In Begegnung

Mit seinen skurrilen Vorträgen über UFOs wurde Erwin Mürner stadtbekannt. Mit seiner Art amüsierte er, eckte an und inspirierte. Im vergangenen Herbst starb er 89-jährig. Eine Annäherung an ein Stadtoriginal.


Als 2004 für ein Wochenende das Sulzerhochhaus besetzt wurde, zeigte der damals 72-jährige Erwin Mürner im ersten Stock vor einer Gruppe betrunkener Punks eine seiner spontanen Performances. Unterstützt von einer sprechenden Papageien-Figur imitierte er Tierstimmen. Das ist es, was Erwin Mürner ausgemacht hat: Er suchte das Rampenlicht, polarisierte mit seinen fantasievollen Ideen und zeigte keinerlei Berührungsängste mit Andersdenkenden.

«In den Begegnungen mit Erwin entstand immer Reibung. Das mag viele irritiert haben, aber es brachte sie zum Nachdenken», sagt der Illustrator Samuel Jordi. Der 43-Jährige war über 20 Jahre lang mit dem pensionierten Sulzerpöstler, Krankenpfleger, Ufologen und Filmemacher befreundet.

Man liebte oder hasste ihn

Samuel traf das erste Mal vor etwa 20 Jahren an der «offenen Leinwand» auf Erwin Mürner. Spät abends am letzten Programmpunkt des Filmfestivals Lichtspieltage für unabhängige Low-Budget- und Underground Filme zeigten Filmemacher*innen und Laien ihre Filme – damals noch auf VHS-Kassetten – einem Publikum. Die Veranstaltung war nicht kuratiert und open end. Erwin brachte dort jeweils seine wackligen Ferienfilme mit und kommentierte sie ausführlich vor Ort. «Eine Dreiviertelstunde, eine Stunde oder zwei Stunden – er war kaum zu stoppen», erzählt Samuel. Oft habe ein Teil der Stammgäste stöhnend den Raum verlassen, bevor Erwin überhaupt begonnen hatte. «Ihm ist dabei wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, wie sehr sich einige Leute an seiner Art störten», vermutet Samuel und ergänzt: «Er nahm jede Bühne, egal ob zwei oder hundert Zuschauer*innen.» Samuel und seine Freund*innen hätten sich hingegen über seine Auftritte gefreut, weil man nie gewusst habe, was einen erwarte. So sei das immer gewesen mit Erwin Mürner: Entweder man liebte oder man hasste ihn.

Aus Jux entstand wenig später die erste Zusammenarbeit mit Erwin. Die Freunde Samuel Jordi und Ruedi Widmer, heute Illustrator und Cartoonist für verschiedene Zeitungen, organisierten 2001 zusammen eine Ausstellung im Bistro der Alten Kaserne. «Tausend Witze auf Post-Its» nannten sie die in Beizen gezeichneten Werke auf Post-Its. Das Entstehen dieser Zeichnungen wollten sie auf eine überraschende Art dokumentieren und da erinnerten sie sich an den filmenden Rentner. «Erwin hat sofort zugesagt», sagt Samuel und erinnert sich, wie Erwin nicht nur die beiden Zeichner festhielt, sondern gleich das ganze Restaurant, inklusive des Wirts, unterhielt. Das sei der Beginn ihrer Freundschaft gewesen.

Oft zogen die Studierenden und der Rentner zusammen um die Häuser. «Da sind Welten aufeinandergetroffen», sagt Samuel. Gerade in einer Stadt wie Winterthur, wo immer dieselben Leute an die gleichen Anlässe gingen, habe Erwin nur schon durch den Altersunterschied eine völlig neue Perspektive eingebracht. Zahlreiche Fotos auf Samuels Laptop zeugen von langen, feucht-fröhlichen Nächten in den Kellern Winterthurs. Erwin hatte jede Gelegenheit genutzt, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Unverständnis, wie man das sonst oft zwischen den Generationen beobachtet, kannte er nicht. Vielleicht lag das an seiner eigenen grossen Fantasie oder an der Tatsache, dass auch er immer wieder mit Skepsis konfrontiert wurde, wenn er sein Lieblingsthema ansprach: die UFOs.

