«Es sollte um die Musik gehen, nicht ums Geschlecht»

Fehlende Vorbilder, anerzogene Zurückhaltung oder ein zu starkes Rollenbild – Musik machende Frauen im Scheinwerferlicht sind untervertreten. Wieso ist das so und wie lässt sich das ändern?

«Die Fremdwahrnehmung ist manchmal kurios», sagt Leylah Fra über die Feedbacks, die sie nach Konzerten mit ihrer Winterthurer Band Death Of A Cheerleader erhält. «Als Frau bist du schnell die Freundin oder der Groupie, wenn du mit einer vorwiegend männlich besetzten Band unterwegs bist. Du wirst nicht wahrgenommen als Musikerin, oft aufs Visuelle reduziert. Tontechniker versuchen dir die Funktionen deines Verstärkers zu erklären.» Nicht selten wird die Bassistin dabei mit Klischees konfrontiert: «Einmal hiess es an der Bar: ‹Nei sorry, mir händ zue, isch ersch Soundcheck vo de Band.› Da fragte ich mich: Wussten die nicht, wen sie gebucht hatten?»

Solche Erfahrungen haben auch Nora Steiner und Madlaina Pollina gemacht. Seit sieben Jahren proben, spielen und touren die beiden Frauen gemeinsam, zurzeit setzen sie als Steiner & Madlaina vollberuflich auf die Musik. Den Klassiker, den sie zu hören bekommen: «‹Du spielst ja wirklich gut Gitarre für eine Frau.› – Irgendwie nett, weil es als Kompliment gedacht ist, aber eigentlich ist es nur daneben», sagt Nora Steiner. Und Madlaina Pollina ergänzt: «Meistens sind es leider Tontechniker. Da schwingt beim Soundcheck oft etwas mit à la ‹die weiss nicht, was sie macht.› Einmal wurde ich dazu überredet, nach Hause zu fahren, um eine funktionierende Gitarre zu holen, weil meine anscheinend kaputt sei. Als er mit der zweiten Gitarre auch keine Töne auf die Anlage brachte, war der Fall klar. Eine Entschuldigung bekam ich nicht.»

 

Der Kampf um Gleichberechtigung

Bei solchen Aussagen drängt sich die Frage auf: Hat die Schweizer Musikszene ein Problem mit Frauen? Leylah Fra zögert: «Also ich weiss nicht. Es gibt deutlich weniger Frauen als Männer in der Musikszene. Aber der Musikbereich ist nicht der einzige: In Literatur, Film und Theater ist es doch genau gleich», gibt sie zu bedenken. «Da muss sich gesellschaftlich grundlegend etwas ändern, und das geht nicht von heute auf morgen. Das ist eng verknüpft mit dem ‹grossen› Kampf für Gleichberechtigung. Viele Frauen sind sehr selbstreflektiert und daher vielleicht zu zurückhaltend. Einige Männer hingegen machen einfach Musik mit Kumpels und denken weniger nach.»

Der Kampf um Gleichberechtigung in der Musik begann in der Schweiz bereits Ende der 1970er-Jahre: «Oh, sie sind so hübsch, oh sie sind so nett. Rosarot, das mögen sie, hellblau, das tragen sie! Die kleinen weissen Pudel, oh, so naiv im Rudel.» Mit solchen Songtexten spielten Kleenex auf weibliche Stereotypen an – gesungen von Frauen, die diese Stereotypen klar widerlegten. Kleenex war die erste Punkband mit reiner Frauenbesetzung in der Schweiz. «Wir machten das Management selber und kämpften für unsere Ideen – und das in einer Männerdomäne», erzählt heute Lislot Hafner im Interview, Schlagzeugerin und Gründungsmitglied von Kleenex. Es war die Zeit der Jugendrebellion in Zürich, die 1980er-Jahre, in denen das konservative Denken von der Jugendbewegung aufgebrochen wurde. Die vier Frauen von Kleenex wollten sich kreativ ausdrücken. Unter der Woche wurde geübt, am Wochenende traten sie auf. Kleenex war nie Mainstream, sie war eine Kultband der Untergrundszene, bekannt in Deutschland, England, Frankreich und in den USA.

 

Kaum Veränderung seit den 1980er-Jahren

Frauen aus der Punkszene haben sich damals den Raum genommen, um Musik zu machen und Konzerte zu spielen. Doch seither hat sich nicht viel verändert. Heute schwankt der Frauenanteil auf Schweizer Bühnen zwischen zehn und zwanzig Prozent, wovon nur fünf bis zehn Prozent Instrumentalistinnen sind. Die Zahlen stammen von Helvetiarockt, der Koordinationsstelle für Frauen in der Musik. Ihr Ziel: Jede dritte Person, die in der Jazz- oder Popmusik auf einer Bühne steht, sollte weiblich sein. Regula Frei vertritt die Geschäftsstelle von Helvetiarockt. Ihre Einstellung gegenüber Quoten hat sich erst im Laufe der Zeit zum Positiven verändert: «Quoten sind messbare Ziele. Es ist das Einzige, was etwas bewirken kann.»

