«Ich offenbare mich komplett mit diesem Stück»

«Ich offenbare mich komplett mit diesem Stück»

Es ist sein persönlichstes Werk bisher: Im Tanzstück «Never have I ever» schaut Muhammed Kaltuk auf heutige Beziehungen, die Kontaktaufnahme online und verarbeitet eigene Ängste.

Maria Keller: Du hast das Tanzstück «Never have I ever» choreografiert, das am diesjährigen Winterthurer Tanzfestival gezeigt wird. Was thematisierst du darin?

Muhammed Kaltuk: Es geht darum, wie ich Liebesbeziehungen im Jahr 2020 wahrnehme. Das Stück ist mein persönlichstes und privatestes bisher – der Titel «Never have I ever» bezieht sich darauf, dass ich noch nie in einer Beziehung war. Ich beobachte aber Beziehungen in meinem Umfeld und merke, wie viel man dafür geben muss. Eine Beziehung kann etwas Wunderschönes sein oder auch zerstörerisch wirken. Das Stück verarbeitet meine Eindrücke als Beobachter von aussen, als jemand, der das noch nie erlebt hat.

Was sind also deine Beobachtungen?

Ein grosser Teil meiner Beobachtungen beziehen sich auf die Kontaktaufnahme online, wie es heute über Dating-Plattformen üblich ist. Diese Art des Kennenlernens muss überhaupt nicht negativ sein, aber wichtige Aspekte sind heute das Sich-Präsentieren, das Finden des perfekten Bildes, sowohl von sich selbst als auch des Gegenübers – man spricht ja auch von der Maske, die man sich aufsetzt. Das Ziel ist, jemanden, der*die auf Tinder «durch die Masse swiped», in Sekundenschnelle zu überzeugen. Hauptsächlich wollte ich mit der Choreografie aber meine Gefühle zum Ausdruck bringen. Die bewusste Auseinandersetzung mit diesem Thema war für mich eine sehr intensive und oft schmerzhafte Erfahrung, auch jetzt noch, wenn ich mir das Stück ansehe. Ich gebe so vieles von mir preis, wo ich im Nachhinein denke, da würde ich beim nächsten Mal nochmals überlegen, ob ich etwas so Privates zeigen möchte. All das hat zum Ziel, dass die Zuschauer*innen selbst fühlen, was ich beim Beobachten von Beziehungen fühle.

Nämlich?

Beschreiben würde ich diese Gefühle mit den Adjektiven bizarr, lustig, schizophren und intensiv. Eine wichtige Rolle spielen meine Bindungsängste. Ich weiss nicht, ob ich bereit bin, mich in einer Beziehung zu öffnen. Das Ziel ist, dass den Zuschauer*innen kurz der Atem stockt und sie diese Ängste auch spüren. Das Tanzstück lässt sich also überhaupt nicht in eine Kategorie wie «leicht/lustig» oder «schwer/dramatisch» einordnen. Vielmehr zeigt es die ganze Bandbreite von Emotionen, wie ich sie in Beziehungen von anderen wahrnehme. Das Gleiche lässt sich über die Tanzrichtung sagen. Die Tänzer*innen sind vielseitig ausgebildet in diversen Stilen wie Hip-Hop, Ballett oder Contemporary und bringen so eine bereichernde Vielfalt mit.

Laut Programmbeschrieb ist deine Arbeitsweise von der deutschen Tänzerin und Choreografin Pina Bausch inspiriert, die in den 1970er-Jahren als bedeutendste Choreografin ihrer Zeit galt.

Genau, Pina Bausch war schon immer eine grosse Inspiration für mich. Sie machte in ihrer choreografischen Arbeit genau das, was ich in meiner Choreografie zu «Never have I ever» versuche – anstatt dem Tanz eine bestimmte Form oder einen Stil zu geben, geht es um die Gefühle, die transportiert werden sollen. Pina Bausch thematisierte in «Kontakthof» die Kontaktaufnahme in Beziehungen Ende der 1970er-Jahre. Dieses Stück hat mich auf die Idee gebracht, das Thema der Beziehungen zu untersuchen, da ich realisiert habe, wie viel sich seither verändert hat. So ist meine Interpretation davon zustande gekommen.

Wie gehst du an Choreografien heran, die wie «Never have I ever» ein konkretes Thema verhandeln?

Es gibt dazu ein gutes Zitat von Pina Bausch: «Mich interessiert nicht, wie sich die Leute bewegen, sondern was sie bewegt.» Mir ging es also nicht darum, ein paar coole Breakdance-Moves einzubauen, damit es gut aussieht, sondern zu überlegen, was ich erzählen will und in welchen Bewegungen diese Story und die Gefühle zum Ausdruck kommen.

Wie sieht das konkret aus?

Ein simples Beispiel dafür ist der schnelllebige Charakter von Social Media. Wir wollten ausdrücken, wie sich zwei Menschen über das Internet kennenlernen. Um das Tempo der sozialen Medien darzustellen, bewegen sich die Tänzer*innen unglaublich schnell und hektisch, so dass dieses Gefühl des Stresses und auch der Überforderung sofort hinüberkommt. Dieser Gedanke ist mindestens genauso wichtig wie die konkreten Bewegungen, die sie dabei machen.

Du sprichst von «wir». Die Tänzer*innen der Company MEK wurden in den Erarbeitungsprozess also miteinbezogen?

Definitiv. Es ist natürlich ein Gemisch – ich habe gewisse Ideen und Vorstellungen bereits vorbereitet, die ich dann mit den Tänzer*innen zusammen anschaue, interpretiere und eventuell verforme.