Warum UFOs die Wahrheit sind

Gegenüber einem Tagesanzeiger-Journalisten sagte Erwin Mürner, ein Pilot habe ihm von seiner Begegnung mit einem UFO auf einem Nachtflug erzählt. Seither sind für ihn UFOs «die Wahrheit», wie er im filmischen Porträt von Jonas Meier «Mürners Universum» mit Nachdruck feststellt. «Die Erde ist ein kleiner Punkt zu äusserst an der Milchstrasse – und rundherum soll alles unbewohnt sein? Das ist doch unlogisch», beginnt er im Film das Gespräch mit einer Passantin. Erwin wollte seine Mitmenschen zum Denken anregen und ihnen auf diese Weise helfen, wie er im Film sagt.

Seinen Glauben an die UFOs belegte er mit Fotografien seiner Sichtungen. Oft stand er nachts am Küchenfenster seiner Wohnung an der St. Gallerstrasse und fotografierte mit der Digitalkamera Lichtpunkte am Himmel. Dass man sich dabei auch einmal irren kann, war ihm durchaus bewusst, wie er im Film erklärt: «Man muss aufpassen, manchmal ist es auch ein Flugzeug und man meint, es sei ein Schiff.»

In der Gemeinschaft FIGU, der Freien Interessengemeinschaft für Grenz- und Geisteswissenschaften und Ufologiestudien, die ihr Zentrum nahe Winterthur auf einem Bauernhof in Hinterschmidrüti hat, fand Erwin Gleichgesinnte. In dieser internationalen Community hörte er sich Vorträge an und tauschte sich bei Anlässen aus.

Kopf dieser Gemeinschaft ist Billy Meier, eine Art Guru, der angibt, regelmässig Kontakt zu einer Gruppe Ausserirdischer zu pflegen. In seinen Bildbänden zeigt er nachgebildete UFOs, die in Tannen gesteckt und dann fotografiert wurden. Erwin sammelte die Bildbände von Billy Meier und gab viel auf dessen Beobachtungen. Von Seiten der FIGU jedoch wurde Erwins öffentliche Überzeugungsarbeit eher kritisch beurteilt. «Sogar die Verschwörungstheoretiker*innen hatten ihre Vorbehalte ihm gegenüber. Er passte eben in kein Raster», sagt Samuel.


Der Rentner hatte viele Ideen, wie er seine Überzeugungen an die Leute bringen konnte. Einmal drehte er einen Kurzfilm über eine fiktive Begegnung mit einem Ausserirdischen. «UFO UFO» ist noch immer auf Youtube zu sehen. Im Film von Jonas Meier, der ihn bei der Produktion des Kurzfilms mit der Kamera begleitete, sagt er, man könne seinen Film sowohl als Spielfilm wie auch als Dokumentation verstehen. Mit genügend Fantasie und seinem Wissen um die Wahrheit schien es für ihn nicht wichtig zu sein, was tatsächlich passiert ist und was von ihm konstruiert wurde. Fantasie bezeichnet Erwin gegenüber Jonas Meier denn auch als eine Art Lebenselixier: «Jemand der keine Fantasie mehr hat, mit dem ist es aus.» Die Überzeugung, dass es ausserirdisches Leben gebe, sei sein Halt im Leben.


Das Projekt zeigt auch, wie viel Energie, Überzeugungskraft und Tatendrang dieser Glaube ihm verlieh. Er schrieb ein Drehbuch, sprach in der Winterthurer Altstadt Passant*innen für seine Rollen an, führte Regie und spielte die Hauptrolle. Auch das Kostüm für den Ausserirdischen dachte er sich selbst aus: Silbrig-glänzend musste es sein.

Während die einen seine UFO-Ideologie anzweifelten, hinterfragten andere seinen Tatendrang. So verstanden gleichaltrigen Freund*innen nicht, weshalb er in seinem Alter noch einen Film drehen wollte. «Wer soll sich das denn anschauen?», fragt ihn sein Freund und Cutter beim Schneiden des Films. «Das ist doch egal, ich lebe ja jetzt und mache das, solange ich noch kann», lautet Erwins Antwort.