Etwas weiter als Helvetiarockt geht das «Keychange Program» der PRS Foundation, unterstützt von Kreatives Europa der EU: Sie fordert, dass bis 2022 in 50 Prozent der Bands an einem Musikfestival mindestens eine Frau vertreten ist. Bis jetzt haben sich 85 internationale Open Airs dazu bereit erklärt, das Vorhaben umzusetzen. Darunter ist auch das Reeperbahn-Festival in Hamburg oder das Liverpool Sound City.

 

«Ein attraktives Aushängeschild»

«Quoten finde ich einen völligen Blödsinn», meint hingegen Markus Ganz, der seit 40 Jahren im Musikjournalismus – unter anderem bei der NZZ – tätig ist. «Man kann bei einer derart emotional wirkenden Kunstform wie der Musik nicht etwas verändern, das natürlich wachsen muss.» Das Publikum könne nicht gezwungen werden, von Frauen gespielte Musik zu mögen und dafür Konzerteintritte  zahlen. «Als Folge gäbe es zwar mehr Bands mit Frauen, diese würden dann jedoch noch öfters fragliche Frauenrollen übernehmen.» Eine solche Rolle wäre etwa eine Backgroundsängerin, die mehr als Schmuck auf Bühne steht, als dass sie wirklich etwas zur Musik beiträgt.

Für Markus Ganz ist das Problem nicht gelöst, wenn eine Frau als sexy Backgroundsängerin mitsingt. 50/50 Quoten findet er illusorisch. Schon in den 1980er-Jahren, erzählt Ganz, hätte es den Trend gegeben, Frauen in eine Band aufzunehmen, «nur damit man ein attraktives Aushängeschild hatte».

Während Quoten in der Schweiz diskutiert werden, ist Irita Pai, Bassistin von L.A. Witch, der Überzeugung, dass Kalifornien schon einen Schritt weiter sei und dass sich das Verhältnis von Frauen und Männern auf den Bühnen immer mehr ausgleicht. Die Rockband L.A. Witch, bestehend aus drei Frauen, tourte vergangenen Frühling durch Europa. Einige Konzerte haben sie Feminismus-Kollektiven zu verdanken – in den USA wie auch in Europa.

 

Vorbilder dank oder ohne Quoten?

Sade Sanchez, die Sängerin der Band, bemerkt zudem, dass sich dank der Genderdiskussion einiges getan hat: «Im Moment scheint es für Frauen einfacher zu sein, ins Musikbusiness einzusteigen. Quoten sind gut, aber man muss vorsichtig damit sein. Schliesslich sollten sie fair sein.» Bassistin Irita Pai ergänzt, dass es gegenüber Männern wiederum nicht gerecht sei, wenn Frauen einfach aufgrund der Quoten auf der Bühne stehen. «Es sollte um Musik gehen, nicht um das Geschlecht.» Es sei schade, dass solche Quoten überhaupt notwendig sind, findet auch Nora Steiner. Das Line-Up müsse aber nicht zwingend an Qualität verlieren: «Es gibt so viele unbekannte aber gute Musikerinnen da draussen. Ich glaube, es bedeutet einfach, dass die Veranstalter*innen mehr suchen müssen.»

Weniger positiv steht Leylah Fra der Forderung nach Quoten gegenüber: «Quoten finde ich das falsche Instrument. Die Qualität der Musik muss zuoberst stehen. Ansonsten macht man den Programmachenden das Leben zur Hölle. Woher sollen denn all die erschwinglichen, guten, passenden Frauenbands kommen?» Leylah Fra ist nicht nur Musikerin, sondern kennt das Musikbusiness auch aus der Perspektive als Programmmacherin und arbeitet als Bookerin im Gaswerk: «Grundsätzlich wird das Musikbusiness oft verklärt. Es ist harte Arbeit, ein Programm für ein Festival oder ein Konzertlokal zu buchen. Man kann nicht einfach eine Wunschliste abarbeiten, da spielen viele Faktoren mit.» Dass weniger Frauen auf der organisatorischen Seite des Musikbusiness’ tätig sind, findet sie sekundär: «Auch wenn sie in der Überzahl sind: Männliche Booker und Organisatoren sind ja nie gegen überzeugende Musik, mit oder ohne weiblicher Beteiligung. Zudem ist es gefährlich, wenn man impliziert, Männer würden eher Männer buchen. Das glaube ich schlichtweg nicht. Man sagt ja auch nicht: Nur Frauen hören Beyoncé. Dazu hätte ich gerne mal Zahlen!» Dass sich aber bereits etwas verändert hat, zeigt sich mit Blick auf das lokale Programm: «Mir ist erst kürzlich aufgefallen, wie viele Künstlerinnen wir in letzter Zeit bei uns im Gaswerk hatten. Vielleicht haben wir unbewusst die Quote erreicht!», sagt Leylah Fra und lacht. «Aber im Ernst: Bei uns hat die Qualität oberste Priorität.»

