Luca Santarossa

«Entweder ganz oder gar nicht»

Luca Santarossa hat viele Jobs gemacht, bis er da war, wo er heute ist. Doch nun scheint der Radio-Kursleiter angekommen und setzt sich mit viel Herzblut für seine Projekte ein.

«Wir leben in einem Land, in dem wir nicht arbeiten müssten, damit am Abend etwas auf dem Tisch steht», sagt Luca Santarossa. Er fasst sich ans Kinn und fährt mit der Hand durch seinen langen Bart. Die komfortable Lage beinhaltet für ihn aber eine moralische Verpflichtung: Man sollte nur das tun, was man gerne macht oder eben das gerne tun, was man macht. Deshalb arbeitet der Winterthurer bei der Radioschule Klipp + Klang. Da widmet er sich unter anderem dem Projekt Radio loco-motivo, bei dem Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrungen zusammen Radio machen. Die Sendung zeigt eine Welt, mit der die meisten wenig Berührungspunkte haben. «Menschen, die in der Gesellschaft keine Stimme bekommen, sollen hier gehört werden», sagt Luca Santarossa mit ruhiger und klarer Stimme. Betroffene lernen das Radioschaffen und werden begleitet, bis sie regelmässig und selbstständig Sendungen produzieren. «Bis anhin wurde ihnen gesagt, was sie machen müssen.» Beim Radiomachen findet jedoch ein wichtiger Rollenwechsel statt: Das Ziel ist, dass die Radioschaffenden einen fixen Sendeplatz in einer der vier Redaktionen erhalten, die sich am Projekt beteiligen.

Mit konzentriertem Blick schaut Luca Santarossa über seine rechte Schulter aus dem Fenster und lässt sich die nächste Frage durch den Kopf gehen. Seine Antworten muss man weder kürzen noch ändern. Er ist sich gewohnt, Sätze zu sagen, die das Gegenüber überzeugen oder neugierig machen: «Es ist schön, einen Weg bis zur Türe aufzuzeigen», sagt er, «ob die Menschen diese Türe dann öffnen, ist ihre Entscheidung.»

Er versteht sich gut mit jungen Menschen, weshalb er auch Radiokurse für Kinder und Jugendliche gibt. Der Berufswunsch, einmal etwas mit Medien zu machen, ist bei vielen gross. In Projektwochen lernen sie das Medium Radio kennen und erfahren, wie es gelingt, Hörerinnen und Hörer zu fesseln. «Das Radio ist einfach grossartig, es ist das einzige Medium, das nur über einen Sinn funktioniert», sagt Luca Santarossa. Heute sitzt allerdings kaum mehr jemand neben das Radio und hört konzentriert zu. Es ist schon lange zu einem Nebenmedium verkommen. Das sieht der Radio-Kursleiter aber nicht nur als Schwäche: «Wenn man es schafft, die Leute zu fesseln, ist es umso schöner.»

Medienkompetenz ist auch Teil des Kurses: «Erwachsene meinen, dass Kinder und Jugendliche Social Media und den Umgang damit lernen müssen. Dabei ist es genau umgekehrt.» Viele Erwachsene, besonders auch Lehrpersonen, stehen unter Druck zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen und die digitale Welt nicht verstehen. «Deshalb sind solche Projektwochen auch für sie sehr wertvoll.» Die Jugendlichen sollen vor allem in Bezug auf die Internetkultur etwas lernen: «Sie müssen wissen, dass es im Netz nichts gratis gibt.»

Luca Santarossa arbeitet auch sonst für die Kultur in Winterthur. So nahm er diesen Sommer die Programmation zum 200-jährigen Geburtstag des Velos im Kino Nische in die Hand. Obwohl die Arbeit hauptsächlich Organisation und Administration bedeutete, setzt er gerne solche Projekte um. Aber er ist sich bewusst, «dass es keinen Job gibt, in dem man nur kreativ sein kann.» Es gehe darum, dass man am Schluss etwas gemacht habe, mit dem man zufrieden sei. Deshalb setzt er sich gerne für Dinge ein, die nicht bereits von einer kommerziellen Plattform profitieren. «Das sind erst die inhaltlich spannenden Sachen.»

Was Luca Santarossa macht, macht er mit ganzem Herzen. Er kanalisiere seine Energie, wo es etwas bringe, sagt er. «Früher haben wir Steine geworfen, heute setze ich meine Energie auf eine andere Art sinnvoll ein.» So beispielsweise in seine Band The Eldorado Orchestra, die im November ihr 20-jähriges Jubiläum im Kraftfeld feiert. Seine Jobs seien immer wieder eine Herausforderung. Damit meint er nicht, dass es schwierig sei, alles unter einen Hut zu bringen, sondern dass ihn seine Arbeit zwinge, sich immer wieder neu zu erfinden. Aber das sei genau das, was es ausmache: «Denn wenn du am Morgen aufstehst und nicht glücklich bist, dann musst du etwas ändern.»

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