Vom Überfluss der Beschränkung. Ein literaturwissenschaftlicher Aufruf zur Masslosigkeit

Ein Gastbeitrag zur Poetographie von Sebastian Meixner, Literaturwissenschaftler an der Universität Zürich.

Winterthur wird vermessen. Nicht mit Zollstock, Massband oder Satellit, sondern mit Worten. Mit Gedichten, deren Titel und Silbenstruktur an japanische Haikus erinnern. Gedichte, welche die Kürze zum Prinzip erheben, mit dem Ziel, dass der Knappheit Klarheit folgt. Kürze und Verknappung sind aber nur die eine Seite dieses Projekts. Denn die Eydus sind keine Solitäre, sondern tendieren entschieden zur Vervielfältigung, weil sie zu immer weiteren Gedichten auffordern. Dieses Zusammenspiel von Verknappung und Vervielfältigung führt an die Ursprünge der Poetik: zur Frage nach dem Mass der Literatur, die Welt abbildet, perspektiviert, verändert.

 

Ey/Ei! Ob Henne oder Ei, das ist hier nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, dass das Ei das Symbol schlechthin ist, wenn es um Weltschöpfung durch Sprache geht. Denn das Ei ist reines Potenzial und unumgängliche Vorgeschichte. Auch mitten in Winterthur ist ihr ab ovo nicht zu entkommen, weil sich im Ei die Magie von Sprache konzentriert, die nicht nur von Orten redet, sondern diese im abbildenden Sprechen schafft – und zwar zu den Bedingungen einer strengen Form. Dass die Eydus eine verortete Situation einfangen und dabei radikale Gegenwart festhalten, macht genau dieses Moment der Schöpfung transparent, das Prozess und Produkt ineinander verschränkt.

 

Du/Wir! Bei dieser unumgänglichen Vorgeschichte ist die zweite Person programmatisch. Es sind individuelle Stimmen, die am Ende der Gedichte – einer Unterschrift gleich – die Poetographien perspektivieren, beglaubigen und manchmal auch zu einer Antwort auffordern. Dergestalt entpuppt sich das kollektive Epos als vielstimmiger Gesellschaftsroman. Ein Gesellschaftsroman, der in seinen lyrischen Splittern seine eigene Form findet, etwa indem er die Silbenstruktur abwandelt oder mit einem Reim konfrontiert.

 

Ey, du! Wo liegen die Grenzen dieser Poetographien? Im realen Ort Winterthur und seiner Extension? Im Papierformat der Plakate und Druckseiten? Oder in der kartographischen Repräsentation, auf der rote Punkte die Standorte der Gedichte verzeichnen? Das Geheimnis von Literatur ist, dass sie selbst bei maximaler Formstrenge keine Grenzen kennt – und die Eydus sind diesem Geheimnis auf der Spur. Denn gerade in der Verknappung liegt das Potenzial zur Proliferation, das wiederum die Welt verändert. Und das Mass, das bestimmt, wann das Viel in ein Zuviel kippt, die Grenze von der Fülle zum Überfluss überschritten wird und wann Winterthur, Wiesbaden oder die ganze Welt auspoetographiert ist – das ist eine Frage, die sich nur kollektiv beantworten lässt.

 

Bis dahin fliesst noch viel Wasser die Eulach hinab, werden noch viele Lieblingsbadis besungen, Amphibienweiher beschrieben oder Brunnen poetographiert. Und es ist – rhetorisch gesprochen – kein Zufall, dass ausgerechnet das Wasser zum Bildspender wird, wenn es darum geht, aus sehr wenig sehr viel zu machen. Ist doch das Überfliessen des Wassers in der abundantia weniger der bildliche Ursprung von Kreativität, sondern mehr ihr Effekt – genauso wie die Poetographien ein kaleidoskopisches Winterthur erschaffen, dessen Formen ineinander fliessen und sich dabei ausdehnen. Sie setzen damit sogar die Physik ausser Kraft, indem sie das vermessene Objekt im Vermessen vergrössern. Die Welt muss poetographiert werden!

 

Text von

Sebastian Meixner ist Literaturwissenschaftler an der Universität Zürich und forscht zum Überfluss an der Schnittstelle von Ästhetik und Ökonomie.

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