Leben zwischen Schönheit und Zerstörung

Schönheit und Zerstörung sowie Hoffnung und Verzweiflung sprechen aus den Bildern des kanadischen Fotografen Ian Willms. Seit zehn Jahren dokumentiert er die Auswirkungen der Erdölindustrie Kanadas mit tiefgründigem Blick für das Schicksal der Natur und der Menschen vor Ort. Bis April 2020 sind die grossformatigen Aufnahmen in der Coalmine ausgestellt.

Ein kleiner Kreis gespannter Betrachter*innen steht vor einer der 52 Fotografien im hell ausgeleuchteten Raum der Coalmine. In ihrer Mitte steht der kanadische Fotograf Ian Willms, der extra zur Vernissage angereist ist, um dem Publikum die Geschichten hinter seinen Bildern zu erzählen.

Es sind Geschichten wie jene der Fotografie, die drei indigene Männer während der traditionellen Karibujagd zeigt. Auf dem Bild sind sie mit ihren Schlitten in einer märchenhaft verschneiten Winterlandschaft unterwegs, Schnee und Wald so weit das Auge reicht, das erlegte Karibu auf dem grossen Holzschlitten ist nur zu erahnen. «Früher haben die Männer der indigenen Gemeinschaften direkt in ihrem Gebiet gejagt und gefischt», erzählt Willms. Doch diese Zeiten seien längst vorbei. «Die Karibuherden sind durch die Auswirkungen der Industrie und durch Waldbrände in Folge des Klimawandels verdrängt worden. Um auf Jagd zu gehen müssen die Menschen nun eine Woche mit dem Schneemobil reisen. Diese Reise ist nicht nur mühsam und gefährlich, sondern kostet die Menschen auch sehr viel Geld. 1000 Dollar für die offizielle Jagderlaubnis, ohne Gewissheit auf Erfolg.»

Die Geschichten hinter Ian Willms Bildern lassen die Betrachter*innen staunend und mit einem beklemmenden Gefühl zugleich zurück. Eigentlich wäre gerade das Bild der verschneiten Winterlandschaft eine Aufnahme voller Naturpoesie, gäbe es keine weiteren Erklärungen dazu, die einen zweiten Blick auf das Bild eröffnen. Aus den Begleittexten zur Ausstellung geht hervor, dass dahinter das Schicksal von Vertreibung und Ausbeutung der indigenen Völker Kanadas, als Folge der kommerziellen Erdölindustrie steht. Flächenmässig hat die Ölsandgewinnung in Kanada weltweit die grösste Ausdehnung und entspricht in ihrem Ausmass etwa der Grösse Englands.

Ian Willms inszeniert das Nebeneinander von Industrie, Natur und Menschen vor Ort durch das fotografische Spiel von Licht und Formen. So zeigt das erste Bild des Rundgangs das dicht bewaldete Ufer des Athabasca Rivers, am Horizont in der Mitte ein gelb-oranges Leuchten, warm und ausdrucksstark wie ein Sonnenuntergang. Die Information bricht die Idylle. Das Leuchten ist der Scheinwerfer eines grossen Frachtschiffes auf dem Fluss, der die Region Fort McMurray mit den Ölsandminen verbindet.

«As Long as the Sun Shines» ist der Ausstellungstitel, den Ian Willms für seine jahrelange Arbeit gewählt hat. In seiner Führung durch die Ausstellung erklärt er, dass dieser Titel auf ein politisches Versprechen zurückgeht, das den indigenen Stämmen Kanadas einst gegeben wurde. 1899 unterzeichneten die englische Königin und 39 First Nations einen Vertrag, der den Häuptlingen der indigenen Völker zusicherte, dass sie in ihrer Heimat, dem Land ihrer Vorfahr*innen, solange jagen und fischen können, «wie die Sonne scheint».

