«Kulturförderung ist eine Haltung»: Sieben Statements zur Kultur

Kulturförderung ist abhängig von Ressourcen – von finanziellen und von räumlichen. Doch was geschieht, wenn diese Ressourcen knapp werden? Darüber diskutierten am m4music die Winterthurer Kulturchefin Nicole Kurmann mit Berlinern, Zürchern und der Migros. Wir haben für euch die wichtigsten Aussagen herausgepickt.

Identität, Unverwechselbarkeit, hohe Lebensqualität und Bildung: Das steht auf dem Geschenkpapier jeder Kulturförderung. Sie stehen auch auf demjenigen des neuen Winterthurer Kulturleitbilds. Doch wie sieht das Päckchen darunter aus? Und vor allem wenn man gerade kein Geld für Päckchen hat? Am m4music-Festival in Zürich fand unter dem Titel «Kulturförderung in Zeiten knapperer Ressourcen» eine Diskussionsrunde statt, bei der verschiedene Kulturvertreterinnen und Kulturvertreter ihre Konzepte für die Zukunft präsentieren sollten.

«Weil die Stadt wächst, ist es wichtig, dass auch mehr finanzielle Mittel für die Kulturförderung zur Verfügung stehen, damit der Andrang überhaupt bewältigt werden kann. Dabei sollte nicht nur die Exzellenz-Kultur, sondern auch die Underground-Kultur gefördert werden.»

Tim Renner, Staatsekretär für kulturelle Angelegenheiten in Berlin

Berlin gilt heute als die Kulturmetropole schlechthin: Sie zeichnet sich durch eine Unverwechselbarkeit aus, die auch Winterthur und Zürich gerne für sich beanspruchen würden. Doch zur Kulturstadt mit internationaler Ausstrahlung ist Berlin erst in den letzten Jahren geworden. Der Grund: « Berlin war über Jahrzehnte zweigeteilt, deshalb gibt es heute alle grossen Institutionen doppelt. Zudem war die Mitte der Stadt bis zum Mauerfall ein Aussenbezirk, der sich in den letzten 25 Jahren stark gewandelt hat.», sagt Tim Renner, Berliner Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten. «Das bedeutet aber auch, dass Berlin finanziell stark gefordert ist. Kultur ist einerseits ein Versprechen, dass von den 40'000 bis 50'000 Menschen erwartet wird, die seit 1989 neu in die Stadt gezogen und grösstenteils im kulturellen Bereich tätig sind. Kultur schafft aber auch Identität für die Ost-, West- und Neu-Berlinern», erklärt Renner. «Weil die Stadt wächst, ist es wichtig, dass auch mehr finanzielle Mittel für die Kulturförderung zur Verfügung stehen, damit der Andrang überhaupt bewältigt werden kann. Dabei sollte nicht nur die Exzellenz-Kultur, sondern auch die Underground-Kultur gefördert werden.»

«Wenn wir die grossen Institutionen nicht mehr fördern, haben wir ein Legitimationsproblem. Das heisst, neue Konzepte sind gefragt»

Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt Zürich

5 Prozent des finanziellen Gesamtaufwands der Stadt Berlin wird in die Kulturförderung investiert. Zahlen, von denen Zürich und Winterthur nur träumen können: In Zürich sind es gerade mal 1 bis 1.5 Prozent. 8 von 10 Franken gehen an die grossen Institutionen. Der Stadtzürcher Kulturdirektor Peter Haerle ist mit dieser Aufteilung nicht glücklich, doch könne die Aufteilung nicht einfach so neu definiert werden. 85 Prozent der Mittel sind gebunden, 15 Prozent können frei eingesetzt werden. Zu diesen 15 Prozent gehört neben der freien Szene auch die Filmförderung. «Wenn wir die grossen Institutionen nicht mehr fördern, haben wir ein Legitimationsproblem. Das heisst, neue Konzepte sind gefragt», sagt Haerle. Zugleich betont der Kulturdirektor aber auch, dass die Idee einer Umverteilung der Mittel in der Kulturszene auf Widerstand stösst: «Die Kulturszene hätte gerne, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist.» Langfristig nach möglichen Zusammenarbeiten zu suchen, sei deshalb das Ziel. Und auch Fragen zu stellen, ob es tatsächlich vier Institutionen braucht, die alle das Gleiche machen, oder ob auch drei reichen würden. So könnte man Gelder für die freie Szene freispielen.

«Bei Spardiskussionen kommt man nicht weiter, wenn man sich gegenseitig zerfleischt»

