Die Buchstabensüchtige

Die Buchstabensüchtige

Barbara Tribelhorn weiss wie kaum jemand, was sich alles unter einer Buchdecke verbergen kann. Denn sie lebt für die Literatur.

Barbara liest alles. Ein Buch nach dem anderen. Von vorne bis hinten. Täglich den Landboten, die NZZ, den Tages-Anzeiger. Und sie liest alles, was ihr sonst noch ins Haus flattert – sogar Werbeprospekte, auch von vorne bis hinten. Als Kind machten ihre Augen nicht einmal vor nüchternen Inhaltstofflisten auf Shampoo- oder Cornflakes-Packungen halt. «Das ist schon fast unheimlich, ich weiss», sagt sie und lacht, während ihre grossen, kastanienbraunen Augen lodern. Unterdessen wabert die Sommerhitze in Wellen die Steibi rauf und runter. Barbara fragt, ob es störe, wenn sie rauche. Nein, kein Problem, wir sitzen ja draussen.

Die 35-Jährige ist in der Winterthurer Literaturszene eine feste Grösse. In der Stadtbibliothek arbeitete sie 15 Jahre als Bibliothekarin und begann schon früh, sich kulturpolitisch für die hiesige Literaturförderung einzusetzen. So war Barbara gerade mal Anfang 20, als sie zur Co-Präsidentin der Literarischen Vereinigung Winterthur ernannt wurde. Eine Mitgliedschaft bei der Winterthurer Kulturlobby folgte sowie ein Sitz im Stiftungsrat der Carl-Heinrich-Ernst-Kunststiftung. «Ich kämpfe dafür, dass die Literatur neben all den anderen lauten, ‹szenigen› Kultursparten nicht untergeht», sagt sie und steckt sich eine Zigarette an.

Ihr Wirken reicht längst über die städtischen Grenzen hinaus. Die Winterthurerin arbeitet in einem kleinen Pensum an den Bibliotheken Schaffhausen und ist hauptberuflich als Kulturmanagerin und Literaturverantwortliche im Kaufleuten Zürich tätig. Dort organisiert sie Events von A bis Z, betreut Künstler*innen, wählt die Moderation aus, regelt die Bookings und ist auch diejenige, die während den Auftritten hinter den Kulissen die Fäden zieht. Dabei hat Barbara oft mit berühmten Persönlichkeiten zu tun. Während sie die Asche von ihrer Zigarette abklopft, fallen Namen wie Reinhold Messner, Carla Del Ponte, Hazel Brugger, Harald Schmidt. Deren Promistatus habe sie anfangs sehr nervös gemacht. «Doch wozu diese Aufregung?», fragt sie. «Nach der Show, wenn die Anspannung fällt und die VIPs vollgepumpt mit Glückshormonen sind, ist die Atmosphäre total entspannt.»

Im Kaufleuten gibt es pro Jahr bis zu 200 Shows – 60 davon sind Lesungen. So steht der nächste Event schon vor der Tür: das Literaturfestival «Zürich liest», das Ende Oktober an verschiedenen Orten innerhalb des Kantons stattfindet. Seit Jahren moderiert Barbara dort Lesungen und ist schon von Anfang an in der Programmkommission mit dabei. Wir bekommen unsere Getränke und stossen an. Barbara nimmt einen kräftigen Schluck und sagt: «Am meisten freue ich mich auf die Eröffnung, die traditionell im Kaufleuten stattfindet, da kommt die ganze Szene zusammen.»

Am Puls der Literatur bekommt Barbara Manuskripte zu lesen, die noch gar nicht fertig oder erst Monate später für die Öffentlichkeit bestimmt sind. So stösst sie nicht selten auf literarische Perlen. In diese Kategorie fällt für sie ein Buch längst noch nicht, wenn es gut geschrieben ist. «Es muss auch eine gewisse Dringlichkeit haben, es muss wichtig sein und etwas zu sagen haben.» Erst kürzlich ist ihr wieder ein solches Werk unter die Augen gekommen: «‹Nickleboys›», sagt sie und strahlt, «Colson Whitehead hat mich damit völlig weggeblastet.»

Zum Bücherwurm wurde Barbara schon früh. «Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen und im Quartier weit und breit das einzige Mädchen gewesen», sagt die gebürtige Neftenbacherin. «Also war ich entweder der Goalie oder blieb zu Hause und las Bücher. Und wer immer mit ‹Bläuelen› heimkommt, zieht vielleicht irgendwann das Lesen dem Torhüten vor.» So wurde Barbara in der Gemeindebibliothek Neftenbach schnell zum Stammgast und hatte mit vierzehn die ganze Kinder- und Jugendbuchabteilung der Bibliothek komplett leer gelesen. «Dann bekam ich eine Bewilligung für die Erwachsenenbücher.» So habe sie weiter und immer weitergelesen, bis heute. Ihr Lesehunger sei nicht Eskapismus, sondern Neugierde. «Ich schnüffle halt gerne in fremden Leben rum.» Sie lacht beherzt, zieht an ihrer Zigi, hält inne – und stösst den Qualm wieder aus. Ihr Habitus vermittelt ohne Worte: Diese Frau ist ganz bei sich angekommen.

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