Zwei Seelen in einer Brust

Zwei Seelen in einer Brust

Susan Schochs Stahlbogen vor der Kirche Rosenberg machte Furore. Mal bunt und wild, mal schlicht und zart – die Kunst der 69-jährigen Malerin und Plastikerin ist facettenreich.

Ihre Kunstwerke tragen Titel wie Himmelsschiff, Korallenhirsch oder Stachelschwein-Herz. Susan Schoch spielt gern mit Wörtern. Die 69-jährige Künstlerin sitzt auf einem hellblauen Stuhl in ihrem Atelier im Kulturzentrum Alte Kaserne. Sie trägt ein seegrünes Seidenfoulard, türkisfarbene Ohrringe und giftgrüne Schlappen – Farben, die sich auch oft in ihren Werken finden.

«Mir schwirren viele Ideen durch den Kopf, ich muss sie nur einfangen.» Eine Idee sei wie eine unsichtbare Wolke, die sie auf die Erde bringen müsse, um sie sichtbar zu machen. Beharrlichkeit sei dabei wichtig. Susan Schochs Interesse gilt dem Reisen – nach Innen und Aussen. Reisen ins Innere mache sie, um Schrott loszuwerden und wieder zum Wichtigen zurückzufinden: «Ruhe, Zufriedenheit und Klärung.» Die Malerin und Plastikerin zieht es immer mal wieder in die Ferne, etwa nach Ägypten, Italien oder Mexiko. Fremde Kulturen und die Natur inspirieren sie.

Susan Schoch steht auf, geht durch den Raum und zeigt auf eine ihrer Arbeiten – ein gutes Dutzend Satellitenaufnahmen des Nildeltas, überdeckt mit transparentem Tüll, in den sie die Flussarme gestickt hat. Die Stiche sind mal schwarz und dick – ein wirres Durcheinander –, mal türkisfarben und fein. Kreuzstiche erinnern an Soldatenfriedhöfe oder gar an den Nahostkonflikt. «Ich überlasse es den Betrachtenden, was sie in meiner Kunst sehen und gebe nur Impulse, vermittle Stimmungen.»

Die charakteristischen Merkmale ihrer Werke sind facettenreich wie die verschiedenen Aufnahmen des Nildeltas. Ebenso ihre Ausdruckformen: Bilder, Zeichnungen, Installationen, Objekte und Skulpturen. «Ich habe eine wilde und eine stille Seite», sagt Susan Schoch. Während des Gesprächs hat sie manchmal die Augen geschlossen, und im nächsten Moment macht sie eine expressive Schilderung. Sie ist ein Zwilling, das Sternzeichen mit den zwei Gesichtern.

Susan Schoch wuchs mit ihrem Zwillingsbruder in einer Beiz in Winterthur auf. Sie spielte ebenso selbstverständlich mit der Eisenbahn wie mit Puppen. Susan Schoch wollte Grafikerin werden – damals noch ein unerreichbarer Männerberuf –, ging dann später aber an die Textilfachschule in Zürich. 1973, mit 25 Jahren, reiste sie nach Rom, wo sie die «Accademia di Moda e Costume» besuchte. Dort lernte sie vor allem eins: die Kunst des Müssiggangs – la dolce vita. Als Schweizerin sei sie leicht verbissen gewesen, habe ihre Skizzen immer wieder ‹gümmelet›, während die Italienerinnen und Italiener ihre Entwürfe mit einer gewissen Grandezza und Leichtigkeit aufs Blatt gebracht hätten. Susan Schoch kehrte der Privatakademie den Rücken und begab sich nach Como, wo sie im Studio «Farkas Disegni» zwei Jahre lang Textilmuster entwarf. Die italienische Sprache war für sie nie eine Barriere: «Ich lerne gern und schnell Sprachen, momentan übe ich mich in Arabisch.» Es war schliesslich das Macho-Getue, das sie dazu bewog, in die Schweiz zurückzukehren. Hier zeichnete sie als freischaffende Illustratorin für den «Tagi» und die «Weltwoche».

Susan Schoch bildete sich an der Kunstgewerbeschule sowie an der «F+F» in Zürich weiter und nahm an Winterthurer Kunstwettbewerben teil – «ich wollte mich mal mit den Platzhirschen messen», erklärt sie. Zweimal ging sie als Gewinnerin hervor und wurde so in die Künstlerwelt «katapultiert».

1991 hatte sie ihre erste grosse Ausstellung mit Christopher Hunziker in der Kunsthalle Winterthur. Im selben Jahr sorgte ihr bisher grösstes Werk für Gesprächsstoff: der Stahlbogen vor der Kirche Rosenberg, ein Kunst-am-Bau-Projekt. Trotz teilweise negativer Kritik oder Unverständnis liess sie sich nie aus der Bahn werfen. «Just do it!», steht auf einem Zettel, den Susan Schoch an eine Wand in ihrem Atelier geklebt hat. «Ne me frega un cazzo» (Mir ist es scheissegal), prangt auf einem Blatt Papier.

 

Zusatzinfos

Eine nächste Ausstellung – eine Installation als Hommage an die Stadtbibliothek – ist schon geplant: Fürs Auge gibt es bestickte Kunst und fürs Ohr Gedichte der Lyrikerin Ruth Loosli.

Blindes Vertrauen zur Musik
Blindes Vertrauen zur Musik
Im Porträt

Seit 13 Jahren ist Fabian Frischknecht aka Fabe Vega mit der Gitarre unterwegs. Dabei fordert der feinfühlige Musiker nicht nur sich selbst heraus, sondern auch sein Publikum.

Der Reparateur
Der Reparateur
Im Porträt

Der Trend zurück zum Analogen kam für ihn genau richtig. Pascal Vogel hat seine eigene Werkstatt, in der er Tonbandgeräte und Plattenspieler wieder zum Laufen bringt.

Mit dem Strom, aber anders
Mit dem Strom, aber anders
Im Porträt

Vom quirligen Pop des Duos Ikan Hyu bis zum Schlager mit der Fernsehband: Die Winterthurer Musikerin Anisa Djojoatmodjo macht vieles – auf ihre eigene Art.