Die Jugendlichen von heute? Sie sind gewaltbereit, konsumieren zu viel Alkohol oder gamen tagein tagaus. Das ist zumindest das Bild, das die Medien vermitteln. Dann wieder werden sie als konservativ, konsumbezogen und markenbewusst dargestellt. Auch das, ein unrealistisches Bild der Jugend. Als ob Jugendliche eine homogene Masse wären, die alle gleich fühlen, denken und handeln. «Das Bild der rebellischen Jugend gehört in die Mottenkiste», schrieben Tageszeitungen, nachdem die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) im Juni Ergebnisse einer Befragung von 17-Jährigen veröffentlichte. Doch die jungen Erwachsenen haben durchaus noch Visionen: «Sie beteiligen sich aktiv an der Schwelle zur Volljährigkeit anstatt andere über ihren Kopf hinweg entscheiden zu lassen», schreibt Pierre Maudet, Präsident der EKKJ in seinem Fazit. Und sie seien durchaus an Politik interessiert und in ihren Ansichten nicht radikaler als der Rest der Bevölkerung. Fünf Jugendliche, die in Winterthur von sich reden machen, werden hier vorgestellt.
Der Radiomacher: Cedric Wiesendanger
«Ihr schafft das eh nur einen Monat!» Diesen Satz hat Cedric Wiesendanger oft gehört. Und trotzdem liess er sich nicht von seinem Traum abhalten: Kino für die Ohren, das will er machen. Warum? «Durch Worte kann man die Fantasie anregen», sagt der 22-Jährige. «Und das Radio ist ein unabhängiges Massenmedium, das für die Meinungsbildung wichtig ist.» Themen, die Jugendliche interessieren, fänden kaum Platz in Sendungen der grossen Radio-Stationen. Und auch das Sammeln von ersten Erfahrungen bei einem Radio sei schwierig, wenn man noch keine Referenzen hat. Statt sich damit abzufinden, gründete Cedric im Alter von 20 Jahren zusammen mit Freunden ein Jugendradio, das als Plattform funktioniert. Im August 2013 gingen sie auf Sendung: Über 20 Jugendliche zwischen 13 und 24 Jahren senden abends ab 18 Uhr Beiträge, probieren Neues aus und experimentieren mit Formaten. Zu Interviews werden nicht nur junge Bands, sondern auch Promis wie Stress oder Viktor Giacobbo eingeladen. Tagsüber läuft Musik, die sich am Mainstream orientiert – «Musik, die Jugendliche halt gerne hören» –, ohne Werbung und «nervige Moderationen», dafür gibt es zwischendurch auch Songs von lokalen Bands oder Live-Übertragungen: «Wir gehen gerne raus und senden live vor Ort, zum Beispiel von der Jugendsession in Bern, von der Berufsmesse oder lokalen Openairs», sagt Cedric. Dazu transportieren die jungen Radiomacher das Radiostudio auch mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis nach Bern.
An Ideen und Innovation mangelt es nicht, ebenso wenig an der Professionalität. Von Radio 24 konnte die Jugendradio-Redaktion zwei alte Studios übernehmen. Gesendet wird vom alten Busdepot aus über das Internet und Digitalradio (DAB+), das zurzeit erst in Zürich und Umgebung empfangen werden kann. Ab Mitte 2016 dann endlich auch in Winterthur. Durchhaltewillen und Herzblut zahlten sich aus: 2014 erhielt das Jugendradio den Jugendpreis der Stadt Winterthur. Und auch international wird Radio 4TNG wahrgenommen: Am 21. August sendet es vom Internationalen Radiofestival in Zürich. «Wir feiern dann auch gleich unser 2-jähriges Bestehen», sagt Cedric. «Klar braucht es Mut, ein Radio aufzubauen. Jugendliche werden jedoch meist unterschätzt und oft alle in den gleichen Topf geworfen.» Er würde sich wünschen, dass ein Umdenken stattfindet und junge Menschen, die sich engagieren wollen, motiviert werden. «Winterthur ist eine Stadt, die viele Möglichkeiten bietet. Bei der Jugendarbeit gibt es viele Anlaufstellen. Und wenn man den Mut hat, auf Erwachsene zugeht und offen kommuniziert, kann man sehr viel erreichen.»
