Der Raum zwischen uns

Der Raum zwischen uns

In der Schweiz anzukommen, ist nicht einfach. Edi ist aus dem Iran geflüchtet und erzählt im Interview, wie er seine ersten Stunden, Monate und Jahre in der Schweiz erlebt hat.

Valentina Scheiwiller: Edi, du bist 2017 aus dem Iran in die Schweiz geflüchtet. Wie war die Situation für dich, als du in der Schweiz angekommen bist?

Edi: Eigentlich war mein Ziel England. Ich wollte von Zürich weiter nach England reisen, aber am Flughafen in Zürich wurden mir mein Reisepass und meine Papiere von einem Schlepper abgenommen. Als ich später zur Polizei ging, wurde ich festgenommen. Ich musste vier bis fünf Stunden in einer Zelle warten. Ich hatte Handschellen an, wusste nicht, wo ich war und konnte auch niemanden danach fragen, da ich kein Englisch und kein Deutsch sprach. Die Polizei war nicht sehr nett mit mir. Sie haben alle meine Tattoos fotografiert und ich glaube, dass sie auch einen DNA-Test gemacht haben. Wieso, weiss ich bis heute nicht. Es ist eine grosse Stresssituation, wenn du nicht weisst, wo du bist und wie es weitergeht. Es ist niemand für dich da, ich war völlig auf mich alleine gestellt. Meine Ankunft war also nicht sehr einfach.

 

VS: Du hast vier Tage in Gefangenschaft verbracht, ohne dass du wusstest warum. Zusätzlich hattest du auch keine Möglichkeit mit jemanden zu kommunizieren. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Edi: Ich hatte Angst. Ich sprach die Sprache der Beamt*innen nicht, ich wurde nicht nett behandelt und ich trug ohne Grund Handschellen. Das löst ein Gefühl von Angst und Machtlosigkeit aus.

 

VS: Wie ging es für dich weiter? Hattest du irgendwann Klarheit, was auf dich zukommen würde?

Edi: Nach vier Tagen in Haft wurde ich mit einem kleinen Bus abgeholt und nach Kreuzlingen in ein Asylheim gefahren. Ich hatte die Handschellen immer noch an. Das war sehr komisch, wenn ich jetzt daran zurückdenke. Wieso musste ich diese Handschellen tragen? Mittlerweile weiss ich, dass ich einfach diskriminiert wurde, weil ich keine Papiere hatte. Wahrscheinlich wurde ich als Gefahr angesehen. Ich weiss aber von anderen, dass sie einfach ankommen und direkt ins Asylheim gefahren werden, ohne ein solches Verfahren. Sobald man im Asylheim ist, beginnt der ganze Prozess.

 

VS: Was ist das für ein Prozess?

Edi: Ich war in Kreuzlingen im Asylheim und bekam viele Informationen in meiner Sprache. Aber es war mir nicht wirklich klar, was ich machen musste. Dann wurde ich in ein anderes Asylheim nach Sulgen gebracht und schlussendlich war ich im Asylheim in Winterthur. Das ist bei den meisten so; sie kommen in ein Heim und werden zum nächsten gebracht, ohne wirklich zu verstehen, wieso man das Heim wechseln muss. Ich musste immer wieder Papiere unterschreiben, die ich nicht wirklich verstand. Alles, was ich wusste, war, dass man zwei Interviews mit dem Staatsekretariat für Migration machen musste, um vielleicht eine Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Ansonsten wartet man einfach im Asylheim und hat nichts zu tun. Irgendwann hat man dann das erste Interview. Erst ein, zwei oder drei Jahre später folgt dann das zweite. Dann habe ich auf den Bescheid gewartet. In meinem Fall ging es eher rasch, also eineinhalb Jahre. Andere müssen viele Jahre auf ein Resultat warten. Man weiss nie, wie lange es noch geht. Das Problem ist vor allem, dass man nichts planen kann. Ich lebte jeden Tag mit dem Stress, nicht zu wissen, wann dieser Bescheid wohl kommen mag.

 

VS: Bei diesen Interviews mit dem Staatssekretariat musstest du über deine Situation im Herkunftsland, über deine Fluchtgeschichte und auch über deine jetzige Situation sprechen. Hast du dich bei diesen Interviews wohl gefühlt?

Edi: Ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Schwieriges erlebt. Ich habe vieles erlebt, ich hatte viele Probleme im Iran, aber diese Interviews waren sehr schwierig. Die Interviews haben jeweils bis zu neun Stunden gedauert, man ist in einer ständigen Stresssituation und man weiss, dass alles, was man sagt, die eigene Zukunft, das eigene Leben betrifft. Nach den Interviews ist es noch schwieriger, da man danach nicht weiss, wie es weitergeht. Das endlose Warten und nicht zu wissen, was auf einen zukommt ist, die Hölle.

