Der Fall Maria Okeke

Der Fall Maria Okeke

Eine junge Nigerianerin stürzt von einer Autobahnbrücke in Wülflingen und wird mehrfach brutal überfahren. Ein tragischer Suizid oder grausamer Mord?

Langsam füllt sich der Saal «tiefrot» im zweiten Untergeschoss der Stadtbibliothek. Die Autorin begrüsst jeden Eintreffenden persönlich. Ihr ist die Nervosität anzumerken. Es ist ihre erste Lesung, der Krimi «Der Fall Maria Okeke» ein Debütwerk. Den ein oder anderen der ungefähr sechzig Zuschauer kennt Eva Ashinze bereits. Kein Wunder, denn die Anwältin und Mutter von zwei Kindern wohnt seit geraumer Zeit in Winterthur.

Auch Moira van der Meer, die Protagonistin des Buches, ist Anwältin. Auch sie lebt und arbeitet in Winterthur. «Ansonsten bestehen aber nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen uns beiden», wehrt Ashinze ab. Van der Meer ist Kettenraucherin und ertränkt ein nicht aufgearbeitetes Familiendrama regelmässig in Alkohol. Vor rassistischen Anfeindungen ist die Tochter eines Nigerianers sowieso nicht gefeit. Etwas Trost findet die Antiheldin lediglich bei ihrem Therapeuten und einem herzlichen Nachbarn. Einziger Freund ist ein lokaler Beizer.

Schliesslich brockt sie sich über einen Freundschaftsdienst für ebendiesen auch noch einen schwierigen Fall ein: Die 19-jährige Maria Okeke stürzt von einer Autobahnbrücke und stirbt unter tragischen Umständen. Die Staatsanwaltschaft will die Akte schliessen, alles sieht nach einem Selbstmord aus. Doch der Vater des Opfers glaubt nicht an Suizid und bittet die Anwältin, die Geschehnisse genauer unter die Lupe zu nehmen. Immer intensiver beschäftigt sich van der Meer mit den scheinbar aussichtslosen Nachforschungen. Doch mehr und mehr drängen sich auch ihre persönlichen Probleme in den Vordergrund.

Ashinze belebt ihre Charaktere gerne mit einer Prise Wirklichkeit. Eine Figur – welche, sei hier nicht verraten – habe sie in der Realität so wahrgenommen und unter anderem Namen in ihren Krimi einfliessen lassen. Aber nicht nur Teile der Figuren, auch die Örtlichkeiten sind real. Mal im «Bioladen hinter dem Bahnhof», beim «Café K.» am Neumarkt oder im Quartier Breite wird ermittelt. Für sie sei kein anderer Schauplatz in Frage gekommen, sagt Ashinze. Schliesslich kenne sie keine Stadt besser als Winterthur.

 Die Leidenschaft fürs Schreiben entdeckte die Autorin schon als Kind. Schriftstellerin war ein früher Berufswunsch. Erst ging es dann aber in Richtung Jura-Studium. Während diesem wagte Ashinze einen ersten Versuch. Der damals angeschriebene Roman sollte aber nie fertig werden. Zu kitschig, zu «Teenie» sei er gewesen. Auch nach der Studienzeit sei immer wieder etwas dazwischengekommen. Bis 2015, als sie sich selber einen Ruck gab und während eines halben Jahres das gesamte Buch niederschrieb. Auf wohl dosierten zweihundert Seiten legt uns die Autorin dar, dass auch die Winterthurer Kriminalszene alles andere als harmlos sein kann.

Durch einen gelungenen Einstieg kommt man schnell auf den Geschmack. Es geht zur Sache, der Fall wird eingeführt. Als die Ermittlungen aber ins Stocken geraten, ist auch die Leserin oder der Leser versucht, das Buch einmal wegzulegen. Man fühlt sich, wie die Anwältin selbst, frustriert ob der mageren Resultate ihrer Recherche. Ashinze gelingt es fast zu gut, der Leserin oder dem Leser die Sorgen und Leiden ihrer Protagonistin zu injizieren. Doch Geduld wird stets belohnt. Zwar dementiert die Hauptperson van der Meer, so etwas wie eine Miss Marple zu sein. Zuletzt beweist sie aber ebensolchen Marpleschen Scharfsinn und schliesst den Fall als echten Klassiker – mit der grossen Auflösung am Schluss – ab. Das Buch endet mit einem Knall, so viel sei schon einmal gesagt.

Die Lesung ist zu Ende, doch noch ist nicht an Feierabend zu denken. Frisch gebackene Fans wollen eine Signatur in ihrem persönlichen Exemplar. Auf die nächste Publikation müssen sie hoffentlich nicht mehr lange warten. Ein Folgeband ist bereits in Arbeit, die ersten fünfzig Seiten seien niedergeschrieben. Spätestens im Frühling 2017 sollte Moira van der Meer also wieder an einem neuen Fall zu kauen haben.

 

Lesung zum Buch «Der Fall Maria Okeke» in der Stadtbibliothek Winterthur.

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