Chronist durch Zufall

Chronist durch Zufall

Andreas Wolfensberger fängt mit seiner Kamera seit über 50 Jahren Abbilder der Realität ein. Dabei entstand eine bedeutungsvolle Fotosammlung über die Stadt Winterthur.

«Dass ich zum Chronisten der Winterthurer Stadtentwicklung wurde, hat sich so ergeben», sagt der 76-jährige Fotograf Andreas Wolfensberger. Über 50 Jahre lang hat er die Stadt Winterthur mit ihrer modischen Bevölkerung, multikulturellen Stimmung, ihren grossen Trendwendungen und kleinen Veränderungen festgehalten. So entstand ein einzigartiges Bildarchiv, das bereits in mehreren Fotobüchern veröffentlicht wurde. Und auch wenn so manches früher «besser» war, liebt Wolfensberger es noch heute, mit seiner Kamera die Dinge um ihn herum festzuhalten.

 

Mit Blick aufs Geschehen

Das erste Bild von Winterthur hat er während seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule, der heutigen ZHdK, aufgenommen. Gemeinsam mit einigen Studienkollegen durfte er ein Fotobuch über Winterthur gestalten. «Ich merkte, dass Winterthur besser zu mir passt als Zürich.» Und auch die Mieten waren erschwinglicher. Andreas Wolfensberger wünschte sich nichts sehnlicher als ein Atelier mitten in einer Stadt und mitten im Geschehen. An der General-Guisan-Strasse 33 wurde er schliesslich fündig.

Als 1993 die Schliessung der Grossgiesserei Sulzer anstand, war Wolfensberger, wie bei vielen anderen Winterthurer Ereignissen, vor Ort. «Ich bekam ein Übergewand, einen Helm in die Hand gedrückt und konnte ohne Einschränkungen fotografieren.» So gelang es ihm in den letzten fünf Monaten des Betriebs, historische Schätze in schwarz-weiss einzufangen. Nach der Verabschiedung mit Blasmusik und einem Essen im Wohlfahrtshaus durften alle Mitarbeiter das Buch «1310 Grad Celsius» nach Hause nehmen.

Inzwischen lebt Wolfensberger da, wo früher die Giesserei stand. Das grosse Fenster in seiner Galerie und Wohnung gewährt eine verlockende Aussicht auf den Eulachpark in Hegi. Von vorbeifahrenden Velos und spazierenden Menschen mit Hunden lässt er sich aber nicht ablenken. Trotzdem ist der Blick aus dem Fenster eine gute Inspirationsquelle. Für seine Bilder, die oft einen dokumentarischen Stil zeigen, muss er unter die Leute gehen und nahe herangehen. Gleichzeitig gewährt das Fenster auch den Vorübergehenden einen sehr guten Einblick in sein privates Leben, was ihn nicht stört. «Ich kann die Storen auch schliessen», meint er.

 

Liebe in Schwarz-Weiss

«Ich wurde Fotograf, weil es das Natürlichste für mich war, das musste einfach mein Weg werden.» Wolfensberger war schon immer aufmerksam und interessierte sich für das, was um ihn herum geschah. Er liebte es, seine fotografischen Geschichten in schwarz-weiss festzuhalten. Doch noch schneller als sich Winterthur veränderte, entwickelte sich die Fotografie. An der neuen Technik stört er sich nicht gross, er hat den Wandel mit der Hilfe eines guten Freundes einigermassen überstanden. «Man schaut nach wie vor durch die Kamera, drückt den Auslöser und fängt ein Bild ein.» Wovon er sich aber nicht trennen kann, ist die Schwarz-Weiss-Fotografie. «Ich liebe sie einfach. Auch weil sie von Anfang an eine Abstraktion ist.» Ganz im Gegensatz zur Farbfotografie, die aber für die meisten Menschen der Realität näherkommt.

 Ein Leben mit der Fotografie

Andreas Wolfensberger ist in seinem Leben viel und weit gereist. Es kam für ihn aber nie infrage, sich irgendwo anders niederzulassen, auch wenn dort die Sujets vielleicht noch spannender gewesen wären. Immer wieder kam er nach Winterthur zurück, wo er sein Umfeld und seine Freunde hat. Hier arbeitete er schon mit unzähligen Leuten zusammen. Sein vorläufig letztes Projekt «Winterthur. Stadt im Umbruch», ein Fotobuch, das erst letztes Jahr publiziert wurde, war sehr aufreibend und belastete ihn über Jahre hinweg. Deshalb braucht er nun etwas Zeit, um sich zu erholen und sein Arbeitsumfeld zu verändern. Nach einer Reise zu den Kapverden, die er unternahm, um Abstand zu gewinnen, will er nun neu anfangen.

Er wird die Tür zu seiner «Galerie am Eulachpark» wieder regelmässiger öffnen und Künstlerinnen und Künstlern den Ausstellungsplatz zur Verfügung stellen. Denn er geniesst es, wenn fremde Bilder oder Kunstwerke aufgehängt sind. Das erzeuge jeweils eine andere Stimmung in seiner Wohnung. «Ich lebe mit der Fotografie, und solche Projekte sind mir wichtig. Ich kann nicht einfach wandern gehen, wie das andere Pensionäre tun.»

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