Auch klassische Musik ist politisch

Auch klassische Musik ist politisch

Eine klassische Karriere als Bratschistin in einem Orchester zu machen, kam für Meredith Kuliew nie in Frage. Stattdessen hat die engagierte Winterthurerin 2018 ihr eigenes Orchester gegründet und setzt sich mit dem 2021 gegründeten Verein FemaleClassics dafür ein, dass mehr Kompositionen von Frauen gespielt werden – unter anderem mit einem eigenen Klassikfestival.

Ethel Smyth, Sofia Gubaidulina, Asia Ahmetjanova, Fanny Hensel und Florence Price: Das sind die Namen der Komponistinnen, deren Stücke am Festival FemaleClassics vom 16. bis am 19. Juni im Kunstraum Walcheturm in Zürich aufgeführt werden. Es ist das erste Festival in Zürich, an dem ausschliesslich Werke von Komponistinnen gespielt werden. Initiiert hat es Meredith Kuliew. Bei einer Recherche nach neuen Stücken aus der Zeit der Romantik hat die in Winterthur aufgewachsene Musikerin festgestellt, dass es eine Vielzahl an Komponistinnen gibt, die zu Lebzeiten bekannt waren, heute aber weitgehend vergessen sind. Sie war fasziniert und gleichzeitig über die Tatsache schockiert, dass in der Klassik so gut wie keine Werke, die von Frauen komponiert wurden, gespielt werden. «Diese Musik ist unerhört unerhört und gehört gehört!», erklärt Meredith. Das Zitat sei deshalb auch das Motto des Vereins FemaleClassics, den die künstlerische Leiterin des gleichnamigen Festivals 2021 gegründet hat, um Komponistinnen sichtbarer zu machen. «Mir fiel bei der Recherche auf, dass die Klassische Musik alles andere als divers ist.» Zwar spielten in den Orchestern viele Frauen, jedoch sei das Repertoire zu oft auf die Werke bekannter Komponisten beschränkt. Und während in der Popmusik seit Jahren eine 50 Prozent-Quote auf den Bühnen gefordert werde, erreichte die Debatte bisher die Klassik noch nicht. Das habe sie dazu bewegt, ein Festival zu organisieren, bei dem für einmal 100 Prozent Frauen gespielt werden.

 

Bereits als Dreijährige wollte Meredith Violinistin werden. Woher dieses Interesse für das Instrument kam, weiss sie nicht. «Niemand aus meiner Familie macht professionell Musik. Zwar hören alle gerne Musik, jedoch nicht zwingend Klassik», erzählt die heute 31-Jährige. Mit sechs Jahren erfüllte sich ihr Wunsch und sie durfte den Geigenunterricht besuchen. Sie erinnert sich zudem, dass sie zuhause oft klassische Musik gehört hat: «Ich mochte die Fantasiereisen. Klassische Musik zu hören ist für mich wie Film schauen – auch heute noch.» Und Bratsche zu spielen sei für sie wie eine Sprache zu sprechen, es sei ihre Art zu kommunizieren. «Meine Mutter hat kreativen Tanz unterrichtet. Sie regte sicherlich meine Kreativität an, von ihr habe ich aber vor allem gelernt, dass ich so sein darf, wie ich bin.»

 

«So sein dürfen, wie man ist.» Das sei in der Welt der Klassik nur bedingt möglich, sagt Meredith. «Der Tenor ist: Nach dem Abschluss spielt man in einem professionellen Orchester. Ich merkte jedoch rasch, dass das nicht meine Welt ist.» Wer nicht in einem Profi-Orchester spielt, verdient sein Geld selbstständig mit Unterrichten und Konzertieren. Das bedeute für viele, dass sie von Auftrag zu Auftrag rennen. «Da bleibt kaum Zeit, um sich Gedanken zu machen, was man eigentlich spielt, oder um ein neues Repertoire einzuüben», sagt die Bratschistin. Das Niveau sei zudem extrem hoch: In den zehn Jahren ihres Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Hochschule Luzern hat sie rund fünf Stunden täglich geübt, daneben privat unterrichtet und viele Konzerte gespielt. Wirklich Zeit, um für sich herauszufinden, was sie machen wolle, hatte sie erst, als sie sich – wenige Wochen vor dem Lockdown 2020 – entschieden hatte, ein Sabbatical einzulegen. Die geplante Konzertpause hat sie, wegen eines Live-Stream aus dem Schauspielhaus Zürich mit dem Streichtrio TriOlogie, dann zwar doch nicht eingehalten. Aber der Entscheid half ihr, selbstbestimmter bei Projektanfragen und Gagenverhandlungen aufzutreten. «Ich verdiene heute sogar mehr, obwohl ich weniger mache», sagt sie.

 

Seit 2021 unterrichtet Meredith die Streicherklassen im Schulhaus Rebwiesen in Töss. Vor zehn Jahren initiierte dort die Musiklehrerin und Cellistin Sabine von Werra im Rahmen des Musikunterrichts ein besonderes Projekt: Alle Schüler*innen, von der 1. bis zur 6. Klasse, spielen Geige, die Instrumente können sie für den Unterricht in der Schule ausleihen. «Geige zu spielen ist für die Schüler*innen kein Müssen, sondern das Ding im Rebwiesen», sagt Meredith und erzählt, wie die Kinder begeistert miteinander musizieren. Neben der Geige lernt ein Teil der Kinder unterdessen auch Cello, Ukulele und seit neustem sogar Kontrabass. Das Geigenprojekt im Rebwiesen unterstütze die Kinder beim Lernen, denn Musizieren helfe beim Denken, sagt Meredith. «Leider bleibt das Geigespielen für die meisten Schüler*innen auf die Schulzeit begrenzt.» Sie hofft jedoch, dass ein paar im erwachsenen Alter wieder zur Geige zurückfinden.