Die Machwerkerin: Selina Schlumpf
Im Machwerk auf dem Lagerplatz entsteht seit der Eröffnung im Oktober 2014 viel Neues. Menschen aus allen möglichen Bereichen und in jedem Alter engagieren sich. Es gibt Crèpes-Abende, Integrations-Projekte und Kurse für Töpfern, Holzarbeiten oder Siebdrucken. Eine der ehrenamtlichen «Macherinnen» vor Ort ist Selina Schlumpf: 22 Jahre jung. Seit sie 17 Jahre alt ist, macht sie regelmässig Vertretungen in der Kinderwerkstatt der Offenen Werkstatt, die bis 2013 an der Palmstrasse eingemietet war. Heute zeigt die Studentin und angehende Sozialarbeiterin im Machwerk jeden Mittwochnachmittag sechs Kindern, wie gelötet, geschweisst, gesägt und gedruckt wird. «Für mich war es als Kind wichtig, mich kreativ ausleben zu können. Kinder sollen selbst Ideen für Projekte haben, diese dann umsetzen und mit unterschiedlichen Materialien arbeiten können.» Mit fünf Jahren besuchte sie selbst regelmässig die Kinderwerkstatt. Nebenbei ist Selina im Verein «Druck und Werk» tätig und kümmert sich um die Finanzen, Buchhaltung und Vermietung der Siebdruckwerkstatt im Machwerk. «Es ist spannend zu sehen, wie man sich organisiert und wer was mitbringt, damit ein Projekt wie das Machwerk überhaupt funktionieren kann», sagt Selina. «Es ist vor allem cool, dabei zu sein und einen Teil dazu beizutragen, dass ein Projekt wie die Kinderwerkstatt bestehen bleibt und ein neues Kulturzentrum entstehen kann.»
«Winterthur ist eine Kulturstadt, in der viel los ist», sagt Selina. Das liege aber nicht nur am kulturellen Angebot, sondern auch an den vielen Menschen, die sich hier engagieren. Viele Junge seien – wie sie selbst – in der Pfadi oder anderen Jugendvereinen und deshalb gut vernetzt. Manche organisieren private Openair-Kinos, andere Konzerte in Kellern. «Jugendliche sind so unterschiedlich wie Erwachsene: Jede und jeder hat andere Interessen».
Der Filmemacher: Jonas Bienz
Was steht im Vordergrund, wenn man sich in kulturellen Projekten freiwillig engagiert? Selbstverwirklichung? Oder die Motivation, für andere etwas zu machen? «Beides», sagt Jonas Bienz. «Cool ist vor allem, zu sehen, was man gemeinsam machen kann». Oft sei man aber als Jugendlicher überfordert, weil man vieles machen möchte, aber gar nicht weiss, mit was man anfangen soll. Alleine hätte der 22-Jährige wohl nie einen Film gedreht. Nun sind es gleich drei Kurzfilme, die unter der Leitung von Jonas Bienz dieses Jahr entstanden sind. Als Hauptleiter beim Projekt «Filmbrugg» der Pfarrei St. Urban schreibt Jonas nicht nur das Drehbuch und führt Regie der Kurzfilme, sondern kümmert sich auch um die ganze Organisation. Angefangen hatte er als 15-Jähriger mit dem Schauspiel, dann kümmerte er sich als Leiter um Ton, Kameraführung und den Schnitt. «Ich war wegen meinen Eltern schon früh bei Projekten der Jugendarbeit St. Urban dabei. Zum Beispiel bei der Kinderspielwoche, ein Projekt für 5- bis 11-Jährige», sagt Jonas. Mit 17 Jahren wurde er dann angefragt, ob er als Leiter beim Jugendtreff St. Urban mitwirken wolle. Einen Mittwochabend im Monat gestaltet er das Programm im Jugendtreff mit: Von Filme schauen über Basteln, Spiele spielen und Kochen reicht das Angebot. «Ich koche am liebsten», sagt Jonas. Nebenbei trifft er sich mit den anderen Leitern der Filmbrugg: «Für die Filme sitzen wir schon Monate vorher zusammen, entwickeln die Geschichte, schreiben an den Drehbüchern, erstellen einen Drehplan, machen Übungsabende, diskutieren über Kostüme und besichtigen auch das Haus, in