Meister der Intimität

Meister der Intimität

Zurzeit probt das Theater Ariane am Lindspitz für das neue Stück «Die Filmerzählerin», das am 14. März seine Premiere feiert. Ein Gespräch mit Regisseur Jordi Vilardaga.

In der Stube sitzt Maria, ein zehnjähriges Mädchen. Sie erzählt Geschichten. Grosse Geschichten, die eigentlich auf der Leinwand im Dorfkino laufen. Ihre Eltern können es sich aber nicht leisten, mit der ganzen Familie ins Kino zu gehen. Deshalb schicken sie Maria, die anschliessend das Leinwandgeschehen in der kleinen Stube zum Leben erweckt. Nicht nur ihre Familie ist fasziniert, Leute aus der ganzen Siedlung strömen herbei und zwängen sich in das enge Wohnzimmer. Für sie sind die Geschichten eine willkommene Abwechslung und der Abglanz einer anderen Realität. Für Maria ist es eine Chance, in die grosse Welt hinauszuschauen.

 

Quer durch die Filmgeschichte

Das Theaterstück «Die Filmerzählerin», das diesen Monat Premiere feiert, ist eine grosse Sammlung von Filmgeschichte und Filmmusikgeschichte der letzten Jahrzehnte. Jordi Vilardaga, der Regisseur des Theater Ariane, hat den gleichnamigen Roman für die Bühne überbearbeitet. Der Autor ist Chilene, und die Geschichte spielt in einer Arbeitersiedlung eines chilenischen Minendorfes. «Ein Teil des Unterhaltungswertes des Stückes entsteht sicher durch die Wiedererkennung der Filme und deren Musik», sagt Vilardaga. Rachel Matter, Schauspielerin am Theater Ariane, hat sich dafür über ein dreiviertel Jahr jede Woche mehrere Filme angesehen und sich überlegt, welche Titel unbedingt vorkommen sollten. Diese Vorlaufzeit hat sie optimal auf ihre Rolle als Filmerzählerin vorbereitet. Denn dieses Stück ist eine Herausforderung: Neben dem Musiker Murat Parlak wird Rachel Matter alleine auf der kleinen Bühne am Lindspitz stehen – keine zwei Meter vom Publikum entfernt.

 

Und auch sonst ist diese Produktion für das Theater Ariane eher unkonventionell. Denn «Die Filmerzählerin» ist auch ein körperliches Stück. Rachel Matter wird die Filme nicht nur erzählen, sondern auch spielen. Eine angenehme Herausforderung für Matter, die ihre Ausbildung ursprünglich an der Dimitri Schule, wo Körpertheater gelehrt wird, machen wollte. Und auch Live-Musik ist dabei. «Denn was wären Filme ohne Musik?», fragt Vilardaga.

 

Wer ist Ariane?

Die Mitglieder Esemble kennen sich vom Theater Kanton Zürich und sind schon lange ein eingespieltes Team. Das Zimmer-Theater Ariane wird als Genossenschaft betrieben. Heute sind es sechs fixe Mitarbeitende und mehrere «chronische», die immer wieder mitziehen. Das Zimmer-Theater produziert zweimal im Jahr eine Eigenproduktion. Eine davon spielen sie im «Zimmer» am Lindspitz, wie nun auch «Die Filmerzählerin», die andere in Zusammenarbeit mit dem Theater am Gleis. Dazu kommt das Repertoire an Eigenproduktionen, worüber das Theater inzwischen verfügt und in der ganzen Schweiz aufführt.

 

Bei ihrem Namen hat sich die Künstlergruppe von der französischen Theater- und Filmregisseurin Ariane Mnouchkine inspirieren lassen. Sie ist die Gründerin des Théâtre du Soleil, dessen Ensemble als Kommune in einer riesigen Fabrikhalle lebt und auch heute noch Geschichten gross inszeniert. Das ist im Zimmer-Theater nicht möglich, wo es lediglich Platz für 44 Zuschauerinnen und Zuschauer gibt. Was die beiden Theater gemeinsam haben, ist wohl die Art, Theater zu spielen: Beide machen ihre Vorstellungen zu einem Fest – ob im kleinen oder grossen Rahmen –, wobei das Theater als ursprüngliche Idee im Mittelpunkt steht.

 

Theater in Zimmergrösse

Es ist gross für ein Zimmer, aber klein für eine Bühne. Der Boden ist grau, die Wände sind grau und so auch die Decke. Neun Scheinwerfer sind an ihr befestigt, mehr lassen die Sicherungen nicht zu. Denn auch eine Heizung ist notwendig. Viereckig ragt sie aus einer der grauen Wände. Mit der warmen Luft verbreitet sich ein wohliges Gefühl im ganzen Raum des Zimmer-Theaters Ariane.

 

«Die Raumgrösse unserer Bühne ist sowohl für die Schauspielerinnen und Schauspieler als auch für das Publikum speziell», erzählt Vilardaga. Die Nähe wirkt sehr intim. Das Publikum ist sichtbar wie zu Shakespeares Zeiten, als Theater am Nachmittag gespielt wurde, weil es noch keine Scheinwerfer gab. Es ist zudem eine schauspielerische Herausforderung, denn «das Publikum sieht einfach alles, da kann man nichts verstecken». Dass das Publikum existiert, muss auch die Regie miteinbeziehen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wenden sich ans Publikum, das auch mal mehr weiss, als gewisse Figuren im Stück. Die für das Zimmer-Theater realisierten Stücke sind also eine Massanfertigung. Raum, Publikum und die wenigen technischen Möglichkeiten müssen berücksichtigt werden. Viele der Theaterstücke werden aber ins Repertoire aufgenommen und müssen auch auf anderen Bühnen funktionieren. «Deshalb müssen wir im Voraus immer überlegen, wie wir ein Stück auch auf einer grösseren Bühne spielen können», sagt Vilardaga. 

 

Verdichtete Kunst

«Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Banalitäten», meint Vilardaga. Ganz anders im Theater. Da wird das Leben verdichtet, denn innerhalb von zwei Stunden geschehen so viele Dinge; eine regelrechte Überflutung für das Publikum, aber auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler. «Das Publikum geht nach Hause, kann über das Gesehene nachdenken und sich bis zum nächsten Theaterbesuch erholen.» Die Künstlerinnen und Künstler hingegen sind aufgrund ihres Berufes ständig dieser Überflutung ausgeliefert. «Deshalb sind Theaterleute in ihrem Alltag eher langweilig», sagt der Regisseur. «Ich liebe es, mit einem Bier auf dem Sofa sitzend, ein Fussballspiel im Fernsehen zu verfolgen.»

 

 

Die Filmerzählerin

Premiere: 14. März, 20 Uhr

Eintritt: CHF 30/15

Zimmer-Theater Ariane

Schaffhauserstrasse 44

www.theaterariane.ch

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