Elene Naveriani schenkt uns eine ungewöhnliche feministische Heldin, die unerwartet doch noch das späte Glück findet.
Dabei stürzt Etero in den ersten Filmminuten beinahe in den Tod. Als die 48-jährige Georgierin auf einem Felsvorsprung nach den schwarzen Beeren greift, die sie heiss und innig liebt, wird sie von einer Amsel abgelenkt. Daraufhin verliert Etero das Gleichgewicht und rutscht den steilen Abhang hinunter. Doch sie hat Glück und stellt sich ihre Leiche am Fusse des Flusses nur in ihrer Fantasie vor – umringt von einigen Schaulustigen aus dem Dorf. Nein, der Tod kann warten.
Lieber stapft die stoische Einzelgängerin zurück in ihren kleinen Krämerladen und beginnt eine Affäre mit dem Lieferanten Murman (Temiko Chinchinadze). Der Ehemann einer anderen entwickelt nach und nach tiefe Gefühle für Etero, so dass diese sich entscheiden muss, ob sie ihre distanzierte Unabhängigkeit aufgeben will.
Die in der Schweiz lebende georgische Regieperson Elene Naveriani schenkt uns nach ihrem Debüt «Wet Sand» (2021) eine weitere stille, berührende Geschichte über Selbsterkenntnis und existenzielles Erwachen. Die Enge des dörflichen und familiären Umfelds spielt auch diesmal eine Rolle und zeigt sich hier in dem Mangel an Wertschätzung, der Etero in Vergangenheit und Gegenwart entgegengebracht wird.
Anders als im Vorgängerfilm – in dem die SchauspielerinEka Chavleishvili bereits eine kleine Rolle inne hatte – konzentriert sich Naveriani hier, in der Romanadaption der georgischen Autorin Tamta Melashvili, in erster Linie auf ihre Hauptfigur. Eine nicht mehr ganz junge Frau, die gerade dann aufblüht, als die Menschen um sie herum zu verblühen beginnen.
In einem Interview im Rahmen des Zurich Film Festivals 2023 sagte Naveriani, dass «es im Film um Eteros eigenen inneren Konflikt gehe, um die Regeln der Gesellschaft, die ihr auferlegt werden und darum, wie sie all das überwindet und sich selbst befreit». Irgendwann im Film sagt Etero, dass sie die Amsel geweckt habe und sie sich dadurch wieder lebendig fühlte. Deshalb möchte sie von nun an tun, was sie will, wie sie es will und wann sie es will.
«Blackbird Blackbird Blackberry» ist ein starker Film, der für die weibliche Selbstbestimmung plädiert, für die es niemals zu spät ist. Elene Naveriani wurde für ihre stille Fabel über das sexuelle Erwachen einer Mittvierzigerin mit dem Schweizer Filmpreis 2024 für den besten Film, das beste Drehbuch und den besten Schnitt ausgezeichnet.
Das Kino Nische zeigt «Blackbird Blackbird Blackberry» auf dem Open Air Bäumli am 5. Juli um 21.30 Uhr.
Sarah Stutte ist Programmmacherin im Kino Nische.