dem wir dann vier Tage lang drehen», sagt Jonas. Zeitaufwendig ist dann auch die Fertigstellung der Filme: Über die Sommerferien wird der Film geschnitten und die Musik komponiert. «Einzelne Szenen haben wir auch nochmals nachgedreht, weil die Aufnahmen vom Wochenende nicht unserem künstlerischen Ehrgeiz genügten», sagt der Germanistik- und Filmwissenschaftsstudent. Seine Ambitionen: «Wir wollen die Kurzfilme bei den Jugendfilmtagen einreichen. Und irgendwann möchte ich mit Freunden einen eigenen Film drehen.» Die drei Kurzfilme zum Thema «Hacker» sind am 12. September um 19 Uhr in der Pfarrei St. Urban zu sehen. Für die Filmbrugg 2016 hat Jonas bereits Pläne: «Es gab dieses Jahr einen Generationenwechsel. Nächstes Jahr möchte ich deshalb das Niveau der Filme noch etwas steigern.» Die Filmbrugg sei aber alles andere als elitär: «Alle sind Teil des Projekts. Auch wenn jemand stottert, ist es möglich, dass er die Hauptrolle spielt.» Denn: «Dass sich alle einbringen können bei einem Projekt, ist leider nicht immer selbstverständlich», gibt er zu bedenken.
Der Vernetzer: Nik Petronjevic
Kommt das Thema Musik auf, ist Nik Petronjevic nicht mehr zu bremsen. Seit er 14 Jahre alt ist, spielt der heute 23-Jährige in Bands: Molotov Rocktails, the Stifflers und seit 2013 bei Useless. Mit 17 Jahren organisierte er mit dem Jugendtreff Sternen zum ersten Mal das Sternen-Openair. Dieses Jahr fand die fünfte Ausgabe im alten Verkehrsgarten statt. Die mobile Jugendarbeit Mojawi half beim Aufbau der Hütten. Organisiert wurde es zum zweiten Mal vom Verein Brohemia, bei dem sich Nik ebenfalls engagiert. Zusammen mit dem jungen Kunst-Verein Brohemia veranstaltet Nik im Jugendhaus regelmässig Ausstellungen und Lyrik- und Konzert-Abende oder auch -Wochenenden (Siehe Coucou §19 Juli 14). Gelegentlich schreibt Nik für den Musik-Blog Art Noir. Bis vor kurzem war er Mitglied im Booking-Team im Gaswerk – alles ehrenamtlich. Seit Mai ist er zu 40 Prozent im Salzhaus als Programmmacher angestellt.
Als wäre Nik nicht schon genug umtriebig, wirkt er in Winterthur und Umgebung als Vermittler, empfiehlt verschiedenen Konzert-Veranstaltern junge Nachwuchsbands weiter. «Wenn mich etwas interessiert, investiere ich gerne Zeit dafür», erklärt er.
Sein grosser Traum: «Ich will ein grosses Festival und einen Winterthurer Musik-Sampler machen – und damit der Kultur in Winterthur etwas zurückgeben.» Der Grund: «Winterthur hat eine grossartige Musikszene. Alle zwei Jahre die aktuellen Bands auf einem Sampler zu vereinen, wäre toll. Und anscheinend gab es das ja auch schon früher, warum also nicht wieder einen neuen Sampler machen?» Überhaupt will Nik die Musik- und auch die Kulturszene in Winterthur etwas mehr vernetzen. Im Salzhaus hat er das Konzept der Reihe «Lokal-Total» angepasst: Neben drei lokalen Bands sollen junge, lokale Künstlerinnen und Künstler die Deko gestalten. Neben Live-Konzert-Übertragungen durch Radio Stadtfilter sollen auch Akustik-Sessions aus dem Backstage aufgezeichnet werden. «Die Stadt macht eigentlich schon viel für die Kultur. Aber wir müssen der Stadt auch zeigen, dass in Winti etwas passiert.» Um Ideen umzusetzen, fehlen Ressourcen wie Räumlichkeiten, Zeit und Geld: «Jeder Club würde gerne mehr im Bereich Kulturförderung machen. Allerdings ist es auch so, dass, um Löhne bezahlen zu können, Partys veranstaltet werden müssen, mit denen Geld reingeholt wird. Es fehlt aber auch das Bewusstsein, dass es in Winterthur viele, kleine spannenden Projekte gibt.»
