Zu Besuch in der Dunkelkammer

Zu Besuch in der Dunkelkammer

Umut Arslan hat in Istanbul an der renommiertesten Universität des Landes Bildhauerei studiert. Heute ist er Sozialpädagoge und Analog-Fotograf und hat die Dunkelkammer «Analog Attack» im «machwerk» mitgegründet. Bei all seinem Schaffen steht die Suche nach Sinnhaftigkeit stets im Zentrum.

Ich treffe Umut zum Fotoshooting und Interview beim Lagerplatz, wo in einer ehemaligen Industriehalle die offene Werkstatt «machwerk» untergebracht ist. Dazu gehört auch die Dunkelkammer, die er vor ein paar Jahren zusammen mit seinem Kollegen Sascha Lehmann gegründet hat. Die beiden bieten dort Fotoentwicklungskurse an, die vor allem bei jüngeren Leuten auf Interesse stossen, die das analoge Fotografieren gerade neu entdecken.

Zusammen entwickeln wir die Negative der Schwarzweissbilder, die ich soeben von Umut gemacht habe. Ihn in Farbe und digital zu fotografieren, wäre irgendwie unpassend gewesen. Denn beim Fotografieren geht es ihm um eine bewusste Verlangsamung des Bildermachens und um eine Reduktion aufs Wesentliche - «da ist Farbe überflüssig». Für ihn ist die analoge Fotografie auch ein Auflehnen gegen die überwältigende Bilderflut, der wir täglich ausgesetzt sind: «Ich möchte so wenig wie möglich zur bereits existierenden Datenmenge auf dieser Welt beitragen.» Auch findet er, dass die Grenzen der analogen Schwarzweissfotografie noch lange nicht ausgereizt sind. «Ich gehe immer davon aus, dass das beste Foto noch nicht geschossen wurde.»

Entsprechend sorgfältig behandelt er auch jeden Negativstreifen, wenn er ihn in der absoluten Dunkelheit blind aus der Filmrolle zieht und flink auf eine Spule aufzieht, diese in einen lichtdichten Behälter einsetzt und Entwickler-Lösung hineingiesst. Während er den Behälter rhythmisch hin und her kippt, setzen wir das Interview fort. Auf die Frage, was er am liebsten fotografiert, antwortet er nicht in Kategorien wie Landschaft oder Porträt, sondern spricht über Motivation und Sinnhaftigkeit: «Meine Kunst ist kein Entertainment! Es geht mir nicht um Spass, sondern mir ist wichtig, dass eine gewisse Grundhaltung hinter meiner Fotografie erkennbar ist, und diese möchte ich bestmöglich transportieren. Ich möchte irgendwie einen nützlichen Beitrag leisten, wenn auch nur für eine kleine - aber die für mich richtige - Minderheit.» Ob er von der Fotografie leben wolle? «Ich würde nie für Nestlé oder so fotografieren. Lieber behalte ich meine künstlerische Freiheit und missbrauche nicht meine Leidenschaft für etwas, hinter dem ich nicht stehen kann.»

Szenenwechsel: Das deutsche Ruhrgebiet in den 70er Jahren. Hier wird Umut in eine türkische Gastarbeiterfamilie geboren. Dort verbringt er in einfachen Verhältnissen die ersten neun Jahre seiner Kindheit, bis die Familie in die Türkei zurückkehrt. «Schon damals hatte ich nur ein Ziel vor Augen: Künstler werden», erzählt Umut. Nach dem Gymnasium wird er nach einem harten Aufnahmeverfahren an der traditionsreichen Mimar-Sinan Universität der bildenden Künste in Istanbul in den Studiengang Bildhauerei aufgenommen. «Meine finanzielle Lage war dabei immer ein Hindernis. Ich brauchte Geld, und so begann ich, dem berühmten Filmemacher und Künstler Rasim Konyar zu assistieren. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet und wirklich alles, vom Modell über den Bronzeguss bis zum Aufbau von Ausstellungen, selbst gemacht. Irgendwann kam dann der grosse Maler Ömer Uluç mit einem verrückten Projekt zu uns, weil er gehört hatte, dass wir sehr experimentierfreudig seien. Danach wurde ich dessen Assistent.» So beginnt Umut, mit Uluç zu arbeiten und bewegt sich zwischen High Society und mittellosen Künstlern. Doch es kommt die Zeit, in der er sich entscheiden muss: vom türkischen Militär eingezogen werden, oder seinen Werten treu bleiben und das Land verlassen. Er entscheidet sich für Letzteres und lässt über Nacht alles, was er hat, zurück. So kommt er mit 27 nach Luzern. «Das war keine einfache Zeit. Meine künstlerischen Fähigkeiten schienen in der Schweiz nichts wert zu sein. Bevor ich hierherkam, war ich felsenfest überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Aber ich stellte fest, dass hier andere Werte - wie finanzielle Sicherheit – viel zentraler sind. Ich fühlte mich fehl am Platz.»

Das ist auch die Zeit, in der Umut eher zufällig zur analogen Fotografie findet: «Gerade, als alle begannen, digital zu fotografieren und ihre alte Ausrüstung spottbillig weggaben. Ich habe alle möglichen Apparate und Techniken ausprobiert und zu Hause meine eigene Dunkelkammer eingerichtet.» Um Geld zu verdienen, macht er Restaurationsarbeiten und alle möglichen Nebenjobs. Gleichzeitig knüpft er Kontakte in der Kunstszene und macht an Gruppenausstellungen mit. Zehn Jahre schlägt er sich so durch, dann zieht er nach Winterthur. Und er wird Vater. «Nun galt es erstmal, den Lebensunterhalt zu sichern. Ich wollte aber etwas tun, das ich für sinnvoll halte. So machte ich mit 35 noch die Ausbildung zum Sozialpädagogen.» Seit sieben Jahren arbeitet Umut nun in der Stiftung Andante, einem Tageszentrum für Menschen mit Hirnverletzung. Er hat dort seine eigene Werkstatt, wo er mit ihnen kreativ tätig ist. «Die Arbeit mit diesen Menschen hat mich sehr viel Neues gelehrt. Die Bedeutung des Lebens und wie schnell sich alles verändern kann, ist mir viel bewusster geworden. Es ist schön zu sehen, wie diese Leute, die vorher Manager*innen, IT-Spezialist*innen oder Bankangestellte waren und nichts mit Gestalten am Hut hatten, jetzt eifrig stundenlang am Zeichnen, Schnitzen und Werken sind. Ihre kognitiven Einschränkungen machen das Handwerk zum Teil schwer und man braucht viel Geduld, doch ich empfinde es als schöne, wichtige Arbeit – und von Zeit zu Zeit kommen sehr tiefgründige, philosophische Fragen auf – dann wird manchmal auch zwei Stunden lang diskutiert.»

Während dem Erzählen hat Umut die Chemikalien in der Entwicklerdose ausgewechselt und den sogenannten Fixierer hineingeleert. Dann hat er die Negative ausgiebig gewässert und den Negativstreifen an einem Haken in den Trockner gehängt. Endlich können wir das Resultat auf dem Leuchtpult betrachten. Und Umut hat Recht: Der ganze Prozess macht die Bilder irgendwie zu etwas Speziellem.

Sabina Diethelm ist freischaffende Journalistin und Fotografin und hat kürzlich einen Kurs in Analog-Fotografie bei Umut besucht.

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