Matthias Schlemmermeyer, Programmmacher der Winterthurer Musikfestwochen, schliesst sich Leylahs Einschätzung an: «Die Gleichstellung der Frau ist noch nicht da, wo sie sein sollte. Aber Quoten sind tatsächlich schwierig zu erreichen, weil es mehr Bands mit männlichen als mit weiblichen Mitgliedern gibt.» Bei den Musikfestwochen haben wir  eine Zielvereinbarung: Diese lautet, «das beste Programm überhaupt» zu machen. Wenn es möglich sei, laden sie gerne Frauen ein, arbeiten aber nicht mit einer Quote, betont Matthias Schlemmermeyer. «Was es braucht, ist frühe Förderung. Das fängt zum Beispiel damit an, dass mehr Mädchen Schlagzeug spielen lernen.»

 

Vom Exotischen zum Üblichem 

Quoten sollten nicht nur mehr Frauen auf die Bühne bringen, sondern Vorbilder schaffen und damit als Inspiration für zukünftige Musikerinnen dienen, findet auch Regula Frei von Helvetiarockt: «Menschen ahmen einfach nach, was sie sehen. Und wenn eine Frau auf der Bühne steht, dann geht ein Mädchen viel eher davon aus, dass es das auch kann.» Wie wichtig Vorbilder sind, betont auch Madlaina Pollina: «Vielleicht muss die Quote mal ausprobiert werden, um sie später wieder abzuschaffen. Denn: Je mehr Frauen auf der Bühne zu sehen sind, desto mehr Vorbilder haben die jungen Frauen in ein paar Jahren.»

Musikjournalist Markus Ganz relativiert die Aussagen: «Ende der 1970er-Jahre waren weibliche Vorbilder sehr wichtig, weil sich damals Frauen einfach nicht trauten.» Heute, meint er, könnten weibliche Vorbilder nicht mehr viel verändern. Trotzdem lenkt er ein: «Es kann schon sein, dass durch mehr Frauen auf den Bühnen auch andere dazu inspiriert werden, Musik zu machen. Damit würde es zu etwas Üblichem werden – und wäre nichts Spezielles mehr.»

Der Musikjournalist sieht das Veränderungspotential stärker in der Bildung. Die Professionalisierung der musikalischen Ausbildung, welche die Schweizer Musikszene in den letzten 30 Jahren stark vergrössert habe, sei extrem wichtig. «Durch die Gewissheit um die Qualität ihres Handwerks werden Frauen dazu ermutigt, professionell Musik zu machen. Und zwar nicht nur in Klischeerollen, sondern auch mit einer eigenen Band und eigenen Songs.»

 

Offenheit von allen Seiten

Helvetiarockt fördert gezielt Frauen in der Musik. Leylah Fra bezeichnet das Programm als eine «super Sache», vor allem wegen des Networkings. «Auf der Plattform findest du Gleichgesinnte und kannst Projekte starten, die sonst nie entstehen würden.» Das Förderprogramm bietet Bandworkshops sowie Angebote im Bereich Songwriting und Aufnahmeproduktion. Auch Leylah Fra kam über einen Workshop zum Bass. Nur: Oft muss Helvetiarockt selbst Teilnehmende suchen. Von sich aus melden sich nur wenige, sagt Regula Frei. Die Geschäftsleiterin ist der Meinung, dass es nicht einfach nur mehr Frauen auf den Bühnen braucht. Ganz allgemein sei mehr Diversität wichtig: Herkunft, Alter und Musikrichtungen sollten gleichermassen auf, hinter und neben den Bühnen präsent sein. So entstehen mehr Vielfalt und eine breitgefächerte Sicht auf die Welt, die mit Songtexten auf das Publikum übertragen werde und damit in jedes einzelne Leben.

Verantwortung tragen deshalb auch die Jugendmusikschulen, wenn es darum gehe, Stereotypen aufzubrechen, ist Leylah Fra überzeugt. Da seien zwar vor allem auch die Eltern gefragt, doch: «Die Eltern alleine können das nicht!» Noch immer werde Kindern davon abgeraten, gewisse Instrumente zu spielen, bemerkt die Winterthurerin. Statt in Privatstunden für einzelne sollten das Musikmachen in der Gruppe oder in Workshops geübt werden.

Madlaina Pollina verortet das Problem nicht zwischen den Geschlechtern, sondern grundsätzlich in der Gesellschaft: «Es ist kein Geschlecht Schuld am Status quo. Was es ganz allgemein braucht, ist eine höhere Wertschätzung der Weiblichkeit im Beruf. In dem Sinne, dass eine Frau eingestellt wird, weil sie eben Dinge anders macht, einen anderen Zugang hat.» Und es brauche mehr Mut. «Es kann ja nicht sein, dass Frauen versuchen sich ‹männlich› zu geben, um mehr Einfluss zu gewinnen.» Auch Nora Steiner sieht das so: «Es braucht keinen Geschlechterkampf, sondern Offenheit von beiden Seiten. Es gibt auch Frauenbands, die eine Haltung an den Tag legen, welche ich ungesund finde. Wir werden nach wie vor in einer ungleichen Welt sozialisiert. Dass Frauen sich weniger zu exponieren wissen, muss und wird sich ändern.»

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