Ein Mitspielzirkus für alle

Ein Mitspielzirkus für alle

Einmal im Leben Zirkusluft schnuppern und hautnah dabei sein, wenn eine Show geprobt wird. Beim Circolino Pipistrello wird dieser Traum für viele Wirklichkeit.

Bunte Zirkuswagen querbeet gestellt, verbunden durch Wege aus Holzbrettern, eine grosse Scheune und ganz hinten das Zirkuszelt: So sieht das Winterquartier des Circolino Pipistrello aus. Es befindet sich in Rikon, gleich neben der Töss. Insgesamt sind es etwa 15 Wagen, die auf dem hektargrossen Areal stehen. Die Sonne scheint am Himmel: Es ist ein perfekter Tag, um sich das Quartier anzusehen.

 

Im Küchenwagen des Zirkus hat der Koch alle Hände voll zu tun. Denn die 17 Artistinnen und Artisten sowie zwei Kinder haben meistens alle gleichzeitig Hunger. Im Wagen steht ein langer Holztisch mit Bänken, auf denen aufgerückt werden muss, damit alle Platz haben. Ziemlich kuschelig. Im Winterquartier werden die Pipistrelli bekocht, doch sobald sie auf Tournee sind, fällt dieser Luxus weg und sie verpflegen sich selbst. Vor dem Küchenwagen wartet eine Gruppe der Artistinnen und Artisten an der Sonne darauf, dass ihre Nachmittagsprobe beginnt.

 

Das Alltagsleben im Winterquartier

Meist teilen sich zwei Personen einen Wohnwagen mit zwei Abteilen. Ein Bett mit Schubladen, ein Spiegel, ein Mülleimer, viel mehr hat nicht Platz in einem Abteil. «Von Zuhause nimmt man nur wenig mit, eben nur das, was man auch benötigt. Es ist auch mal ganz gut zu merken, dass man gar nicht so viel zum Leben braucht», sagt Stefan Tosch, der mit seiner Familie im Winterquartier lebt. Viele der Künstlerinnen und Künstler wohnten vorher in einer WG. Einige benutzen ihr ehemaliges Zuhause als zweiten Rückzugsort oder als Stauraum für die Dinge, die sie nicht auf Tournee mitnehmen können. «Man lässt vor allem viel Krimskrams zurück. Und natürlich reist man nicht mit dem ganzen Kleiderschrank, sondern nimmt die für die Saison passenden Kleider mit», sagt einer der Artisten.

Nicht alle Zirkuswagen auf dem Gelände gehören dem Circolino Pipistrello. Manche sind in Besitz von Privatpersonen, die dort fest wohnen und auch bleiben, wenn der Zirkus auf Tournee geht. Geheizt wird mit Holzöfen, aber nur im Winterquartier. Für die Tour nehmen die Pipistrelli die Öfen nicht mit – sie sind zu schwer für den Transport in den Wagen. Diese fahren sowieso nur circa 30 Kilometer pro Stunde, können also auch nicht allzu grosse Distanzen zurücklegen, weshalb der Circolino Pipistrello vorwiegend im Raum Zürich unterwegs ist.

Wenn man als grosse Zirkusfamilie auf engem Raum zusammenlebt, sind Konflikte und Diskussionen vorprogrammiert. Die Kunst liegt natürlich darin, diese schnell und ohne grossen Wirbel wieder zu vergessen, was den Artistinnen und Artisten scheinbar gut gelingt. «Für sich selbst hat man nur wenig Zeit und vom Zirkusalltag ist man oft erschöpft», erzählt Stefan. Auf Tournee ist der einzige freie Tag der Sonntag, die Abende werden meistens für Vorführungen gebraucht. «Obwohl der Alltag im Winterquartier sehr anstrengend sein kann, bringt das Zirkusleben auch viel Positives mit sich: Die vielen Erlebnisse, Bekanntschaften und neuen Erfahrungen kann einem keiner nehmen. Diese sind anderswo auch schwer zu finden», beschreibt Stefan das Zusammenleben. So ist es keine Überraschung, dass ein Pipistrello im Durchschnitt nicht bloss ein Jahr, sondern häufig zwei bis drei Jahre bleibt. «Die Rekordzeit liegt angeblich bei sieben Jahren», sagt Stefan.