 

Der Entschluss, keine Orchesterkarriere machen zu wollen, war für die engagierte Musikerin befreiend – auch, um überhaupt Kritik an der Klassikszene äussern zu können. Meredith interessiert sich für Veränderung und versucht das in ihren eigenen Projekten ebenfalls umzusetzen: Mit TriOlogie, ihrem Streichtrio, spielt sie neben den üblichen Konzertsälen auch sehr gerne an unkonventionellen Orten und versucht die klassischen Muster aufzulockern. Zudem arbeitet TriOlogie zur Zeit an einem interdisziplinären Projekt mit der Winterthurer Künstlerin Johanna Müller. «Ich dachte früher, es sei modern, klassische Musik in Bars zu spielen. Aber wenn man nach wie vor das gleiche Repertoire spielt, ist das nicht wirklich revolutionär.» Sie gibt zu bedenken, dass ihr im Studium vermittelt worden sei, dass klassische Musik die höchste aller Künste sei. Genreübergreifende Projekte brechen deshalb mit jeglichen Konventionen. «Doch auch klassische Musik für sich ist politisch – gerade was die Programmauswahl angeht», sagt die engagierte Musikerin. Das bemerke man vor allem dann, wenn man versuche, etwas anders zu machen. «In meinem Beruf vergöttert man alte, weisse Männer», sagt sie, «Man setzt sie auf ein Podest: Wenn Orchester teils von einem über 90-Jährigen mit zittrigen Händen dirigiert werden, dann sei das die reine Repräsentation eines Namens, ein Statussymbol.» Kürzlich sei sie an einem Konzert in der Zürcher Tonhalle gewesen, welches von einer Stiftung organisiert wurde. «Die Stiftungspräsidentin erklärte in der Ansprache, weshalb sie zwei Stücke von zwei namhaften Komponistinnen, Clara Schumann und Fanny Hensel, ausgewählt haben. Ein älterer Mann aus dem Publikum stand auf, fiel ihr ins Wort und schimpfte, er habe keine Lust, sich ihr Gerede anzuhören, das Orchester solle endlich anfangen zu spielen», schildert sie die Szene, die für sie sinnbildlich für den Umgang mit Veränderungen in der Klassik stehe. Fanny Hensel werde zwar ab und zu aufgeführt, weil sie die Schwester des bekannten Felix Mendelssohn Bartholdy ist, und Clara Schumann wegen ihres berühmten Ehegattens. Die Tonhalle aber, sowie fast alle subventionierten klassischen Institutionen in der Deutschschweiz, spiele sonst fast ausschliesslich Kompositionen von weissen Männern. «Dabei gäbe es so viel spannende Werke zu entdecken – nicht nur von Frauen, auch von People of Color», sagt Meredith und empfiehlt neben Werken von Florence Price,  Emilie Mayer und Julia Perry, sich auch diejenigen von George Morrison und Joseph Boulogne Chevalier de Saint-George anzuhören. Letzterer sei auch als «Le Mozart Noir» bekannt.

 

Ihre Liebe zur klassischen Musik vermag auch andere zu begeistern. 2018 gründete Meredith in Zürich die «Stadtstriicher», ein Orchester für Erwachsene. Anfangs waren es vor allem ehemalige Schüler*innen, inzwischen seien auch viele Personen dabei, die nach einem Unterbruch wieder mit anderen zusammenspielen wollen. Das Niveau ist durchmischt, gespielt wird alles querbeet, vom Kanon über vereinfachte klassische Arrangements und Sinfonien über Pop-Arrangements und Filmmusik. «Bei den Stadtstriicher*innen wird das Zusammenspiel gefördert. Die Freude an der klassischen Musik steht im Zentrum», sagt Meredith. Dabei sei es ihr wichtig, «die Amateur*innen positiv zu bestärken und eine Fehlerkultur zu leben.» Da sie immer mehr Anfragen von ehemaligen Schüler*innen aus ihrer Heimatstadt erhält, plant sie ab Herbst eine zweite Gruppe in Winterthur aufzubauen, die sich jeden Samstagmorgen treffen soll. Ob sie diese Gruppe ebenfalls als Orchester, Ensemble oder Workshop konzipiere, sei noch offen.

 

 

Zusatzinfos

 

Das Festival FemaleClassics findet vom 16. bis 19. Juni im Kunstraum Walcheturm in Zürich statt. Gespielt werden Stücke von Ethel Smyth (16. Juni um 20 Uhr), Sofia Gubaidulina und Asia Ahmetjanova (am 17. Juni um 20 Uhr) und von Fanny Hensel und Florence Price (am 19. Juni um 11 Uhr). Zudem finden Gespräche statt: mit Viviane Nora Brodmann zu den Themen «Ethel Smyth: Eine Kämpferin, die man kennen sollte» sowie «Hensel und Price: Revolution mit Musik» und mit Asia Ahmetjanova über das Leben als Komponistin heute.

Eintritt: CHF 25/15, Eintritt frei mit Kulturlegi und für Sonart-Mitglieder

www.femaleclassics.com

 

 

Sandra Biberstein entdeckte im Klarinetten-Unterricht die Klassik, den Jazz und den Klezmer und war einige Jahre Teil des Rock-Orchesters The Conservators vom Konservatorium Winterthur. Parallel dazu nahm sie auch einige Jahre E-Gitarren-Unterricht. Heute spielt sie beide Instrumente neben der Arbeit als Redaktionsleiterin beim Coucou nur noch selten.

 

Alicia Olmos ist selbstständige Fotografin aus Madrid. Sie lebt und arbeitet in Zürich.

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