohamed – war ein Verführer der Extraklasse. Viele kleinere als die beiden haben uns seitdem das Paradies versprochen. Im Himmel oder auf Erden. In diesem selben Augenblick ist bestimmt einer daran, es zu tun. Beim Paradies aber verhält es sich so: Einige kommen rein, viele bleiben draussen. Ohne Vertreibung scheint das Paradies nicht auszukommen. Das Paradies für die einen und die Hölle für die anderen. Nur dass wir uns nach der zweiten nicht wirklich reissen.
Den gottlosen westlichen Menschen unserer Tage kann man nicht mehr mit dem alten Paradies-Label locken. Deshalb springen andere konsumentenfreundlichere Verführer in die Bresche: Einkaufsparadiese, Urlaubsparadiese, Steuerparadiese, praktisch alles lässt sich damit kombinieren. Das alte Paradies verblasst vor solch einer Auswahl. Oder Heimat als Paradies.
Jedoch müssten erst mal viele Aussen vor bleiben. Wenn die Heimat von ihnen bereinigt ist, von allem, was stört und fremd ist, dann stellt sich das Paradies wie von selbst ein. So ist das. Glauben Sie mir, bitte!
Gott wollte den Menschen im Paradies unmündig halten, ohne Erkenntnis. Die Paradies-Verkäufer dieser Tage, egal aus welchem Lager, wären wohl damit mehr als einverstanden.
Catalin Dorian Florescu (geb. 1967 in Timisoara, Rumänien) bringt am 5. Juli zusammen mit der österreichischen Schriftstellerin Vea Kaiser und dem Duo Sybe die Glückseligkeit in den Rosengarten auf dem Heiligberg. Die Suche nach Glück, Wanderschaften, Vertreibungen und Flucht sind Thema in Catalin Dorian Florescus sechstem Roman «Der Mann, der das Glück bringt». Ein Roman, der an die Geschichte des Autors anknüpft: 1976 reiste er mit dem Vater nach Italien und Amerika aus, kehrte dann wieder nach Rumänien zurück. 1982 flüchtete er mit seinen Eltern in den Westen nach Zürich. Dort hat er an der Universität Zürich Psychologie und Psychopathologie studiert. Seit Dezember 2001 ist er freier Schriftsteller. Den Text «Paradies» hat Catalin Dorian Florescu extra für das Coucou geschrieben.
Oasen der Langsamkeit
Von Daniela Janjic
Boomende Metropole. Ruhe bewahren und Denken ist Protest.
Die Langsamkeit der Kleinstadt vermisse ich nicht. Die Langsamkeit bin ich selbst.
Im Stimmengewirr, auf der Strasse draussen.
Wenn im Sommer das Fenster auf ist, fühlt man sich nicht alleine.
Oasen der Langsamkeit in der Grossstadt. Es gibt sie. An einem Postschalter zum Beispiel, wenn man in hochmodernen digitalisierten Zeiten von Hand einen Adressfeldaufkleber beschriften soll und das Gewicht des Pakets schätzen und das in der deutschen Hauptstadt.
In der Schweiz bezahle ich einfach etwas mehr und brauche über weitere Einzelheiten des Paketversands nichts mehr zu wissen. Diese Zeit kaufe ich mir.
Zeit ist Geld. Doch da die Dienstleistung was kostet, gleicht sich das wieder aus.
Auf grossen Pflastersteinen zähle ich Schritte. Zweierreihe. Zwei, Vier, Sechs, Acht, Zehn, Zwölf, schon wieder ein Kinderwagen. Mutter sagt, es geht ihnen gut – «noch» sagt sie, «noch sind wir ja fit.»
Wir passen zusammen wie der Flaschenhals ins Auge
...wie Lilien und Rosen
...wie Zündschnur und Terpentin
...wie Holz und Kegel
...Sonne und Sterne
...Springbrunnen und Lerchen
...Schmuckstück und Erdöl
...wie Mondschein und Schnaps
...wie Wachs und Samt
...wie Feuer und Autos?
...wie Marx und Deleuze
Unter dem Titel «lauschig und szenisch» präsentiert die Winterthurer Theaterautorin Daniela Janjic am Donnerstag, 21. Juli im alten Sonnenbad oberhalb des Schwimmbads Wolfensberg Auszüge aus ihrem Stück «Ertränktes Land», das Schauspielerinnen und Schauspieler szenisch lesen. Der Text handelt von einem vom Untergang bedrohten Inselstaat, dessen besorgte Insulaner, hin und hergerissen zwischen Mitleid, Toleranz und Angst bis hin zu Fremdenhass als Chor darüber verhandeln, was die Ursache für das Sinken ihrer Insel ist. Die szenische Lesung wird von der Zürcher Musikerin Verena von Horsten umrahmt.
Mr. Eden
Von Dayana Stöhr (Dallan)
I remember feeling safe in it.