Ernst zu nehmen: Linus Ginsig
«Flasche abgeben, bitte» – auf diesen Satz bekam Linus Ginsig oft verwunderte Blicke. Nicht, weil es ungewöhnlich wäre, dass der Ordnungsdienst an den Musikfestwochen (MFW) die Besucher kontrolliert, sondern weil Linus die Weste viel zu gross war. «Ich musste mich am Anfang schon recht behaupten», erinnert er sich. 14 Jahre alt war er, als er bei den MFW als Helfer anfing. «Für mich ist es selbstverständlich, das man etwas zurückgibt, und nicht nur nimmt», sagt der 19-Jährige. Die MFW seien eine «coole Sache» – nicht nur wegen der gratis Konzerte. «Als ältestes Openair der Schweiz hat es schon viel Geschichte geschrieben: Viele Bands treten hier auf, kurz bevor sie vor dem Durchbruch stehen.» 1996 standen Prodigy, Offspring und Greenday auf der Bühne – Linus, wenige Monate alt, war damals schon im Publikum. «Mein Vater war der Technik-Leiter der Musikfestwochen. Die Motivation mich als Helfer zu engagieren, hat er mir also sozusagen in die Wiege gelegt.»
Dass man Einsatz zeigen muss, wenn man ernst genommen werden will, hat Linus aber nicht nur beim Ordnungsdienst der MFW gelernt. Über den Freund seiner Schwester kam der Schreinerlehrling ins «Live-it-up»-Team, das im Salzhaus regelmässig Partys veranstaltet. Das Konzept: von 16-Jährigen für 16-Jährige. «Man hat noch keinen Bart, also muss man Ellbogen einsetzen, wenn man Ideen für Deko oder Musik einbringen will.» Die «Live-it Up»-Reihe wurde diesen Frühsommer begraben. «Mir persönlich entsprach die Party nicht mehr. Im Herbst wollen wir deshalb etwas Neues lancieren, mit neuem Namen und neuem Schwung», sagt Linus.
Der 19-Jährige schätzt es, dass die Live-it-Up-Gruppe von einem professionellen Team betreut wird. «Sie geben jungen Leuten die Möglichkeiten, sich einzubringen und stehen hinter uns.» Nicht nur Erfahrung, wie man einen Anlass organisiert, kann Linus im Salzhaus sammeln, sondern auch seine Grenzen kennenlernen: «Man lernt Verantwortung zu übernehmen, nicht zu viel zu trinken und sich unter Kontrolle zu halten.» Inzwischen veranstalten Linus und seine Freunde vermehrt auch eigene Partys mit elektronischer Musik. Sein grosser Traum: Ein grosses Festival auf einer Hochebene im Jura zu machen, die er im letzten Sommerlager der Pfadi bei einer Wanderung entdeckt hat – allerdings erst nach der Lehrabschluss-Prüfung.
Die Musikfestwochen machen vom 13. bis 21. August ein temporäres Kultur-Café auf der Steinberggasse auf. Jeweils um 13 Uhr findet ein Talk statt, der von Radio Stadtfilter live übertragen wird. Die Themen sind: Tatort Steinbergggasse, Backstage-Geschichten, 40 Jahre – Die MFW einst und jetzt, Nichts neues in der Popmusik?, Was macht die Jugend von heute?, Kulturförderung in Zeiten knap-per Ressourcen, 40 Jahre MFW-Grafik.



