Noch scheint die Sonne in der kanadischen Provinz Alberta. Doch die Grosskonzerne zerstören mit der Rückendeckung der kanadischen Regierung systematisch die Lebensgrundlagen der Indigenen und das Ökosystem des Jasper Nationalparks. Die Fotografie einer Elchherde inmitten einer grünen Weidelandschaft des Nationalparks macht diesen Akt der Zerstörung sichtbar, denn nur einige hundert Meter neben den Tieren befinden sich zwei grosse Ölpipelines. Ian Willms lässt die Betrachter*innen eintauchen in den Konflikt widersprüchlicher Emotionen. Er stellt Naturschönheit den kahlen Landstrichen der Ölminen und grüne Weiden grellen Industrielichtern als reale Parallelwelten gegenüber.

Sascha Renner, der die Ausstellung in der Coalmine kuratiert, beschreibt in seiner Eröffnungsrede zur Vernissage Ian Willms als «Meister der Farbe und des Lichts », der «einfühlsam und doch niemals sentimental» die Schicksale der Menschen porträtiert. Eines dieser Porträts ist das Bild eines 7-jährigen Jungen, spielend in seinem Bett in Fort McKay, nur ein paar hundert Meter von den riesigen Ölminen entfernt. «Der Junge wurde mit einem Herzfehler geboren und mehrfach am Herzen operiert. Die Mediziner sind sich einig darüber, dass seine Krankheit eine Folge der Umweltverschmutzung ist. Schicksale wie seines treten in der Umgebung der Ölminen häufig auf», sagt Ian Willms.

Ian Willms wurde für «As Long as the Sun Shines» mit dem Greenpeace Photo Award 2018 ausgezeichnet. Seine Fotoessays werden in internationalen Ausstellungen gezeigt und unter anderem vom «Canada Council for the Arts» unterstützt. Was ihn antreibt an dem aktuellen Projekt weiterzuarbeiten, ist die Verbindung zu den Menschen und der Natur, die er über die Jahre seiner dokumentarischen Arbeit vertieft hat. Das letzte Bild der Ausstellung ist zugleich das Lieblingsbild des Fotografen. Es zeigt eine Freundin und ihren Sohn, die ihn während einer wochenlangen Reise nach Alabaska begleitet haben, eng umschlungen in warmen Decken eingewickelt in einem einfachen Zimmer. Wärme, Frieden und menschliche Zuneigung sprechen aus dem Bild. So tragisch die Geschichten hinter vielen seiner Bilder sind, bleiben sie doch gleichzeitig voller Hoffnung. Sie zeigen, dass auch für die Protagonist*innen seiner Bilder das Leben neben den Ölminen weiter geht, Menschen sich freuen, füreinander da sind und ein Stück ihrer Heimat trotz aller Schwierigkeiten bewahren.

As Long As The Sun Shines

1. Oktober 2019 bis 9. April 2020

Coalmine

Turnerstrasse 1

www.coalmine.ch

Bildlegenden: 

 

Bild 1: Ein Teil des borealen Waldes wird abgeholzt, um den bitumenhaltigen Boden der Fort-Hills Suncor-Ölsandvorkommen in der Nähe von Fort McKay abzutragen. Sobald das Bitumen, eine Mischung aus Sand und Teer, zur Verarbeitung in Erdölprodukte von LKWs abtransportiert ist, wird das gesamte Gebiet zu einem klaffenden Tagebau.

Bild 2: Der kleine Dez, 7, spielt in seinem Bett in Fort McKay. Dez wurde mit einem Herzfehler geboren und mehrfach am offenen Herzen operiert. Die Familien- und Gesundheitsexperten in Fort McKay sind sich einig, dass seine Krankheit durch Umweltverschmutzung verursacht wurde. Die indigene Community Fort McKay liegt inmitten von Ölsandausbeutungen. 

Bild 3: Die Aufbereitungsanlage der Firma Syncrude für Ölsande. Die Ölsandindustrie setzt jedesJahr über 70 Megatonnen Treibhausgasemissionen frei.

Bild 4: Kanahus Manuel bringt ihre Nichte Wasayka, 2, zum Ufer des South Thompson River, in Shuswap, British Columbia. Seit Jahren haben viele Indigene der Secwepemc First Nation sich zusammengeschlossen, um den Fluss gemeinsam zu schützen und zu verhindern, dass eine neue Ölsandleitung durch das Gebiet gebaut wird. 2016 wurde die Pipeline von der kanadischen Regierung offiziell genehmigt. Der Bau begann 2017.

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