Flechten

Flechten

Barbara Schibli ist mit ihrem Debüt ein hinreissender Roman gelungen, der Kunst und Wissenschaft über Linsen miteinander verbindet. Anna hat sich der Flechtenforschung verschrieben.

Ihre Zwillingsschwester Leta ist Fotografin, die Kamera hat sie vom Vater erhalten. Beide haben eine ziemlich unterschiedliche Sichtweise auf die Welt, doch gehören sie untrennbar zusammen: Während Anna am Mikroskop arbeitet, nimmt Leta ihre Schwester vor die Linse.

Anna hat Alpträume: «Es sind anmassende Träume, die einem weismachen wollen, alles hänge mit allem zusammen, die vorgeben, die Realität mit Marginalien zu versehen und in Fußnoten alles aufzuklären.» Ihre Beziehung zu Dejan glückt nicht. Viel lieber wollte sie Leta an sich ketten und eins mit ihr werden. Verbundenheit wiederum ist Leta zuwider: Sie möchte nicht mit Satelliten oder Wifi verbunden sein.

Schiblis Text ist ein Geflecht, das über Sprachbilder zusammengehalten wird, bis Anna eine Ausstellung mit Letas Fotografien besucht und sich ihre geschwisterliche Beziehung endgültig verändert. Der Kamerablick ihrer Schwester auf sie entfremdet ihr die Schwester und sich selbst: «Mein Mund wird zu ihrem Mund, meine Wange zu ihrer.» Dazu gehören auch die Spiele, mit denen sie sich gegenseitig gefährlich werden. Barbara Schibli erzählt mit Flechten das Coming of Age von Zwillingsschwestern als Entflechtung, die missglückt: «Leta ist nicht ersetzbar.»

 

«Flechten» umfasst 220 Seiten und wiegt 276 Gramm.



Claudio Notz ist Mitglied im Vorstand der Literarischen Vereinigung

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