Ein Briefwechsel zum Thema Gender

Ein Briefwechsel zum Thema Gender

Liebe Anna, Ist das nun bereits der falsche Einstieg? Wie spreche ich jemanden genderneutral in einem Brief an? Meine dreijährige Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten scheint vor den neuen Herausforderungen richtiger Ansprachen für die Katz – gut, das ist nicht nur aufgrund der richtigen Gender-Schreibweise so, wenn wir ehrlich sind. Aber zurück zum Thema:

Wie gelingt es mir, alle anzusprechen, ohne verletzend oder ausgrenzend zu sein? Und ist das überhaupt nötig bei jemandem, den ich eigentlich kenne und immer als Frau angesprochen habe? Als Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, Mitglied von «Andersh» und der Milchjugend setzt du dich nun schon mehrere Jahre mit diesem und ähnlichen Themen auseinander und kannst mir sicherlich ein paar gute Ratschläge geben.

Ich möchte ehrlich zu dir sein. Als wir in der Redaktion anfingen, über diese Ausgabe zu diskutieren, sagte ich, dass wir das doch lieber lassen sollten, weil wir uns sowieso nur in die Bredouille bringen. Aber ich liess mich umstimmen. Denn ich merke, dass mir das «typisch Mann, typisch Frau» unheimlich auf den Geist geht. Vor allem auch, seit ich vor ein paar Monaten las, dass bei geschlechterspezifischen Umfragen oft die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts viel grösser sind als zwischen den Geschlechtern. Und trotzdem werden Bücher, welche das Gegenteil behaupten, zum Bestseller. Trotzdem stützen wir unser ganzes System auf diese binäre Wahrnehmung. Und trotz dieses Wissens ertappe ich mich selbst immer wieder bei Gedanken à la «typisch Mann/typisch Frau». Und ich gebe mich auch schon fast zufrieden damit, dass Menschen im Alter meiner Eltern und Grosseltern nichts mit dieser Diskussion anfangen können – und gehe dabei wieder von Stereotypen aus, nämlich dass diese halt gelernt haben, geschlechterkonform zu leben. Wie also erklärst du deinem Grosi die Gender-Diskussion? Und hat das Verständnis überhaupt etwas mit Alt und Jung zu tun?

Zudem fiel uns in der Redaktion bei Gesprächen im Vorfeld auf, dass Leute immer wieder Mühe damit haben, zwischen der Geschlechtsidentität, also Gender, und der Sexualität eines Menschen zu differenzieren. Also dem sozialen und dem sexuellen Geschlecht. Kannst du dir erklären, wieso man das verwechselt?

Ich glaube, dass wir all diese Schubladen benötigen, um uns im Leben einigermassen zurecht zu finden. Schliesslich wird täglich alles komplexer und da möchten wir jemanden ansehen und wissen, wie wir ihn begrüssen sollen und für den Smalltalk im Büro schnell herausfinden, welche Musik er oder sie hört oder welche Sportarten sie oder er in der Freizeit ausübt. Ist bei schriftlichen Anreden die Sachlichkeit oder ein Gender-Stern wirklich eine Alternative? In der gesprochenen Sprache funktioniert das dann ja auch wieder nicht, oder? Die Sachlichkeit könnte immerhin im Schweizerdeutschen für Frauen eingesetzt werden («s’Melanie und s’Anneli schriebed sich en Brief») – ein Rückschritt in die 30er-Jahre inklusive.

Apropos 30er-Jahre: Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Baby-Jungs in pinke Kleidchen und Mädchen in blaue gesteckt. Arbeitskleidung wie der «Blaumann» änderte nach dem Ersten Weltkrieg alles, liess den kleinen Mädchen als Alternative nur noch «Rosa» und richtig binär wurde die Gesellschaft dann mit der pränatalen Geschlechtsdiagnose. Die Eltern kauften alles in geschlechterkonformen Farben und die Marketingbuden rieben sich die Hände. Ist ja klar: Wenn etwas für Jungs und Mädchen angeboten wird, müssen Eltern zwei Ausführungen kaufen, wenn sie ein Mädchen und einen Buben haben. Dabei mögen viele Kinder Rosa und Pink ganz unabhängig ihres Geschlechts. Mir war übrigens Blau schon immer lieber.

Sind unsere Gesellschaftsstrukturen also ein Produkt findiger Marketingleute, bekannt aus Serien wie «Mad Men»? Vielleicht ist es doch nicht ganz so einfach. Gerade mit Männern wie Trump, Putin und Erdogan an der Macht ist es meines Erachtens aber wichtig, dass wir uns dafür einsetzen, alle Menschen gleich zu behandeln, mit gutem Beispiel voranzugehen und etwas gegen die Verrohung der Sprache und den erstarkenden Chauvinismus sowie die Verherrlichung ausgedienter Gesellschaftsmuster zu unternehmen. Denkst du, dass Leute wie Trump dem Diskurs helfen oder ihn verunmöglichen? Geht es um Stereotypen im Allgemeinen oder Gender im Spezifischen oder hängt am Ende alles zusammen und macht damit auch alles komplexer? 

