Privateigentum

Privateigentum

«Alles Private wirkt tendenziell unkonzentriert», sagte kürzlich eine Homeoffice-Beraterin in einem Tagi-Interview. Der schöne Satz findet seine Entsprechung in einem kurzen Roman von 2019, der wie für eine Zeit geschrieben ist, in der man sich täglich in die Wohnzimmer schaut.

Natürlich ist in der Ökosiedlung, wo die Caradecs in ihr erstes Haus einziehen, anfangs alles perfekt. Aber Eva, die Ich-Erzählerin, ist Städteplanerin und mit ihrer «Theorie des unbestimmten Raums» dem Vorstadt-Klischee überlegen. Mit ihrem depressiven Mann Charles, den der Text stets als Du adressiert, blickt sie auf die Nachbar*innen hinab, die sie mit Lärm und Klatsch bedrängen. Doch als ein Kater in ihr Eigenheim eindringt, werden auch sie in die Strömung von Hass und Lust gezogen, die die Nachbarschaft statt des wegen Baumängel ausbleibenden Ökostroms durchzuckt. Todesfälle, Tiermassaker und Brandstiftungen folgen in einer elegant getakteten Eskalation.


Die heimtückische Erzählerin fesselt, indem sie scharfsinnig, aber fahrig ihre Mitmenschen im Privaten beobachtet. In einer knappen Sprache, die sich wunderbar liest, mischen sich, weil an ihren Mann gerichtet, milde Schonungslosigkeit und gewissenlose Verbundenheit. Wenn sich am Ende der Plot neu verknotet und ungeahnte Wendungen produziert, so liegt es nicht an einer unzuverlässigen Erzählerin, sondern an einer – tendenziell – unkonzentrierten.

 

«Privateigentum» umfasst 144 Seiten und wiegt 216 Gramm.

 

Cédric Weidmann ist Redaktor von delirium – Zeitschrift gegen Literatur. www.delirium-magazin.ch

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