Was wünschst du dir von deinen Tänzer*innen, damit sie die Choreografie zu deiner Zufriedenheit auf die Bühne bringen?

Die Tänzer*innen müssen Wille zeigen, ohne das geht natürlich nichts. Für «Never have I ever» müssen sie sehr charakterstark sein. Sie müssen einen persönlichen Bezug zum Thema herstellen, eine Meinung dazu vertreten und diese Meinung zum Ausdruck bringen können. Ich verlange von ihnen, dass sie ihren eigenen Charakter und eigene Emotionen zeigen, denn nur so bekommt das Stück die nötige Intensität. Das ist mir in all meinen Werken sehr wichtig. Die Tänzer*innen brauchen eine Connection zur Story.

Wieso ist es der richtige Zeitpunkt, um genau diese Choreografie hier in Winterthur zu zeigen?

Ich denke, die Kontaktaufnahme oder Beziehungen im Allgemeinen sind zeitlose Themen. Für jede Altersstufe, jedes Geschlecht und zu jedem Zeitpunkt macht es Sinn, sich immer wieder zu fragen: «Hey, wie sehe ich das eigentlich?» Wer gerade in einer Beziehung ist, denkt nach der Vorstellung vielleicht bewusster nach, ob man in diese zu viel rein gibt, wie viel man vom anderen nimmt, wie man die Beziehung erlebt und so weiter. Auch für mich selbst, ohne je in einer Beziehung gewesen zu sein, war der Prozess des Choreografierens eine Art Therapie, in der ich mir intensiv über die Thematik Gedanken gemacht habe. Wie gesagt, es ist mein bisher persönlichstes Werk und ich offenbare mich und meine Ängste damit komplett, was auch für mich eine neue und intensive Erfahrung ist.

Was zeichnet dieses Stück sowie deine Choreografien generell aus?

Es ist mutig, nicht definierbar, was den Stil angeht, jung, expressiv, dramatisch und sehr packend – so haben es die Leute, die das Stück bereits gesehen haben, beschrieben. Ich würde schon sagen, dass das auch meinen Stil generell auszeichnet. Ich versuche ausserdem immer, mit meinen Themen und der Darstellungsform eine Brücke zum Publikum zu bauen. Oft bekomme ich die Rückmeldung, dass die Zuschauer*innen einen Bezug zu ihrem eigenen Leben herstellen konnten, sich selbst hinterfragten und wirklich mitfühlten während der Vorstellung. Das ist natürlich ein riesiges Kompliment.

Du hast als 15-Jähriger deine erste Hip-Hop-Tanzstunde besucht. Heute bist du schweizweit und international in unterschiedlichen Projekten als Choreograf tätig, darunter auch für Fernsehauftritte und mit Künstler*innen wie Lilly Becker oder Steff la Cheffe. Wann wusstest du, dass du den Tanz zu deinem Beruf machen willst?

Als ich mit 15 zu tanzen begonnen hatte, wusste ich sofort, dass ich Tänzer werden wollte. Mir wurde dann von vielen Menschen gesagt, dass das nicht realistisch sei. Ich habe als Plan B eine Ausbildung als Pflegeassistent und Fachmann Gesundheit absolviert. Nach dem Abschluss hatte aber das Tanzen immer noch erste Priorität. Also habe ich mit 25 Jahren ein Studium an der Höheren Fachschule für Zeitgenössischen Tanz & Urbanen Bühnentanz begonnen und die Ausbildung in Zürich vor zwei Jahren abgeschlossen. Seither haben sich so viele Türen geöffnet und ich darf an den unglaublichsten Orten mit unglaublichen Leuten arbeiten.

Wann hast du entschieden, dass du den Schwerpunkt auf die Choreografie legen willst?

Während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich in den Choreografien nie komplett aufgehen konnte – sie waren nun mal nicht mein eigenes Werk. Die Choreograf*innen waren alle sehr talentiert, ich konnte jedoch nur völlig ich selbst sein, wenn ich mein Ding machte. So war es nur naheliegend, selbst Stücke zu kreieren. Deshalb ist es mir nun auch so wichtig, dass die Tänzer*innen sich selbst sein können. Sie müssen zwar Dinge tun, die sie sonst nie tun würden, aber sie können dies auf ihre eigene Art und Weise tun. Wenn Tänzer*in und Choreografie nicht harmonieren, wird letztere angepasst und nicht der*die Tänzer*in ausgewechselt.

Was würdest du dir wünschen, dass die Zuschauer*innen von «Never have I ever» mitnehmen?

Ich wünsche mir eigentlich nie etwas von den Zuschauer*innen. Das würde ja bedeuten, dass ich mir das auch beim Choreografieren immer überlegen müsste. Man weiss ja auch nie, ob und wie intensiv das jede*r durchlebt oder überhaupt erleben möchte. Die Reaktionen auf meine Arbeit sind in dem Sinne immer wie eine Wundertüte. Das ist das Schöne, Überraschende und auch Bedrohliche daran. Ich freue mich aber, wenn die Zuschauer*innen sich zurücklehnen, zuschauen und auch nicht aufhören möchten, zu schauen. Wenn ich es schaffe, dass sie dranbleiben und miterleben, dann ist das ein berührender Moment für mich als Choreograf. 

«Never have I ever» von Muhammed Kaltuk wird am 19. November 2020 um 19:30 Uhr im Rahmen des Tanzfestival Winterthur im Theater am Gleis aufgeführt.

Infos unter www.tanzfestivalwinterthur.ch

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