«Das ist mir neu»
«Das ist mir neu»
«Das ist mir neu»

«Das ist mir neu»

Du denkst, du kennst Winterthur in- und auswendig? Schliesslich lebst du seit Jahren hier, hast jedes Museum besucht, in jeder Beiz getrunken, jede Sehenswürdigkeit besichtigt? Weit gefehlt!

Es ist ein Reiseführer der anderen Art, nicht für fotografierende japanische Touristinnen und Touristen, sondern für die Einwohnerinnen und Einwohner von Winterthur. Genau deshalb lockt mich die Vernissage des Reiseführers an diesem regnerischen Vormittag in die Stadtbibliothek. «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss», heisst es umständlich auf dem Buchumschlag. Ich nehme neben einem älteren Herrn mit gesetzter Miene platz, er ist bereits ins Buch vertieft. Als er die Seite mit dem Dach des neuen Busbahnhofs aufschlägt, lehnt er sich zu mir rüber. «Wissen Sie, weshalb das Teil so viele Löcher hat?», fragt er schelmisch und antwortet gleich selbst: «Für jeden Seich vom Stadtrat eines.»

Er lebt schon lange in Winterthur, denke ich mir. Und auf die Frage, warum es ihn denn an die Buchvorstellung verschlagen habe, heisst es «Winterthur Tourismus». Was will denn ein Stadtführer bitteschön mit einem Buch über die Stadt, durch die er gewöhnlich selbst führt?

Die Antwort erschliesst sich mir bei weiteren Beobachtungen. Mein Sitznachbar blättert erstaunt durch die Seiten. Aufgeregt tuschelt er mit seiner Begleiterin. «Also das mit dieser Mutprobe ist mir neu», «Wo steht dieses Denkmal?», «Da war ich noch nie drin». Offenbar lernen hier sogar waschechte Sightseeing-Experten noch etwas dazu.

Zum Beispiel, dass der erste schriftliche Verweis auf Vitudurum – so hiess die römische Siedlung, die sich auf dem Stadtgebiet befand – heute kaum beachtet im Rathausdurchgang steht. Oder, dass eines der wohl hässlichsten Bahnhofdächer der Schweiz ein Planbeispiel für dutzende Haltestellen im Land hätte dienen sollen – was dann aber aus Kostengründen nicht passierte. Auch wenn einem der ein oder andere Ort schon bekannt ist: Mit Anekdoten und sorgfältig recherchierten Details zur Lokalität erzählt jede Seite etwas neues.

Genau das war denn auch das Ziel von Autorin Corrine Päper. Vier Jahre hat sie an ihrer Liste mit Winterthurer Orten gebastelt, die eben noch nicht jeder kennt – und wenn, dann zumindest nicht so gut wie sie. Auf ihren ausgedehnten Jogging-Trips habe sie die Stadt kennengelernt, schwärmt sie im Interview. Aber auch Tipps von Kolleginnen und Kollegen, einige davon selbst alteingesessene Winterthurer, hätten ihr geholfen.

Die Idee zum Buch kam derweil aus Deutschland: Der Emons-Verlag aus Köln führt eine Reihe aus über zweihundert Bänden von «111 Orte...» und vertreibt die meisten Ausgaben mit grossem Erfolg. Für Berlin allein erschienen beispielsweise drei verschiedene Führer, insgesamt hätten sie sich rund 120'000 mal verkauft. Aussergewöhlich für die Reihe sei insbesondere, dass sie eine grosse lokale Abnehmerschaft finde, teilt die Dame vom Verlag mit.

Das werde in Winterthur ganz ähnlich sein, raunt es vom Landbote-Journalisten. Der Winterthurer, das ist klar, liebt seine Stadt. Und dieses Buch, es ist eine Liebeserklärung an «Winti». Die Angestellte aus der Stadtbibliothek weiss jedenfalls zu berichten, dass die ersten Exemplare bereits ausgeliehen seien.

 

Bilder

Credits: Georg Holubec (Winterthur in Pictures)

Bild1: «Wie wenn du im Whirlpool sitzt», schwärmte der Fotograf von seinem Lieblingsort im Buch «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss»

Bild2: Das Theater Ariane ist das kleinste Theater in Winterthur, nicht grösser als ein Wohnzimmer.