Aus dem Leben einer Telefonkabine

Aus dem Leben einer Telefonkabine

Wer früher ein vertrauliches Telefongespräch führen wollte, wandte sich an sie. Heute wird sie praktisch nicht mehr genutzt. Eine Telefonkabine erinnert sich an die Blütezeit ihres Lebens.

Ach die 90er-Jahre, was war das für eine wunderschöne Zeit. Zwar hatten die Menschen sich modetechnisch verirrt (ein Hoch auf das Arschgeweih, Jeans mit Jeans und Jeans sowie andere irritierende Trends, wie beispielsweise Schnuller- oder Tattoo-Ketten), aber sie suchten noch das Gespräch und weitaus wichtiger: Man hat einander zugehört, – und zwar dank mir. Ich könnte so viele Geschichten erzählen über die Menschen dieser Stadt. Über das Ansprechen und Aussprechen, über das Schwärmen und Streiten, über das Missverstehen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da bildete sich eine Schlange vor mir – weil es diese neumodische Art der Kommunikation, diese Kurznachrichten oder Chats, noch gar nicht gab. Das mobile Telefon war für die in Jeans und Jeans gekleideten Passanten noch unerschwinglich. Heute ist das alles anders. Ursprünglich noch schwer, gross und ziemlich sperrig hat mich die neue Generation mittlerweile überholt. Dabei hatte ich gehofft, dass die Umstellung vom Münzeinwurf zu aufladbaren Karten die letzte Revolution wäre, die ich miterleben müsste. Aber jetzt ist alles anders gekommen...

 

Früher wurde ich Zeuge von so vielen spannenden Unterhaltungen, hatte Einsicht in die unterschiedlichsten Leben: Da waren die Verliebten, die den Freund im Militär anruften und dann stundenlang Münzen nachwarfen, nur um sich länger auszutauschen und einander klar zu machen, wie sehr man den Anderen oder die Andere vermisste. Oder die Liebenden, welche meine Anonymität nutzten, um ihre Liebhaberinnen oder Liebhaber zu kontaktieren, ohne dass die treuen Eheleute etwas davon mitbekamen. All die Schülerinnen und Schüler, die ihren Lehrern einen Telefonstreich spielten oder sonst einer Person, die sie zufällig aus dem riesigen Telefonbuch ausgewählt hatten. Menschen auf der Flucht vor dem Gesetz, die Machenschaften planten oder sich über ihr Versagen stritten.

Ich lernte vieles über die Menschen: Zum Beispiel, dass sie zwar manchmal Dinge sagen, sie aber ganz anders meinen – so was kann man am Tonfall erkennen. Oder wie schmerzhaft die Sehnsucht sein kann, wenn der oder die Angebetete im Ausland verweilt. Meine Tür wurde geschlossen, und es entstand ein Raum für Konflikt, Versöhnung, Lüge und Wahrheit.

                                                       

Mit dem Übergang in ein neues Jahrtausend änderte sich vieles. Für mich wurde das Leben um einiges einsamer. Durch Mobilfunktelefone war die private Kommunikation nicht mehr an mich gebunden, und ich verlor zusehends an Bedeutung, wurde nahezu gar nicht mehr besucht. Warum ist es so schwierig zu akzeptieren, dass sich die Form der Kommunikation verändert hatte und ich nicht mehr Teil davon war? Ist ja nicht so, als hätten die Leute aufgehört miteinander zu reden. Nur vereinzelt konnte ich noch Gespräche mitanhören – meistens waren die Beteiligten dann aber nicht freiwillig, sondern aus persönlicher Not zu mir gekommen. Meine Zeit der Verständigung und Vernetzung von Menschen schien vorbei zu sein.

 

Mein Ende ist zum Glück aber auch ein neuer Anfang: Ich werde nämlich nicht abgerissen, sondern umgewandelt. Und dieses neue Projekt gefällt mir sehr, denn die Worte und Geschichten bleiben bei mir. Sie erscheinen nur in einer anderen Form. Statt gesprochen, werden sie geschrieben, gebunden und in Form von Büchern in mir aufbewahrt. Denn «lauschig» hat mich adoptiert und wird sich in Zukunft darum kümmern, mich mit Literatur auszustatten. Ich hoffe deshalb schwer, dass ich dann wieder vermehrt in den Genuss von Menschenbesuch komme. Denn ich soll zu einem Ort werden, an dem man sich austauschen kann, wo man Bücher ausleiht, diese aber auch behalten oder auch eigene vorbeibringen und in mir aufbewahren darf.  Ein bisschen wie früher, ganz anonym und unkompliziert: Ein Bücherschrank, der für alle offen und gratis ist.

 

 

Die Swisscom-Telefonkabinen werden diesen Frühling an der Feldstrasse in Veltheim sowie bei der Herz Jesu Kirche in Mattenbach von «lauschig» zu offenen Bücherschränken umgenutzt. Die Einweihung findet im Frühsommer statt.

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