Jael Signer

Kein Tag wie der andere

Ihre Leidenschaft hat sich Jael Signer zum Beruf gemacht. Und obwohl sie kaum Freizeit hat, fühlt sich das Schneidern für sie nicht wie Arbeit an.

Jael Signer sitzt auf einem Gartenstuhl vor ihrem Laden und schenkt Wasser in ihr Glas ein. Dann beginnt sie zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie vor drei Jahren in der Neustadtgasse einen eigenen Laden eröffnet hat: Als Näherin hatte sie in einer Filiale gearbeitet, welche die Uniformen verschiedener Flight-Attendants anpasste. «Meine Beschäftigung bestand hauptsächlich darin, Hosen und Ärmel zu kürzen. Dieser Job war sehr eintönig und irgendwie nicht das Richtige für mich, so dass mir die Entscheidung, mich selbstständig zu machen, mehr oder weniger abgenommen wurde.» Sie habe nie aktiv nach einem Ladenlokal gesucht, als sie dann jedoch auf die Räumlichkeiten in der Neustadtgasse stiess, nutzte Jael die Gelegenheit und kündete ihre damalige Arbeitsstelle.

Einen Moment hält sie inne und fügt dann an, dass sie womöglich nicht gleich entschieden hätte, wäre da nicht dieser Job als Näherin und die Unterstützung ihrer Familie gewesen. Zeit, sich aktiv Gedanken über ihre Entscheidung zu machen, habe sie nicht gehabt, die Selbstständigkeit habe sie eher als einzige Option betrachtet.

Jaels Laden zeigt keine Ähnlichkeiten mehr mit dem «dunklen Loch», wie sie den ursprünglichen Raum beschreibt. Die Wände sind weiss getäfert, hinter der Nähmaschine stapeln sich Einmachgläser mit Scheren, Nadeln und Knöpfen. Die Holzdielen, auf denen sie manchmal die Kleider ihrer Kundinnen und Kunden absteckt, tragen zur gemütlichen Atmosphäre bei.

Jael ist eine aufgeweckte Person. Ihre Augen funkeln, wenn sie über ihren Beruf spricht, und auch die Schneiderschere hat sie in Form einer Tätowierung an ihrem Unterarm immer bei sich. Es fühlt sich für sie nicht wie Arbeit an, wenn sie von Montag bis Samstag im Laden ihre Kundinnen und Kunden bedient und für diese näht. «Das hat aber auch seine Tücken», erklärt sie, weil sie oftmals glaubt, keine Pausen machen zu müssen, was aber natürlich nicht stimme. Sie ist froh, nicht allzu nah an ihrem Laden zu wohnen, sonst würde sie nachts mit dem Arbeiten wohl nicht mehr aufhören. Auf die Frage, was sie ausserhalb ihrer Arbeitszeit macht, entgegnet Jael, dass sie eigentlich gar nicht so viel Freizeit habe und sich deshalb vor allem Zeit für ihren Freundeskreis oder die Familie nimmt. «Falls ich mit meiner Arbeit einmal im Verzug bin, kommen immer wieder Freundinnen und Kollegen vorbei und helfen mir. Meist erledigen sie dann kleinere Fleissarbeiten wie zum Beispiel das Zuschneiden von Stoffbändern.» Auf die Unterstützung ihrer Freunde und Familienmitglieder könne sie immer zählen.

 Jael streicht ein paar Locken hinter ihr Ohr und erzählt schmunzelnd, dass zuvor ein verzweifelter Trauzeuge, dessen Fliege für die Hochzeit am nächsten Tag nicht geliefert worden ist, in ihren Laden kam. Sie nähte ihm kurzerhand ein Replikat der Fliege, obwohl sie aufgrund ihrer Ferienvorbereitung eigentlich gerade alle Hände voll zu tun hat. Auch sonst kommen viele Menschen mit der Bitte vorbei, ihnen ihr liebstes Kleidungsstück exakt zu kopieren. «Ich selbst habe eigentlich kein Lieblingsstück, allgemein besitze ich sehr wenige Kleider. Das liegt zum einen daran, dass ich alles sehr genau anschaue, bevor ich es kaufe. Zum anderen, weil ich meine Kleider möglichst selber machen möchte.»

 Es freut Jael besonders, wenn sich Leute bewusst dazu entschliessen, sich ein Kleidungstück von ihr nähen zu lassen. Sie erhofft sich, diese Möglichkeit bieten zu können, ohne dass dafür Unsummen bezahlt werden müssen. Dass jemand von Anfang an bei der Entstehung seiner Kleidung dabei sein kann, sei nämlich etwas sehr Schönes. Genauso gerne verwandelt sie selten getragene Kleidungsstücke mit Hilfe kleiner Änderungen zu etwas komplett Neuem. Diese Änderungen sind es, die für eine grosse Abwechslung in Jaels Arbeit sorgen: «Jeder Tag sieht anders aus,» sagt Jael und betont, wie dankbar sie dafür sei, dass ihr das alles überhaupt möglich ist.

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