 

VS: Du hast nach eineinhalb Jahren einen positiven Bescheid bekommen und durftest in der Schweiz bleiben. Wie hast du das Ankommen, die Integration in der Schweiz erlebt?

Edi: Es ist nicht so einfach, wie man denkt. Es ist wie ein geschlossener Raum. In Sulgen war das Asylzentrum unterirdisch. Man lebt also für ein oder zwei Monate, manchmal auch für Jahre, unterirdisch und hat nicht viel Kontakt zur Aussenwelt. Wenn man nach draussen wollte, musste man immer ein Papier vorweisen. Wir durften maximal fünf Stunden am Tag raus und 30 Minuten an den Computer, aber wir durften keine Handys haben. Die Menschen, die in dem Asylheim gearbeitet haben, waren wirklich sehr nette und respektvolle Menschen. Trotzdem aber bleibt die Distanz zu den Einheimischen immer da. Ein grosses Problem war auch, dass wir zwar Deutschkurse besuchen konnten, aber nur selten Kontakt hatten mit Menschen, die Deutsch sprachen. So ist es sehr schwierig, eine Sprache zu lernen. Durch die Sprache könnte man sich einfacher integrieren.

 

VS: Was würde sonst noch die Integration vereinfachen?

Edi: Mir haben die Menschen geholfen, also sich mit Menschen auszutauschen. Ich meine nicht die Menschen, die für die Einreisebestimmungen zuständig waren, sondern einfach Menschen wie du und ich. Je besser ich Deutsch konnte, desto besser konnte ich mich verständigen und mich mit Einheimischen austauschen und sprechen. Das hat mir sehr geholfen. Als ich in die Schweiz kam, wusste ich nicht, wie die Menschen hier sind. Ich kannte die Kultur nicht, ich wusste nicht, wie die Menschen funktionieren. Das musste ich zuerst lernen. Die Integration ist einfacher, wenn man Menschen kennenlernen kann.

 

VS: Denkst du, dass Schweizer*innen nicht zugänglich sind und es darum schwierig ist, sich zu integrieren?

Edi: Ja. Ich habe sehr oft über genau das nachgedacht. Und ja, es ist wahr, die Menschen hier sind nicht besonders zugänglich. Ich dachte zuerst, es sind alle rassistisch. Aber ich fing an, die Situation mit dem Iran zu vergleichen. Dort gibt es einen Raum zwischen den Afghan*innen und den Iraner*innen. Dieser Raum ist immer da, weil gegenseitig ein schlechtes Bild des anderen besteht. Diesen Raum gibt es auch hier zwischen Schweizer*innen und Ausländer*innen. Dieser Raum ist dunkel, weil es keine Informationen über den anderen gibt. Wenn man nichts über den anderen weiss, ist es klar, dass man Angst hat und sich nicht zugänglich zeigt.

 

VS: Wenn dieser Raum gefüllt wäre, wäre dann die Integration für Asylsuchende einfacher? Was müsste sich ändern, damit dieser Raum nicht weiter leer bleibt?

Edi: Das Problem ist der Mangel an Wissen. Alle Informationen, welche man hier über den Iran bekommt, sind negativ. In den sozialen Medien, im Radio, im Fernsehen oder auch in Zeitungen findet man nur Nachrichten über Terrorismus und so weiter. Dann hat man automatisch ein negatives Bild von diesem Land. Ich glaube, das ist das Problem. Ich glaube dieser Raum wäre gefüllt, wenn man auch positive Informationen über die Kultur im Iran von den Medien erhalten würde. Ich dachte zuerst, in der Schweiz gibt es keine Liebe. Aber dann verstand ich, dass mir keine Liebe gegeben wurde, weil es eben diesen dunklen Raum zwischen mir und den Schweizer*innen gab. Wenn ich etwas ändern könnte, dann wäre es die Situation in den Asylheimen. Die Situation dort ist wirklich nicht menschlich. Die Menschen sind müde und krank, und es fehlt an Hoffnung, weil man eine ungewisse Zukunft hat. Das lange Warten auf den Bescheid, ob man bleiben darf, löst sehr viel Druck und Hoffnungslosigkeit aus. Wenn ich könnte, würde ich gerne diese Situation allen Menschen hier zeigen, weil ich glaube, dann würde man besser verstehen, wie schwer Integration sein kann und dann würde sich auch dieser Raum zwischen den Schweizer*innen und Ausländer*innen verkleinern.

 

Edi ist 2017 aus dem Iran die Schweiz geflüchtet. Über seine Fluchtgründe mochte Edi im Interview nicht sprechen. Heute lebt er in Winterthur in einer Wohngemeinschaft zusammen mit einer jungen Familie. Er besucht regelmässig einen Deutschkurs. Das Gespräch wurde am 16. Juli in Winterthur bei ihm Zuhause geführt.

Der lange Weg zur Integration
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