Liebe Anna, vielleicht kannst du etwas Ordnung in meine Überlegungen bringen und mir ganz ehrlich sagen, ob ich mich mit meinen Gedanken zumindest auf dem richtigen Weg befinde. Ich freue mich, von dir zu hören!

Melanie, Verlagsleiterin vom Coucou

 

 

Shalömchen Meli

 

Huiuiui, sind das viele Fragen! Diese elende Gender-Debatte ist aber auch schrecklich kompliziert. Letztendlich gehts doch eigentlich um die simple Frage: Wie viel Vielfalt wollen wir? Und wie werden wir ihr gerecht?

Die deutsche Sprache macht es uns nicht gerade einfach mit dieser Vielfalt; zum Beispiel gibts tatsächlich «liebe Anna», «lieber Jonathan», aber nichts dazwischen oder ausserhalb (das sächliche «liebes» wird oft als unfreundlich empfunden). Wo wir in unserer Sprache über abgrenzende Linien stolpern, müssen wir halt überlegen, wie wir über die Linien hinausmalen können: Ich schreibe gerne «Liebe alle», «Hallo/Salut/Guten Tag Vorname» oder nenne meine queere Community einfach Büsis. Denn Büsis sind vielfältig, herzig – und wissen trotzdem sehr genau, wie sie sich wehren können.

Denn ja, wehren müssen wir uns alle. Wie du bereits anhand Trump, Putin und Konsorten beschreibst, ist Gender eben nicht nur eine latent nervige Feierabenddiskussion darüber, wer Rosarot tragen darf. Nein, bei Gender gehts um Macht: Wer schreibt die Regeln? Wer hat das dickste Portemonnaie? Wem hört man zu? Wenn Schweizerinnen 18 Prozent weniger verdienen als Schweizer, es in unserem Land noch keinen Vaterschaftsurlaub gibt (Urlaub! Als würde Mann zusammen mit dem Baby in der Hängematte liegen und Caipis trinken!) und die Arbeitslosenquote bei Transmenschen fünfmal höher ist als bei der Gesamtbevölkerung, dann ist doch irgendetwas mit diesem Gender noch nicht ganz koscher. 

Apropos trans: Ja, das mit dem Geschlecht und der Sexualität wird mega häufig verwechselt. Eigentlich ist es ja simpel: Die Geschlechtsidentität ist, als wer du abends ins Bett gehst. Und die sexuelle Orientierung ist, mit wem du ins Bett gehst. Ob du eine Transfrau oder eine cis-Frau bist, ist völlig unabhängig davon, ob du mega hetero oder gay as fuck bist. (Ich bin zum Beispiel eine cis-Frau, meine Geschlechtsidentität stimmt mit dem überein, was bei meiner Geburt verkündet wurde – juhu, es ist ein Mädchen! Das ist meine Geschlechtsidentität.)

Aaaaaber: Orientierung und Identität haben eben doch etwas miteinander zu tun. Das merke ich als Berufslesbe und Hobby-Bisexuelle jeden Tag. Wenn random Dudes meiner Freundin und mir hinterherrufen, wie sie uns gerne ficken würden und wie wir denn eigentlich Sex hätten (so ganz ohne Penis, wie geht das bloss, hahaha), dann sind sie sexistisch und homophob gleichzeitig: Frauen, die auf Frauen stehen, werden nicht nur diskriminiert, weil sie Homos sind – sondern auch, weil sie nicht dem traditionellen Bild einer Frau entsprechen, die mega feminin ist und Männer ins Zentrum stellt. Und genau deshalb geht der Kampf gegen Homophobie uns alle an: Weil jede Frau, egal welcher sexuellen Orientierung, die Wahl haben sollte, wie feminin sie aussieht und welche Rolle Männer in ihrem Leben spielen.

Diesen Kampf kannten schon unsere Grosis. Sie mochten noch nicht mit dem Wort «Gender» hantiert und noch keine Sternli benutzt haben (geht gesprochen übrigens ganz leicht, sag einfach «Leser*innen» wie das Gegenteil von «Leser aussen»), aber schon sie haben für die Selbstbestimmung gekämpft. Und darum gehts letztendlich bei dieser ganzen Genderei: selbst zu bestimmen, wer wir sind. Das checken auch unsere Grosis. 

Genderneutrale Grüsse

 

Anna (sie)

[So kannst du angeben, wie du angeschrieben werden willst. Queer-friendly Life Hack!]

 

Anna Rosenwasser ist seit September 2017 Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz.

 

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