Der Glückspilz

Der Glückspilz

Eine nächtliche Begegnung mit einem tschechischen Mimen führte den jungen Joe Fenner in die Welt der Geschichten und Illusionen. Heute unterrichtet er an der Theaterschule Dimitri.

«Ich habe viel Schwein gehabt im Leben», sagt Joe Fenner. Dabei richtet sich der Mann im schwarz-weissen Ringelpullover auf; seine Locken wippen, während er mit den Händen seine Worte unterstreicht. Das sage er auch seinen Schülern, wenn er sie ermutige ihren Weg als Schauspieler zu gehen. «Diszipliniert war ich nie, aber immer optimistisch.»

Der Winterthurer leitet Workshops für Clowns an der Accademia Teatro Dimitri im Tessin und spielt in diversen eigenen Projekten mit. «Die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld ist der neueste Gag», scherzt er und spielt damit auf sein vielfältiges Schaffen in der freien Theaterszene an. Ein Engagement in einer staatlichen Institution kam für ihn nie in Frage. Ganz zu Beginn seiner Karriere war er für ein halbes Jahr «Edelstatist», wie er es selbst nennt, auf der Bühne des Basler Theaters. «Ich fand das Ganze desillusionierend; die angestellten Schauspieler sassen in der Kantine und warteten auf ihren Auftritt», erzählt er. Lieber mache er eigene Projekte. Mit seiner Partnerin trat er 15 Jahre lang als «Tandem Tinta Blu» auf. Die Selbständigkeit bot ihm einerseits Freiheiten, führte aber andererseits auch zu finanziellen Engpässen. Als seine Partnerin wegen Rückenbeschwerden eine Zeit lang nicht spielen konnte, produzierte er aus der Not heraus ein Soloprogramm. Und er arbeitete auch mal als Kellner, wenn die Kasse knapp wurde. «Viele Artisten und Artistinnen gehen in ihren angestammten Beruf zurück, lassen sich zur Lehrerin oder zum Körpertherapeuten weiterbilden, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auf der Bühne stehen können oder der finanzielle Druck zu gross wird.» Letztlich sei Eigeninitiative gefragt. «Eigentlich wäre ich ja pensioniert, aber manchmal arbeite ich heute mehr als früher.» Die Arbeit mache ihm zum Glück nach wie vor Spass.

Glück hatte er auch mit Begegnungen, wie diejenige mit dem tschechischen Mimen Ctibor Turba. Joe Fenner studierte damals noch Architektur an der ETH, als er an einem Montagabend nach einer Party bei lauter Musik seine Wohnung in Zürich aufräumte. Es klopfte jemand am Fenster. «Ich sah nur Haare und eine grosse Nase», erzählt Joe Fenner und formt mit seinen Händen einen ausgewachsenen Bubikopf und das markante Riechorgan. Vor dem Fenster stand Turba und fragte, ob er reinkommen dürfe – zur Party. Die Party war schon zu Ende, die Begegnung jedoch der Anstoss zu Joe Fenners Schauspielkarriere.

So war es der Tscheche, der ihm von der «École de Mime» in Paris erzählte. «Ich dachte, wenn ich in meinem Leben noch etwas anderes machen möchte, dann jetzt!» Der damals 26-Jährige packte sein gesamtes Geld zusammen, mietete sich bei einer französischen Aristokratin ein und spielte fortan jeden Morgen mit rund 35 anderen Studentinnen und Studenten Improvisationstheater. Den restlichen Tag hing er in der Pariser Bohème rum. Ein Jahr später war das Geld ausgegeben, und Joe Fenner kehrte zurück in die Schweiz.

Der Wechsel war gut für den jungen Schauspielaspiranten. «Ich brauchte mehr Strukturen, wenn ich etwas erreichen wollte.» Und da kam die neu eröffnete Dimitri-Schule in Verscio genau richtig. Mit 45 anderen jungen Leuten der 68er-Generation zog er 1975 in das konservative 500-Seelen-Dorf im Tessin. «Es war wie im Kloster – aber einem lustigen Kloster.» Tagsüber arbeiteten sie hart; übten Saltos, lernten Tanz und Schauspiel. Abends liessen sie es krachen – «Männlein und Weiblein», sagt er zwinkernd.

Das Glück öffnete Joe Fenner Türen, aber Frauen stellten ihm die Weichen. «Ich habe mich oft und heftig verliebt», erzählt er und kichert. Den Frauen wegen wechselte er zweimal das Studienfach oder zog von Zürich nach Paris. Frauen waren ihm aber auch langjährige Partnerinnen, ob auf oder neben der Bühne sowie im Leben.

Er erzählt seine Geschichten mit viel Humor und immer mal wieder einem Hauch Sarkasmus. Manchmal redet er minutenlang und lässt sich nicht unterbrechen. Wenn man ihn zum Beispiel nach der Handlung seines letzten Stücks fragt, schwärmt er: «Ich liebe einfach Geschichten – gut erzählt und gut gespielt.» Die Geschichten sind der Grund, weshalb er Theater spielt. «Um sich in der freien Theaterszene durchsetzen zu können, braucht es Knochenarbeit und Geduld», das sage er auch seinen Studenten. Und eben: ab und zu auch etwas Schwein.

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