Ein Labor für Leerstellen

Ein Labor für Leerstellen

Nach langer Corona-Dürre kehrt das Kulturleben langsam zurück. Der Verein Kulturstadtlabor füllt die Leerstellen und bringt spontane kulturelle Formate in die Strassen und Parks Winterthurs.

Die Würfel sind überall: In ganz Winterthur verteilt findet sie der*die aufmerksame Stadtbewohner*in seit anfangs Juli. Dahinter steckt mehr als reine Deko: Vielmehr sind sie da zum Verweilen, zum Sitzen, Essen, Spielen – oder dienen als Bühne für Kunst oder Konzerte. Nebst den Würfeln finden sich an einigen Orten in der Stadt Info-Tafeln, die auf die durch Corona entstandenen kulturellen Leerstellen hinweisen. Denn: «Gleich wie sonst ist es nicht», sagt Alexandra Götz, Mitinitiantin des Projekts «Kulturstadtlabor». «Nicht wie sonst» – das bezieht sich auf die zahlreichen Sommer zuvor, in denen sich an allen Ecken und Wochenenden und -tagen Festivals und andere kulturelle Veranstaltungen ereigneten und man sich vor lauter Programm beinahe nicht für eines entscheiden konnte. Oder auf die Tatsache, dass im Schützenwiesen-Stadion diesen Sommer wegen der Rasensanierungkeine Fussballspiele stattfinden. Zwar könnte inzwischen bei den zahlreichen Konzerten, die bereits wieder an diversen Orten stattfinden, der Eindruck entstehen, die Maschine laufe wieder. «Viele dieser Musiker*innen sind normalerweise den ganzen Sommer ausgebucht», sagt Alexandra Götz, die durch ihren Job im Kraftfeld die Musikszene bestens kennt. Diesen Sommer jedoch – auch bedingt durch die Absage der allermeisten Festivals und die Corona-Schutzmassnahmen – findet gerade mal ein kleiner Bruchteil der sonstigen Veranstaltungen statt.

Doch das Kulturstadtlabor ist mehr als der Versuch, das zu ersetzen, was ausfällt. Nicht umsonst steckt das Wort «Labor» im Namen drin: Es ist ein Format zum Experimentieren, zum Ausprobieren. Explizit soll nebst der Sichtbarmachung der Leerstellen auch das Ausloten von neuen Formaten gefördert werden. Auf sehr niederschwellige, aber nicht unprofessionelle Art und Weise darf auch quergedacht und -gehandelt werden. Im Juli wurden beispielsweise die Spiele des FC Winterthur auf eine LED-Wand, die vom Verein Fussballkultur im Stadion aufgestellt wurde, übertragen. Das Kulturstadtlabor nutzte die Chance und funktionierte die Schützi inklusive der vorhandenen Infrastruktur kurzerhand zur «Spielwiese für Kultur» um: So wurde das Stadion mit seinen 1‘200 überdachten Sitzplätzen an gewissen Tagen ein Kino und eine Bühne für Poetry-Slams und Konzerte. Im August sind weitere Happenings, Strassenaktionen, Literatur-Kiosk, Kunst-und Theater-Aktionen und diverse Installationen in verschiedensten Parkanlagen und auf öffentlichen Plätzen angedacht. «Einen fixen Terminplan gibt es nicht, vielmehr entsteht die Kultur spontan und ungezwungen», sagt Alexandra Götz – für die Durchführenden wie auch für die Zuschauer*innen. Wie spontan das ganze Labor angedacht ist, zeigte sich in der Woche vor dem ersten Kickoff-Event: Der für den 11. Juli geplante Kulturlauf musste wegen Flohmi-Terminkollision um eine Woche verschoben werden: Die Corona-Schutzmassnahmen erlaubten es nicht, dass zwei Veranstaltungen zur selben Zeit im öffentlichen Raum stattfinden.

Dass es sich beim ersten Event des Labors um einen Kulturlauf handelt, ist keineswegs Zufall: Einerseits kann ein solcher coronabedingt auch in kleinen Gruppen stattfinden. Andererseits können auf diese Art und Weise innert kurzer Zeit an sehr vielen Locations sehr viele unterschiedliche Kultur-Interventionen zeitgleich stattfinden: Draussen in den Parkanlagen, in Kulturhäusern oder an gut frequentierten Orten wie dem Kirch- oder Lagerplatz. Wichtig ist bei vielen der Aktionen auch die Eigenpartizipation der Kulturkonsument*innen: Radio machen, Rätsel lösen oder Kunstwerk erweitern als Möglichkeiten des Aktiv-Werdens binden sie in den Kultursommer ein.

Die Ziele des Kulturstadtlabors sind somit nicht nur in der Kunst, sondern in verschiedensten Bereichen zu verorten: Nebst der «Kulturförderung und Ausfallkompensation» und dem «Hinweis auf Leerstelle(n)», werden auch die Hinweise auf das Potential, das Gemeinschaftliche und die Hintergründe betont – die Plattform «Kulturstadtlabor» als Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, für die sonst «keine Zeit und kein Platz» ist. Wichtig ist dabei aber stets: Kultur kostet Geld – eine Gage wird den Künstler*innen auf jeden Fall ausbezahlt. Der Verein Kulturstadtlabor versteht sich daher nicht nur als offene Plattform, bei dem sich alle Kulturschaffende mit Ideen für Aktionen im öffentlichen Raum melden können, sondern er will möglichst vielen Kulturschaffenden in allen Sparten sowie Ton- und Lichttechniker*innen wieder Auftritt- und Arbeitsmöglichkeiten verschaffen.

Initiiert wurde der Verein von verschiedenen Akteur*innen, die auch sonst am Kulturleben der Stadt beteiligt sind – als Einzelpersonen und angestellt in Institutionen, die sich nun die anfallenden Jobs wie Kuration, Organisation und Kommunikation untereinander aufteilen. Im Organisationskomitee sitzen unter anderem Vertreter*innen vom Verein OnThur, den Musikfestwochen und den Kurzfilmtagen, dem Kulturmagazin Coucou und Radio Stadtfilter. Die starke Vernetzung in der hiesigen Kulturszene erlaubt ihnen den Spielraum und die Spontaneität, einen solchen Kultursommer durchzuführen. Und wer weiss – vielleicht bleibt gerade dieser besonders in Erinnerung: als ein Sommer, aus dem man trotz eingeschränkter Möglichkeiten das Bestmögliche gemacht hat.  

 

Kulturstadtlabor

Infos zu allen geplanten Aktionen gibt es unter:

www.kulturstadtlabor.ch

 

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