Feurig wie Chili

Feurig wie Chili

Jojo Kunz scheut sich nicht, ihre Emotionen zu zeigen. Die 38-jährige Kontrabassistin und Klavierlehrerin hat reichlich Power: Einen Tag frei zu machen, fällt ihr nicht leicht.

Wenn Jojo Kunz den Kontrabass spielt, lässt sie sich von den Klangwogen mitreissen. Sie nimmt die Stimmungen der Musikstücke auf und verleiht ihnen auch mit ihrer Mimik einen Ausdruck: Mal blickt sie aufgewühlt und wehmütig, mal frohgemut, dann keck. Mit ihrer feurig-feinfühligen Art gibt Jojo Kunz der Musik ihre eigene, unverkennbare Note.


«Ich kann meine Emotionen nicht verstecken», sagt die 38-jährige Kontrabassistin. Als sie einmal «Dos gardenias» von Buena Vista Social Club vor Publikum spielte – Jojo Kunz war gerade von ihrem alljährlichen Kubaaufenthalt in die Schweiz zurückgekehrt –, habe sie sich auf die Lippen gebissen, um nicht losheulen zu müssen, erzählt die Musikerin. Natürlich gäbe es auch Zuschauerinnen und Zuschauer, die ihre Mimik als ablenkend oder störend empfänden. «Die müssen dann halt ihre Augen zumachen – ich bin so wie ich bin.»


Jojo Kunz wirkt authentisch und unverkrampft. Sie hat ein ausdrucksvolles und warmes Lachen. Inmitten unseres Gesprächs krempelt sie die Jeans hoch – Ringelsocken kommen zum Vorschein –, damit sie ihre langen Beine an der Sonne bräunen kann. Die Musikerin redet schnell und viel. «Du bist zu laut und zu schnell», habe sie schon als Mädchen öfter zu hören bekommen. Damals tanzte sie zu Vaters Boogie-Klängen und sass zuhause viel am alten Klavier. Später nahm sie Unterricht. Ihre Klavierlehrerin und auch die Eltern schlugen ihr vor, am Konservatorium in Winterthurer vorzuspielen.


Ihr Klavierstudium mit Nebenfach Kontrabass begann Jojo Kunz 1998 an der Musikhochschule Winterthur/Zürich. Nach der ersten Kontrabass-Stunde wusste sie: «Das wird mein Instrument.» Und dies trotz Einwänden ihrer Verwandtschaft; ihre Hände seien doch so klein, sie solle lieber Orgel oder Cello spielen. «Jetzt erst recht!», war ihre Antwort. Und sie gab Vollgas: Nach dem absolvierten Studium in Klavier studierte sie noch Kontrabass an der Musikhochschule Luzern. Zwischen durch zog es sie für ein Jahr in die Ferne – nach Kuba und Argentinien, wo sie sich musikalisch weiterbildete und einer weiteren Passion, dem Fotografieren, nachging.


Jojo Kunz trägt Ohrringe in Form einer Chilischote. Die in Winterthur aufgewachsene Musikerin hat ein feuriges Gemüt und reichlich Power. Einen Tag frei zu machen und einfach mal zu pausieren, fällt ihr nicht leicht: «Das muss ich noch lernen». Nur wenn sie sehr müde ist, kann sie mal «hängen», und dies tut sie am liebsten an der Sonne.


Auch im Winter muss sie nicht auf das Sonnenbad verzichten, denn dann weilt sie jeweils während zwei Monaten mit ihrem Freund, dem Kontrabassisten Herbert Kramis, in Havanna, im touristenarmen Stadtviertel Cayo Hueso. Jojo Kunz sagt: «Ich halte den Winter in der Schweiz nicht aus; wenn es so grau ist, komme ich mir vor wie in einem Käfig.»


Mit vollgetankten Energiespeichern und mit ein paar Flaschen kubanischem Rum im Gepäck geht es jeweils nach den Sportferien zurück nach Zürich, in die Zwei-Zimmer-Wohnung eines Musikerhauses. Dann legt Jojo Kunz wieder los – «mit Volldampf». Nebst Einsätzen in klassischen Orchestern, spielt sie als Kontrabassistin unter anderem in «Rumpel & Racine» (Duo mit der schwedischen Jazzsängerin Marianne Racine), «Freddy-Lukas» (Kontrabassduo mit Herbert Kramis), «Gufo Reale» (Brasil, Rota), «Trio Dacor» (Klassik über Piazzolla bis Moderne), «Trio Todo Tango» (Tango) und «Trio 9 de julio» (Tango und Folklore).


Klavier spielt Jojo Kunz momentan nicht mehr öffentlich –«wegen des Lampenfiebers und weil zwei Instrumente auf dem Niveau zu spielen, wie ich mir das vorstelle, nicht geht» –, dafür vor ihren Schülerinnen und Schülern: An der Musikschule Prova in Winterthur hat sie ein 30-Prozent-Pensum.In einem Gedicht, das eine gute Kollegin für Jojo Kunz schrieb, heisst es unter anderem: «Wenn du deinen Kontrabass transportierst, wirkst du stark. Aber wenn du erzählst, merke ich, dass du eine empfindsame Seele hast.»

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