Simone Cheremeteff

«Um 9 Uhr schlafen die Füsse noch»

Simone Cheremeteffs Tanzkarriere begann an der Ballettschule für das Opernhaus Zürich. Seit 29 Jahren ist sie nun Tanzlehrerin in ihrem eigenen Dance Center in Winterthur.

Simone Cheremeteff langes gewelltes Haar, Kajal, Carmen-Bluse – steht im Tanzsaal. Ihre Füsse stecken in Espadrilles, die Spitzenschuhe hat sie an den Nagel gehängt. Früher, als sie im Rampenlicht stand, «vertanzte» sie rund 80 Paare pro Saison. «Die Spitzenschuhe fehlen mir nicht», sagt die 67-jährige Tanzlehrerin und lacht. Das Theaterleben und die Compagnie vermisse sie aber.

Die gebürtige Winterthurerin ist Inhaberin des Dance Centers Winterthur, wo sie mit ihrem Ehemann Dmitry, ihrer Tochter Julia Natascha und der deutschen Tänzerin Marika Girschweiler klassisches Ballett, Modern- und Jazztanz unterrichtet. Ihre ersten Tanzschritte machte Simone Cheremeteff mit vier Jahren an der Tanzschule in Winterthur. «Damals gab es hier noch keine Ballettschulen.» Ihre Tanzkarriere begann 1965, als sie mit 16 Jahren die Ballettschule für das Opernhaus Zürich besuchte. Neben der Tanzausbildung machte sie die Lehre als Dekorationsgestalterin und absolvierte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Mit 18 Jahren erhielt sie das Ticket nach London: Nicholas Beriozoff, einstiger Ballettdirektor am Opernhaus Zürich, schickte sie in die Masterklasse der Royal Ballet School. Eigentlich sollte Cheremeteff ans Bolschoi-Theater nach Moskau, wo sie für einen Ballettwettbewerb angemeldet war. Sie verletzte sich dann aber während einer Probe den Fuss – ihr erster und letzter Unfall. Alles, was geschehe, sei vorbestimmt, sagt sie und rückt ihre rote Brille im Haar zurecht.

Simone Cheremeteff ist keine Vielrednerin, drückt sich lieber im Tanz als in Worten aus. Manchmal sagt sie: «Das kann ich nicht in Worte fassen.» Ihre Stimme hat etwas Weiches, schon fast Verletzliches, ihr Gang etwas Stolzes. Sie sei schüchtern, daher sei sie Tänzerin und nicht Staubsaugerverkäuferin geworden. Sie beschreibt sich als ehrgeizig und ausdauernd: «In London habe ich jedes freiwillige Training besucht und auch während der Ferien geübt.» Das Training begann jeweils um 9 Uhr. «Dann schlafen die Füsse noch.»

Ihr erstes Engagement führte sie von London ans Zürcher Opernhaus zurück, wo sie ihren Ehemann kennenlernte und sich für ein Jahrzehnt als Tänzerin verpflichtete. Unter anderem tanzte sie das Ballett «Raymonda», welches vom tatarischen Tänzer und Choreographen Rudolf Nurejew inszeniert wurde. «Es war ein Erlebnis, mit ihm im selben Ballettsaal zu sein.» Er musste nur den Raum betreten, und schon sei man baff gewesen.

Nach Zürich folgte Stockholm. Simone Cheremeteff trat mit ihrem Mann und 120 Tänzerinnen und Tänzern an der Königlichen Oper in Stockholm auf. Einmal jährlich tourte die Compagnie durch Schweden, bis nach Lappland. «Da wächst man schon zusammen.» Mit 30 Jahren gebar sie ihre Tochter, mit der sie drei Jahre später zur Schwiegermutter – ebenfalls Ballettlehrerin – nach Kanada reiste. Dort begann sie zu unterrichten. Als ihre Tochter vier Jahre alt war, kehrte sie nach Winterthur, in ihre Heimatstadt, zurück. «Mein Mann und ich wollten, dass unsere Tochter in der Schweiz zur Schule geht.» 1988, mit 39 Jahren, gründete sie das Dance Center – «ein langersehnter Traum». Sie besitze die Gabe, in ihren 140 Schülerinnen und Schülern die Freude am Tanz zu wecken. Adina Weber, seit 16 Jahren eine Schülerin Cheremeteffs, sagt: «Wenn du dir im Unterricht Mühe gibst und bereit bist, etwas zu leisten, dann gibt sie dir eine Chance. Egal ob du beweglich bist oder nicht.» Simone sei eine herzliche, fürsorgliche und starke Frau, die für ihre Meinung einstehe. Von aussen wirke sie vielleicht nicht immer offen und stark. «Diese Stärke leuchtet eben von innen heraus.»

Simone Cheremeteff verlässt den Tanzsaal, nimmt den Aufzug, um ins Kostümlager zu gelangen. Tanztrikots hängen an Kleiderstangen, Tutus von der Decke – in allen Farben, teilweise mit Pailletten, Blumen oder Spitze bestückt. Die Tanzlehrerin näht die Kostüme für die Auftritte ihrer Schüler selber. Diesen Juni stand das Märchen «Hänsel und Gretel» auf dem Programm. Cheremeteff «flüchtet» gern ins Kostümlager, in diesen farbenfrohen, glitzernden Kokon: «Da lebe ich in meiner Welt, wo Glitzer nicht fehlen darf.»

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