«Ich möchte die Regeln neu schreiben»

«Ich möchte die Regeln neu schreiben»

Der Vater aus Ghana, die Mutter aus der Schweiz, Joshua Amissah dazwischen. Persönliche Erfahrungen politisierten den Winterthurer. Mit seiner Leidenschaft für Kunst verfolgt er vor allem ein Ziel: mehr Diversität in der Kultur.

Wie viele rassistische Sprüche Joshua Amissah schon über sich ergehen lassen musste, kann er nicht sagen. Aber seit er sich erinnern kann, gehören diese zu seinem Leben. Kommentare wie «Geh doch einfach zurück, wo du herkommst!», zeichneten den 25-Jährigen. Zu seinen frühsten Erinnerungen zählen die Worte seines Vaters, der in Ghana aufgewachsen ist und mit 31 Jahren in die Schweiz kam: «Joshua, in diesem Land müssen Menschen wie wir doppelt so viel arbeiten, um im Leben etwas zu erreichen.» Sein Vater ist der Erste aus seiner Familie, der die Universität besuchen konnte. Heute arbeitet er in Deutschland als Facharzt. Dass Joshua sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzt, ist unverkennbar.

Entschlossenen Schrittes bringt er mich an seinen Arbeitsplatz im Toni Areal. Mit rund 20 Mitstudierenden teilt er sich dort ein Atelier. Auf dem Tisch liegt seine Bachelorarbeit. «Die zeitgenössische Kunstindustrie ist sehr einseitig», sagt Joshua und ergänzt: «Das heisst, wir konsumieren hauptsächlich Kunst und Kultur von weissen Menschen.» Deshalb habe er sich entschieden, in seiner Arbeit einen knapp 500-seitigen Fotografie-Band zu erstellen, der ausschliesslich der Repräsentation von Black (or) People of Colour (BPoC) gewidmet ist. Das Buch zeigt durch zeitgenössische Fotografie das Spektrum Schwarzer Männlichkeiten. Für dieses wählte er Bilder von 28 Fotograf*innen aus, schrieb dazu Texte und gestaltete auch das Layout. Die letzten drei Wochen vor der Abgabe verbrachte er durchschnittlich zwölf Stunden täglich an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). «Kaffee mit Hafermilch und ohne Zucker halfen mir während dieser Zeit», fügt Joshua schmunzelnd hinzu.

 

Seit seiner Schulzeit befasst er sich mit Kunst und ihren Facetten. Ein erstes eigenes Werk entstand 2016 im Rahmen seiner Maturaarbeit. Dort produzierte er ein Fotobuch, in dem er die Selbstinszenierung der jungen Generation im digitalen Raum untersuchte. Ich sass im Publikum, als er seine Arbeit präsentierte. Bereits da faszinierte mich seine überzeugende Art. Mit einem iPad vor dem Gesicht eröffnete er den Auftritt und liess sein virtuelles Ich für ihn sprechen. Nach dem Wirtschaftsgymnasium an der Kantonsschule Büelrain in Winterthur ebnete er sich den Weg nach Zürich. Dort gelang es ihm, einen Platz an der Zürcher Hochschule der Künste zu ergattern. Nachdem er sein Fotografie-Studium abgebrochen hatte, wechselte er zur Studienrichtung «Trends & Identity». Dort setzen sich die Student*innen mit Trendforschung auseinander und eignen sich gestalterisches Wissen an. Der Grund für den Umbruch war das Interesse an eigenen diversen Projekten, die über die Fotografie hinaus reichen.

Während der ersten Semester am Toni Areal pendelte er täglich von Winterthur nach Zürich. Obwohl es ihn immer mehr in die grossen Städte zieht, bedeute Winterthur für ihn Heimat. Sein Lieblingsort: die Steinberggasse. Ein Ort der Begegnung. Im Februar ist er von Berlin zurückgekommen, wo er ein Auslandssemester absolvierte. Momentan wohnt er in einem befristeten Zimmer in einer Student*innenwohnung in Zürich.