Zum Winterquartier gehört auch ein grosses scheunenartiges Gebäude, das den Proberaum beherbergt. Dort liegen Turnmatten auf dem Boden. Gerade wird eine grosse Gruppenszene geübt. Der Regieleiter gibt Anweisungen. In bequemen Trainerhosen und Pullis haben sich die Artistinnen und Artisten versammelt. Die einen liegen, die anderen stehen, mal sind sie eng umschlungen, mal für sich. Dass sich alle konzentrieren und bei der Sache bleiben, ist eine echte Herausforderung. Etwas Spass und Humor ist natürlich immer dabei und die Proben scheinen recht entspannt zu sein. Neben dem Proberaum befindet sich die grosse Werkhalle, in der sich Schreinerinnen und Schreiner handwerklich austoben können. Momentan renovieren sie einen alten Zirkuswagen, in den zwei der Artisten, die noch in einem alten Wagen wohnen, einziehen werden. Auch für die Aufführungen werden hier Requisiten hergestellt. Manche der Kostüme nähen die Pipistrelli selber, andere kaufen sie in Brockis und Secondhandläden. Von der Werkhalle führt eine Treppe nach oben ins Büro. Ein wichtiger Raum, denn die Tournee braucht gute Planung. Es werden Schulen und Stiftungen angeschrieben, bei denen der Zirkus dann Probewochen veranstaltet.

 

Ein Zirkus zum Mitspielen

Der Circolino Pipistrello ist ein besonderer Zirkus, den es bereits seit 1981 gibt. Rolf Corver hat ihn im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich entwickelt. Inzwischen ist der Circolino der grösste Mitspielzirkus der Schweiz. Doch was genau ist ein Mitspielzirkus? Im Circolino Pipistrello ist jede und jeder willkommen. Jedes Jahr kann man sich bewerben und sich den Zirkusleuten  anschliessen. Spezielle Anforderungen gibt es dazu grundsätzlich nicht, man wird vom bestehenden Team gewählt. «Natürlich ist es gut, wenn man bereits Erfahrung in einem der Bereiche hat, in denen man mithelfen möchte», erklärt Stefan, der seit zwei Jahren beim Zirkus ist. «Ob Landmaschinen, Schreinerei, Elektrizität, Pädagogik oder Musik – Möglichkeiten, um sich zu beteiligen sind genug da.» Diese Kenntnisse sind aber nicht zwingend, es geht den Pipistrelli vielmehr um das Zwischenmenschliche, also um die Frage, ob ein Zusammenleben vorstellbar ist. So ein Jahr beim Zirkus ist nämlich eine intensive Zeit. Von Januar bis April wird die neue Aufführung geprobt und nebenbei die Tournee geplant. Ausserdem muss das Material kontrolliert und showtauglich gemacht werden. Von April bis Oktober folgt dann die Tournee.

Als Mitspielzirkus entwickelt der Circolino Pipistrello nicht nur eine eigene Show. Er bietet auch Zirkuswochen für Kinder, Menschen mit Beeinträchtigungen oder seltener auch für Seniorinnen und Senioren an, die gerne einmal selbst in der Manege stehen würden. In 22 Wochen zieht der Zirkus durch die Region Zürich und erarbeitet zum Beispiel gemeinsam mit Schulklassen eine Vorstellung. Unter der Woche werde ein Theater mit fortlaufender Geschichte aufgeführt, von den Pipistrelli für die Kinder. Nebenbei üben die Kinder selbst eine Nummer, die dann am Ende der Woche aufgeführt wird. Der Mitspielzirkus soll eine Chance für jede und jeden sein, Neues auszuprobieren und über sich selbst hinauszuwachsen.

 

Die Show kann beginnen

In Winterthur ist der Circolino Pipistrello ein gern gesehener Gast. Menschen mit Zylindern, bunt zusammengewürfelten Outfits, auffälliger Schminke im Gesicht und mit einem breiten Lachen laufen über die riesige Wiese des Eulachparks in Neuhegi. Die Artistinnen und Artisten gehen umher und machen auf ihre Vorstellung aufmerksam, die in wenigen Minuten beginnen soll.

Das Zirkuszelt steht mitten auf der Wiese, beim Eingang hat sich eine Schlange aus Eltern mit Kindern gebildet. Manche haben sich ganz spontan in die Reihe gestellt, andere sind extra wegen des Zirkus gekommen. Neben dem grossen Zelt stehen auch noch Verkaufsstände mit Fanartikeln und natürlich ein kleiner Kiosk, bei dem es Glace und Schleckereien zu kaufen gibt.

Im Zirkuszelt riecht es nach Holzspänen, die auf dem Boden verteilt sind. «Achtung, Achtung, die Einfahrt des Zugs auf Gleis 17 verzögert sich um einige Minuten», tönt es aus den Lautsprechern. Und schon sind wir mitten im Geschehen von «Gleis 17», der letztjährigen Produktion des Circus Pipistrello: an einem Bahnhof, an dem sich so einige kuriose Gestalten tummeln. Eine Zeitungsverkäuferin, die Dame, welche das Toilettenpapier verteilt, ungeduldige Stars, schüchterne Verliebte, fleissige und weniger fleissige Arbeiterinnen und Arbeiter, Diebinnen und Diebe. Es gibt niemanden, den man hier nicht antreffen könnte. Die Kinder staunen, machen grosse Augen, lachen, tuscheln. «Wow, ist das echtes Feuer?!» oder «Der ist ja beweglich!»

 

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