Nicole Kurmann, Bereichsleiterin der Kultur in Winterthur

Kulturförderung heisst nicht nur Geld sprechen sondern findet auch durch Vernetzen und Synergie-Nutzung statt. Hedy Graber vom Migros Kulturprozent, einem der wichtigsten privaten Kulturförderer in der Schweiz, verweist darauf, dass sich die Kulturschaffenden aus der freie Szene vernetzen sollen, um von einander zu lernen. «Kooperationen fördern und fordern» ist neu auch im Kulturleitbild der Stadt Winterthur festgehalten: «Bei Spardiskussionen kommt man nicht weiter, wenn man sich gegenseitig zerfleischt», sagt Nicole Kurmann, Bereichsleiterin der Kultur in Winterthur. Die Institutionen und die freie Szene hätten in Winterthur gemerkt, dass sie sich organisieren müssen, um dem Spardruck standzuhalten. Es entstand eine Kulturlobby. Von Seiten der Stadt sei geplant, die Kunstmuseen unter einem Betrieb zu fassen und dadurch Synergien zu nutzen. Dies soll allerdings nicht zu Lasten der Kultur geschehen, betont Kurmann: «Winterthur ist stark von seiner Geschichte geprägt und hat eine Vielfalt an kulturellen Institutionen, dazu gehört beispielsweise auch das Münzkabinett, das eine ganz spezielle Nische abdeckt. Genau solchen Nischen sollte man Sorge tragen. Und man muss sich die Frage stellen, ob innerhalb des Kulturbudgets umverteilt werden muss oder ob es auch mit einem billigeren Strassenbelag gehen würde.»

«Wir sind darauf angewiesen, dass es uns nicht erschwert wird, Kultur zu veranstalten.»

Marc Brechtbühl, Kaufleuten

Fördern kann eine Stadt auch über indirekte Wege. Marc Brechtbühl, Miteigentümer des Kaufleuten betont, dass kommerzielle Veranstalter, die sich über Einnahmen von Restaurant, Garderobe und Bar selbst tragen können, Unterstützung von Seiten der Stadt braucht, indem sie die notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt: «Wir sind darauf angewiesen, dass es uns nicht erschwert wird, Kultur zu veranstalten.» Kommunikationsprobleme innerhalb der Verwaltung erschweren die optimale Kulturförderung. Probleme, mit denen Winterthur zurzeit noch zu kämpfen hat.

«Wir von der Kulturabteilung erfahren solche Beschlüsse erst, wenn sie bereits ausgesprochen wurden.»

Nicole Kurmann, Winterthur

Kurmann kommt auf das ausgesprochene und wieder rückgängig gemachte Kultur-Werbeverbot zu sprechen (siehe dazu neue Coucou-Ausgabe): «Wir von der Kulturabteilung erfahren solche Beschlüsse erst, wenn sie bereits ausgesprochen wurden. Das Departement für Kultur spricht Steuergelder für Institutionen. Diese wiederum müssen aber mehr Geld für Werbung ausgeben. Das ist ein Widerspruch.» Neben Kommuniktionsproblemen gibt es in der Stadt Winterthur aber offensichtlich auch Unklarheiten bei den Zuständigkeiten. Darauf lässt Kurmans Statement zur Aufhebung der Subventionen für die Bandraummieten und die anschliessende «vermutlich rechtlich nicht korrekte» Mietpreiserhöhung schliessen: «Die Bandräume, also die Basiskultur, sind bei der Quartierentwicklung angesiedelt. Für die Freizeitszene kann ich nicht sprechen, da ich die professionellen Kulturschaffenden vertrete.»

«Eine Stadt muss den Mut aufbringen, Kultur zuzulassen»

Tim Renner, Berlin

«Bei der Kulturförderung ist die Einstellung der Stadtverwaltung wichtig», betont Renner. «Wenn die Stadt schon kein Geld hat, sollte sie wenigstens Mut haben, die Augen zuzudrücken, und gerade gegenüber Sachen, die nicht ganz konform sind, mit Gelassenheit reagieren.» Brandverordnungen bei Zwischennutzungen zu erlassen, sei beispielsweise Unsinn. «Das ist zwar gefährlich für die Stadt, aber andererseits muss sie auch den Mut aufbringen, Kultur zuzulassen und die Rolle als Berater wahrnehmen.» Als Stadt müsse man helfen, dass gewisse Sachen stattfinden können und zum Beispiel Strassen absperren, Proberäume vermieten oder Clubs Hilfeleistungen geben, wenn sie Lärmemissionsklagen haben. «Gerade bei Neubauten muss man durchsetzen, dass auch Kulturnutzungsräume eingeplant und diese zu günstigen Konditionen angeboten werden. Neben dem physischen Raum gibt es aber einen weiteren ebenso wichtigen Freiraum: Zeit, um Grundlagenforschung machen zu können.» Erst danach könne in der Kunst auch etwas passieren.

«Kultur muss gefördert werden, weil man Kultur will.»

Peter Haerle, Zürich

«Die mächtigsten Politiker kümmern sich nicht um Kultur», sagt Tim Renner und verweist auf das Lobby-Verfahren von Politikern. Kultur werde als «nice to have» gesehen. Deshalb sei es wichtig, dass Kulturschaffende aggressiver auftreten, um beachtet zu werden. «In der Politik sollte man Zahlen vortragen, weil Finanzminister nur Zahlen verstehen. Denn auch Kultur hat einen Selbstzweck», sagt Renner. Zudem hat, wie eine Studie der Bank Julius Bär kürzlich aufzeigte, Kultur auch einen wirtschaftlichen Nutzen: Sie bringt Fortschritt, Bildung, Tourismus und Innovation. «Für Zürich ist das ungemein wichtig», sagt Kulturdirektor Haerle. «Gerade für die Nischen braucht es eine starke Lobby. Kultur muss gefördert werden, weil man Kultur will.»

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