Während des Studiums ergriff Joshua jede Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren und praktische Erfahrungen zu sammeln. Und: Es fällt ihm schwer, Projekte abzulehnen. Die Worte seines Vaters prägen ihn zu stark. Seit seinem Studiengangswechsel habe auch ich als gute Freundin den Überblick über sein Portfolio verloren. Seine Website schmücken mittlerweile Namen wie KW Institute for Contemporary Art, Akut Mag, Klima-Allianz Schweiz und photoSchweiz. Allen Projekten gemeinsam ist der politische Antrieb. Angefangen mit einem Artikel gegen Homophobie für das Coucou bis hin zur Kuration der Ausstellung Black Art Matters im Jahr 2020. Mit Schreiben, Kuratieren aber auch dem Entwerfen und Zusammenstellen von Collagen stellt er sich regelmässig neuen Herausforderungen. Themen wie Repräsentation und Sichtbarkeit sind ihm wichtig und seine Motivation ist gross, sich dafür einzusetzen und etwas zu verändern. Wie er das macht, ist unterschiedlich. Sei das in Form der Bachelorarbeit oder anhand seines Auftritts in den sozialen Medien: Aufklärung und Sensibilisierung gehören zu seinem Alltag. Fast täglich bespielt er seinen Instagram-Kanal mit Bildern von BPoC oder teilt seine Erfahrungen mit der Öffentlichkeit. Alles auf einen Schlag. Irgendwo zwischen Wut und Hoffnung, selbst von Diskriminierung betroffen, betont er die Dringlichkeit, sich für alle marginalisierten Gruppen einzusetzen.

Immer noch am Tisch sitzend, greift er in eine blaue, überdimensional grosse Ikea-Einkaufstasche. Bis auf zwei Finger sind alle Nägel lackiert. Es ist der gleiche Farbton wie der seines Pullis und seiner Socken. Nichts an seinem Äusseren überlässt er dem Zufall. Diese Charaktereigenschaft spiegelt sich bei seinen Zukunftsplänen wieder: Dank seinem Ehrgeiz angelte er sich im letzten Sommer eine der begehrten Praktikumsstellen bei der Vogue Germany. Diese Erfahrung sei für ihn ein Meilenstein, sagt er und erklärt: «Ich verstehe die Vogue als kulturelle Machtinstitution, die neue Trends beeinflusst. Sie entscheidet bis heute, was als Schönheitsideal gilt und was nicht.» Während der drei Monate beim Modemagazin nutzte er die Möglichkeit, bestehende Narrative aufzubrechen. Das bedeutet, dass jegliche Projekte, bei denen er mitwirken konnte, sich irgendwo zwischen Text und Bild mit marginalisierten Perspektiven auseinandersetzen. Dazu zählt beispielsweise ein publiziertes Interview mit einem Creative Director aus Ghana, dessen Hauptziel es ist, Künstler*innen afrikanischer Abstammung zu fördern., Dafür gründete dieser eine Plattform, die für Diversität steht und den Kontinent Afrika auf eine neue Art und Weise repräsentieren soll. Das Gespräch mit dem Creative Director sei für Joshua ermutigend gewesen und erinnerte ihn daran, woher er komme.

Über der Stuhllehne hängt ein bodenlanger rosaroter Mantel. Josh, wie ihn sein Umfeld nennt, liebt es, anzuecken. «Es geht darum, Regeln neu zu schreiben. Heteronormative Strukturen verleiten uns dazu, diesen Mantel viel eher mit einer Frau als zum Beispiel mit mir in Verbindung zu bringen.» Ein Mitstudent hat ihn selbst geschneidert und Joshua geschenkt.

Die dunklen Schatten unter seinen Augen sind ein Hinweis auf die Erschöpfung und den Stress der letzten Monate. Während des Semesters arbeitete er nebenbei bei einem Getränkeverteiler, um Geld zu verdienen und schrieb einmal im Monat einen Artikel für das Akut Mag. Doch nun erwarten ihn einige Veränderungen: Kürzlich erhielt Joshua eine Festanstellung bei der renommierten documenta in Kassel als Digital Editor. Ausserdem wurde seine Bachelorarbeit mit dem Förderpreis der ZHdK ausgezeichnet. Was sonst gerade noch für Projekte geplant sind, darf er mir noch nicht erzählen. Es bleibt spannend und eines bleibt ihm dabei ganz sicher in Erinnerung: «Wir müssen doppelt so viel arbeiten, um im Leben etwas zu erreichen.»

Sophie Ambühl studiert Journalismus an der ZHAW und ist mit Joshua seit acht Jahren befreundet.

Mina Monsef ist Fotografin aus Zürich und arbeitet im Bereich der Porträt- und Reportagefotografie.

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