It’s what took my mother hours to maintain.
I remember it being beautiful, every season in a different way.
Later on we are taught that our story began in one, probably.
They called it the «Garden of Eden».
I didn’t care.
I cared for a different garden.
The one behind the graveyard.
Where there was mud and deers, shimmering lights and a sweet magical smell.
And most importantly fern, which was my best friend.
I was six, maybe seven years old.
With my diary in one hand and a pen in the other, I spent hours looking for elves and wood gnomes and other creatures which I knew lived there.
They were very small and you had to be very quiet and look very closely to spot one. I drew them. What an enchanting time!
I never payed attention to the graveyard though.
I should have.
Someone should have.
As I grew a little older, none of all the damn gardens mattered anymore.
None but the graveyard.
I was utterly devastated that no one ever taught me about it.
A class called „Loss“, if you will.
About the endless turmoil.
About racing thoughts.
About a mind becoming a home of a thousand demons.
About running into your own walls.
About life and fear.
About fear.
You see, I’ve tried to bury my memories.
But while everything eventually falls apart and fades, they’re the ones to stay.
A surreal reality.
A lucid dream.
It doesn’t matter.
And since I learned that none of it all matters, funnily enough, I really enjoy just sitting in my garden, leisurely, waiting for Mr. Eden to join me for a final schnapps.
Dallan machen Musik, die perfekt zu einem der mystischen Orte in Winterthur passt: das alte Sonnenbad auf dem Wolfensberg. Die junge Singer-Songwriterin aus Winterthur, Dayana Stöhr beschreibt in ihren Songs Themen wie den Verlust in all seinen Erscheinungsbildern, das, was nach dem Happy End kommt, und wie man ohne daran zu zerbrechen damit umgehen kann. Dallan spielen am Freitag, 22. Juli als Duo und umrahmen die Lesung von Andrea Fischer Schulthess, Brigitte Schär und Lars Ruppel.
Another Day In The Garden
Von Europa: Neue Leichtigkeit
Another day in the garden and the weather is nice
why should I ever go out of this green paradise
I’ ll never set a foot into this world which we destroy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
Another day in the garden, autumn leaves falling down
drinking juice from the sweet grapes, golden light all around
I’ ll never set a foot into this world which we destroy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
Another day in the garden and the world has gone gray
everyone’s going crazy: you have to do as they say!
I’ ll never set a foot into this world which we destroy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
Another day in the garden, and the Frühling is back
see those first rays of shunsine? that’s a special effect
I’ ll never set a foot into this world which we destroy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
Another day in the garden and the weather is nice
why should I ever go out of this green paradise
I’ ll never set a foot into this world which we destroy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
I’d rather eat a fruit of which the flavour I enjoy.
Europa: Neue Leichtigkeit sorgt als Duo am Donnerstag, 1. September musikalisch für Spannung. Seit bald sechs Jahren beglückt die Band die Welt mit Liebesliedern, Plastikblumen, exotischen Rhythmen und viel Schmalz und Poesie. Im Park der Villa Jakobsbrunnen lesen beim Saisonfinale von «lauschig» am 1. September Lukas Bärfuss und Michelle Steinbeck.
Flower Thieves
von Anina Yoko Gantenbein und Brigham Baker
Eine Schere zum Schneiden der Blumen
Eine Wegwerfkamera, um die Taten festzuhalten
Eine Flasche Wein, um sich Mut anzutrinken
Im Schutz der Dunkelheit verteilen sich die Blumendiebe in der Stadt. Spät in der Nacht, die Arme voller Blumen, wird die Beute gemeinsam gefeiert.
Die Bilder zum Artikel entstanden bei einem Happening, bei dem sich Bekannte und Unbekannte an einem Frühlingsabend versammelt und die eben genannten Dinge erhalten haben. Das Projekt «Flower Thieves» führten Anina Yoko Gantenbein und Brigham Baker 2014 ein erstes Mal durch.
lauschig – wOrte im Freien
lauschig und lyrisch: Jürg Halter und Guy Krneta & Louisen, Donnerstag, 16. Juni
lauschig und glückselig: Catalin Dorian Florescu, Vea Kaiser und das Duo Sybe, Dienstag 5. Juli
lauschig und szenisch: Daniela Janjic und Verena von Horsten, Donnerstag, 21. Juli
lauschig und unheimlich: Andrea Fischer Schulthess, Brigitte Schär, Lars Ruppel und Dallan, Freitag, 22.Juli
lauschig und wortgewandt: Gabriel Vetter, Timo Brunke und Xenya, Samstag, 30 Juli
lauschig und schuldig: Petra Ivanov, Eva Ashinze und Farlow, Freitag, 12. August
lauschig und rastlos: Lukas Bärfuss, Michelle Steinbeck und Europa. Neue Leichtigkeit, Donnerstag, 1. September
Mehr Infos:www.lauschig.ch











