Ein gefährliches Alter

Ein gefährliches Alter

Das Schulhaus St. Georgen. Ein Backsteinbau mit Winterthurer Charme, umringt von majestätischen alten Laubbäumen. Jetzt gehören nur noch ein paar zufriedene Teenager auf den Pausenplatz und zwei Lehrer*innen mit Birkenstöcken dazwischen – die Zänipause aus dem Schweizer Heimatfilm wäre perfekt. Damit es trotzdem noch spannend wird, schreibt Eva Ashinze einen toten, sechzehnjährigen Sunnyboy ins Bild. In die kleine Grossstadt zieht endlich etwas Drama ein.

In ihrem dritten Fall ermittelt die Anwältin Moira van der Meer mal wieder in eigener Sache. Und dieses Mal ist die Polizei sogar Freund*in und Helfer*in. Keine korrupten Staatsanwält*innen, keine störrischen Polizist*innen. Wahrscheinlich haben mittlerweile sogar die Beamt*innen begriffen, dass die kettenrauchende Trinkerin irgendeinem Christie-Krimi entschlüpft sein muss. Wo immer van der Meer nachfragt, kriegt sie Antworten. Uns freuts. Im dritten Band löst sich nicht nur der Fall St. Georgen, sondern auch – die Stammleser dürfen aufatmen – die Geschichte über ihre vor zwanzig Jahren verschollene Schwester. Allerdings bedarf es dafür wieder eines Ausflugs nach Zürich, zu den richtig harten Jungs.

 

Wer im «Commi» am Technikum rumhängt, hat sein Leben noch einigermassen im Griff. Erst an der Langstrasse geht es dann richtig los. Ob Prostituierte und ihre Zuhälter, Heroin und Koks, Promis und ihre schmutzigen Geheimnisse. Es gibt nichts, worüber van der Meer nicht stolpern würde. Stimmt es also wirklich? Das Bild vom unschuldigen Winterthur, das sich zwischen Naherholungsgebieten und Agglomeration einkuschelt, während sich Drogen und Kriminalität in Zürich austoben? Wohl kaum.

 

An dieser Stelle schlägt Eva Ashinze einen interessanten Bogen zu einem unangenehmen Kapitel jüngster Stadtgeschichte. In Winterthur lassen sich bekanntlich nicht nur Kulturliebhaber*innen, Zuzüger*innen aus dem Thurgau und erwachsen gewordene Kinder aus der Agglomeration nieder. Sondern auch zahlreiche Evangelikale. Der «Landbote» schätzt, dass rund 3500 Winterthurer*innen einer Freikirche angehören. Und so zieht auch eine Schülerin ins Einzugsgebiet des St. Georgen, die mit einer überfrommen Mutter zu kämpfen hat. Welche Folgen der Kampf zwischen selbstbestimmtem Leben und der Gemeinde hat, sei an dieser Stelle offengelassen.

 

Wer dem Buch aber die Verunglimpfung religiöser Gruppen nachsagen will, sieht sich bald eines besseren belehrt. Nicht jede Art von Spiritualität wird gleich in Mord und Totschlag umgemünzt. Am besten zeigt dies van der Meers Vater, der überraschend aus Nigeria zurückkehrt. Dabei zeigt er sich von einer ganz neuen Seite. Als junger Vater, so erfuhr man in den letzten beiden Bänden, hatte er sich feige aus der Verantwortung gestohlen. Jetzt ist er mit ans Hellseherische grenzenden Fähigkeiten zurück, und verpasst dem Buch die Inhalte, die einen auch noch nach dem Lesen zum Nachdenken bleiben. Eva Ashinze setzt auf die gewohnte Karte und nimmt ihre Nebendarsteller als literarische Figuren in die Pflicht. Einziger Wehrmutstropfen: Die Hastings der Reihe – Nachbar Willy, Psychiater James oder Koch Asim – müssen zugunsten des Jimmy Japp für einmal hinter den Vorhang.

 

Zumindest Restaurantbesitzer Asim hinterlässt in diesem Buch noch einen besonderen Eindruck. Das legendäre «ginger chicken» des Pakistaners wird als Rezept verewigt. So bleibt einem nach der Lektüre des jüngsten Winterthurer Krimis nicht nur die Lese- sondern auch die Gaumenfreude.

Das «ginger curry» des Autors Tizian Schöni. Die Mitbewohner sagen: «schmeckt kriminalfallhaft».

Lesungen am 22. März in der Oldtimer Bar in Wülflingen, am 28. März um 19:30 Uhr in der Buchhandlung Obergass und am 4. April um 18:30 Uhr im Dimensione. Mehr Infos zur Anmeldung gibt es hier eva-ashinze.ch

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