Vom Was des Wassers

Eine Email-Konversation darüber, wie die Eydus eine neue Perspektive auf die Steinberggasse eröffnen. (Oktober 2020)

Vom Was des Wasser der steibischen Steibi – eine Emailkonversation

Hochangelesene -Graphin B., Ihre Frage, ob es ein erstes Eydu gibt, muss ich verneinen. Denn ein Eydu ist per Definition erst Eydu, wenn es an einem kollektiven Epos teilhat. Und eine Ansammlung von ‹Eydus› wird erst zu einem kollektiven Epos, wenn sich die Poetogenität in ihm abzuzeichnen beginnt. Das heisst, sobald zwischen den Eydus (Ansammlung poetogener Momente verschiedener Poetograph*innen) etwas aufscheint, was mehr als das ist, was die einzelnen Eydus unverbunden enthalten. Kurz, Poetogenität: Ihre Wirklichkeit bildet sich aufgrund des poetographischen Werks in Winterthur hinein und vertieft sich oneirisch in den Poetograph*innen … Lasse ich mich heute durch die Strassen treiben, schäumt mir eine eulachende Materie (Winterthur Winterthurs) entgegen, die sich aus dem steten, dreizeilig-tintigen Nieselregen (Praktik des Poetographierens) gebildet hat, der den Rhythmus Winterthurs Textur (Rhythmisierungsarbeit der Eydus) aufblitzen lässt und dessen Wabern seltsame Gebilde beleuchtet, die den unbewussten Gestalten einer tagträumenden Stadt ähneln (Poetische Perspektive). Ja, ich denke, die Poetogenität scheint bereits im Epos und durch es hindurch in Winterthur auf. Was denken Sie, -Graphin B.? Tiefverschriebenst -Graph S.

Hochangelesener -Graph S., nun, beim Betrachten einiger Eydus zur Steinberggasse fiel mir auf, dass sich darin das Wasser als das Poetogene herauskristallisiert, das die Poetograph*innen einfassen und bewahren. Liest man die Steibi-Eydus, entquillt ihnen das, was die Badebrunnen für uns bedeuten, wird sichtbar, was das Was des Wassers ist – nämlich das, was die Poetograph*innen aus den Quellen in der Passage schöpfen, um andere in ihre Stimmung eintauchen zu lassen. «Drei Brunnen, ein Band / Stülpt sich Wasser übern Rand / Jung – alt; Hand in Hand» (Nebi Simovic): Dieses Überschwappen der Gedanken umfasst die Stimmung der Passage. Das Wasser ist wie ein durchsichtiges Band, das die Leute generationenübergreifend verbindet. Und es strömt, dank Nebis Eydu, selbst durch die Strophen des kollektiven Epos hindurch. «in Badehosen / den warmen Teer um die Brunnen / dunkel färben» (Livia Berta): Das Wasser färbt den Asphalt, zeichnet ihm Muster ein, hinterlässt tintengleich einen vorübergehenden Ein-/Abdruck in der Textur der Steinberggasse, beschreibt sie stets neu – Tagträume schäumende Poetogenität! Hocherlesener -Graph K., was meinen Sie? Entfliesst das Winterthur Winterthurs der steibischen Steibi? Tiefverschriebenst -Graphin B.

Hochangelesene -Graphin B., beim Versuch meinen Wissendurst bezüglich des poetogenen Flusses unserer Steibi zu stillen, wurde ich von der allesdurchsickernden Poetographistik bis an die Ufer der Winterthurer Historie geschwemmt.Schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts strömte nämlich hier ein Seitenarm des Rettenbaches, unser heute schlafender Stadtbach. 1839 wurde er in seinem Flussbett zugedeckt, hat aber heute in unseren Eydus eine Quelle gefunden, um tagtraumartig die Steibi wieder zu durchströmen: «Im steibibrunnen / Geht uns das bier langsam aus / Hako ist schon dicht» (Dimitri Dünki). Das Bier sprudelt vom Hako zu den schiffbrüchigen Winterthurer*Innen in den Steibibrunnen. Im Alkoholrausch der Strömung ausgeliefert, durchströmt sie ein Rauschen, die Poetogenität! Sie ersaufen im steibischen Fluss und so wie ein von den Tiefen des Wassers Geretteter seine Lunge hustend vom Wasser befreit, entquillt den ertrinkenden Steibianer*innen ein Eydu – wie Simon Brunner sein Steibibrunnen-Eydu: «In grauen Wogen / Schwimmt allein mein letztes Bier / Komm ich teils mit dir». Das Was des Wassers, das vor 900 Jahren durch den Stadtbach sprudelte, rinnt heute durch die drei Judd-Brunnen. Sprunghaft entfliesst das Winterthur Winterthurs aus unserer Steinberggasse, ergiesst sich tosend in unserem kollektiven Epos. Hochangelesene -Graphin K., wie deuten Sie die Poetogenität unserer geliebten Steibi? Tiefverschriebenst -Graph K.

 

Hochangelesener -Graph K., um Ihren Überlegungen nachzugehen und mich selbst von der steibischen Steinberggasse treiben, erfassen und überwältigen zu lassen, besuchte ich das zugedeckte Flussbett des Rettenbachs. Vor Ort stellte ich fest, dass die Bedeutung, die den drei Badebrunnen entfliesst, von Sonnenstand, Witterung und Jahreszeit beeinflusst wird. Das geht auch aus dem Eydu von Thomas Gehring hervor: «Noch dichten Deckel / die Brunnen in der Gasse / wie Weinbergschnecken.» Die Zeit manifestiert sich in verschiedenen Stimmungen der Steibi und die Poetograph*innen manifestieren diese Stimmungen in Eydus und in mir manifestiert sich gerade jetzt etwas, das sich zwischen und mit diesen Häuserfassaden auf der Wasseroberfläche der steinernen Brunnen spiegelt, und so schöpfe ich selbst aus dieser Quelle und tauche in das Poetogene ein – und aus dem früheren «in Badehosen / den warmen Teer um die Brunnen / dunkel färben» (Livia Berta) wird ein «In Regenhosen / den warmen Tee, schon fast Kult / der Herbst hält Einzug» Tiefverschriebenst -Graphin K.

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