Eine nicht-verwirklichte Ausstellung

Samuel erinnert sich gut, wie er mit Mürner und Meier an den Solothurner Filmtagen 2010 war. «Mürners Universum» hatte den Publikumspreis gewonnen und Jonas Meier sollte auf der Bühne den Preis abholen und eine kurze Rede halten. «Der Saal war proppenvoll mit Schweizer Filmschaffenden, und Erwin packte das Mikrofon und erzählte den Profis, wie er an ‹seinen› Film herangegangen war. Ich fand das sehr erfrischend und irgendwie auch provokativ.»


«Seine Filme und Performances hatten etwas sehr Kindliches und Spielerisches», sagt Samuel. Erwin postete alle seine Fotografien und Videos auf Facebook. Seien es Bilder von UFO-Sichtungen, Begegnungen an der Frackwoche oder Schnappschüsse aus seinem Alltag. «In der Masse blitzte immer mal wieder etwas total Abgefahrenes auf», sagt Samuel Jordi. Diese fantasievollen, abgedrehten Bilder hätten sie gerne gefördert. Sogar eine mögliche Ausstellung wurde diskutiert, doch scheiterte sie an Erwin. Er liess sich nicht lenken, machte, was ihm gefiel.


Wann ist etwas Kunst? Erwin Mürner sah sich selbst als Künstler: Er war in seinen Augen Filmemacher, Fotograf und Komödiant. In der Tat befasste er sich aber weder mit dem Schaffen anderer, noch hatte er das technische Know-how oder kannte die Grundlagen dieser Kunstformen. Trotzdem oder gerade deswegen war er auch interessant für junge Kunstschaffende und wurde mehrfach an Podiumsgespräche eingeladen. «Er kam eben aus einer völlig anderen Ecke», sagt Samuel. Erwin soll sogar einmal auf einem Podium im Dada-Haus gesprochen haben. Überprüfen liess sich das nicht.


Ein Stadtoriginal


«Ihr macht euch doch lustig über den armen, alten Mann», hörten sie oft als Kritik von Winterthurer*innen. «Ich sehe das vehement anders», sagt Samuel. «Wenn du alles, was im Ansatz heikel sein könnte, vermeidest, bleibt es langweilig.»

Sie hätten oft gelacht bei Erwins Aufführungen. Ob das immer die Stellen gewesen seien, die Erwin beabsichtigt hatte, sei unklar. «Er hat sich selbst nicht so ernst genommen und mitgelacht», sagt Samuel. «Für Humor musst du an Grenzen gehen können, sonst wird es nicht lustig.»


Im Sommer 2020 hatte Erwin seinen letzten öffentlichen Auftritt. Im Kraftfeld zeigte er eine Präsentation mit seinen UFO-Sichtungen. Das Publikum war gleichermassen irritiert, überrascht und amüsiert, als Erwin mit grosser Überzeugung erzählte, was er in dem unscharfen Punkt auf der Leinwand sah. Über Sinn und Zweck der UFO-Präsentation sei im Voraus lange diskutiert worden, sagt Samuel. «Letztlich hat Erwin den Auftritt einfach genossen und bei den Zuschauer*innen hat es etwas ausgelöst.»


«Wie oft fragt man sich: Mache ich es richtig oder könnte ich es besser machen? Zudem kommt in der Kultur oft die Frage hinzu: Was ist gut genug und was erhält Subventionen?», sagt Samuel und fügt an: «Das finde ich ermüdend. Bei Erwin hingegen war irgendwie alles wertungsfrei.»


So hat Erwin Mürner mit seiner Eigenart für manche zum Winterthurer Kulturleben beigetragen. Die zahlreichen Zeitungsausschnitte zu seiner Person bestätigen seinen Status als Stadtoriginal. «Ich finde es wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft einen Platz für solche Leute haben und sie wertschätzen», sagt Samuel.

Erwin ist im Herbst 2020 89-jährig verstorben. Doch man begegnet in Winterthur noch immer den Erinnerungen an ihn – sei es in Kommentarspalten auf der Website von Radio Stadtfilter, als handschriftliche Widmung auf einer Bank im Wald oder in der Poetographie-Kurzgeschichte der letzten Coucou-Ausgabe.

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